Radisson Hotel Group versucht, ein Versprechen einzulösen, an dem sich die Branche seit Jahren abarbeitet: klimaneutrale Hotelbetriebe nicht nur als Pilotprojekte zu demonstrieren, sondern in die Breite zu tragen. Auf dem International Hospitality Investment Forum (IHIF) 2026 in Berlin hat das Unternehmen nun den Übergang seines Programms „Verified Net Zero Hotels“ von einer Testphase in ein skalierbares Modell angekündigt. Bis 2030 sollen weltweit 100 Hotels nach diesem Standard betrieben werden. Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die über das einzelne Unternehmen hinausweist: Lässt sich der energieintensive Hotelbetrieb tatsächlich in Richtung Netto-Null transformieren, ohne dass Wirtschaftlichkeit und Komfort leiden.
Der Ansatz von Radisson ist zunächst technischer Natur. Die Emissionen aus dem direkten Betrieb, also Heizung, Kühlung und Stromverbrauch, sollen vollständig eliminiert werden. Das geschieht durch Elektrifizierung, die Einbindung erneuerbarer Energien und den Anschluss an entsprechende städtische Netze. Schwieriger ist der Umgang mit den indirekten Emissionen, etwa aus Lieferketten, Lebensmittelproduktion oder Geschäftsreisen. Hier setzt das Programm auf Reduktion statt vollständiger Vermeidung. Es ist ein realistischer Zugriff auf ein strukturelles Problem der Branche: Ein erheblicher Teil der Klimabilanz eines Hotels entsteht jenseits seiner eigenen Mauern.
Dass das Programm nun über Europa hinaus ausgeweitet wird, ist nicht nur eine geografische, sondern auch eine strategische Zäsur. Nach ersten Projekten in Oslo und Manchester soll die nächste Phase in Norwegen beginnen und anschließend auf Dänemark, Schweden, Großbritannien und Südafrika ausgeweitet werden. Gerade der Schritt nach Afrika ist bemerkenswert, weil dort infrastrukturelle Voraussetzungen für eine durchgängig erneuerbare Energieversorgung oft weniger stabil sind als in Nordeuropa. Wenn das Modell dort funktioniert, gewinnt es an Glaubwürdigkeit.
Die bisherigen Ergebnisse aus den Pilothotels deuten darauf hin, dass Nachhaltigkeit zumindest kein unmittelbarer Wettbewerbsnachteil ist. Interne Daten zeigen eine vergleichsweise hohe Wahrnehmung des Konzepts bei den Gästen; ein relevanter Anteil gibt an, sich bewusst für ein klimaneutrales Hotel entschieden zu haben. Das verweist auf einen Wandel der Nachfrage, der in der Branche seit einigen Jahren beobachtet wird: Nachhaltigkeit wird vom optionalen Zusatz zum Entscheidungskriterium. Für Investoren wiederum wird sie zunehmend zu einer Frage der Risikosteuerung, nicht zuletzt vor dem Hintergrund regulatorischer Verschärfungen in Europa.
Entscheidend für die Akzeptanz solcher Programme ist ihre Überprüfbarkeit. Radisson setzt hier auf externe Zertifizierung durch TÜV Rheinland, ein Versuch, die häufig kritisierte Intransparenz unternehmerischer Klimaversprechen zu adressieren. In der Vergangenheit haben viele Hotelketten ihre Emissionsziele formuliert, ohne klare Nachweise für deren Einhaltung zu liefern. Die Einführung standardisierter Methoden, orientiert an internationalen Initiativen wie der Science Based Targets Initiative, ist daher mehr als ein formaler Schritt. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Klimaneutralität nicht als Marketingformel wahrgenommen wird.
Gleichwohl bleibt die Frage offen, wie skalierbar das Modell tatsächlich ist. Die Umrüstung bestehender Gebäude ist technisch komplex und kapitalintensiv. Während Neubauten vergleichsweise leicht auf energieeffiziente Standards gebracht werden können, erfordert der Bestand tiefgreifende Eingriffe in Infrastruktur und Betriebsabläufe. Für Eigentümer, die nicht selbst Betreiber sind, stellt sich zudem die Frage nach der Verteilung der Kosten und Erträge solcher Investitionen. Dass Radisson das Programm explizit auch als Angebot an Eigentümer adressiert, verweist auf diese strukturelle Herausforderung.
Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt: Der globale Tourismus wächst weiter, und mit ihm die absolute Zahl der Emissionen. Effizienzgewinne pro Hotel können diesen Trend nur teilweise kompensieren. Netto-Null im Betrieb bedeutet nicht automatisch klimaneutrales Reisen. Flugverkehr, An- und Abreise sowie touristische Infrastruktur bleiben erhebliche Emissionsquellen, die außerhalb des Einflussbereichs einzelner Hotelketten liegen.
Dennoch markiert die Initiative einen Richtungswechsel. Sie verschiebt die Debatte von langfristigen Zielmarken hin zu operativen Lösungen im Hier und Jetzt. Dass ein großer internationaler Anbieter versucht, einheitliche Standards zu etablieren und diese messbar zu machen, erhöht den Druck auf Wettbewerber. Die Branche, lange geprägt von freiwilligen Selbstverpflichtungen, bewegt sich damit langsam in Richtung verbindlicher Praxis. Ob daraus tatsächlich ein neuer Standard entsteht, wird weniger von Ankündigungen abhängen als von der Frage, wie viele Hotels in den kommenden Jahren nachweislich folgen.
