Am Beginn des 21. Jahrhunderts wurde ein Ort der Berliner Stadtgesellschaft wiederentdeckt, der seit dem 19. Jahrhundert Teil der urbanen Infrastruktur war und nach Jahrzehnten des Leerstands ein neues kulturelles Leben erhalten hat. Vor zehn Jahren, im Januar 2016, eröffnete das Hotel Oderberger als Boutique-Hotel in Prenzlauer Berg – in einem denkmalgeschützten Bau, der zuvor über ein Jahrhundert lang Stadthistorie verkörperte. Die Umnutzung der ehemals als „Volksbadeanstalt“ bekannten Anlage folgt einer langen und wechselvollen Entwicklung, die zum Verständnis der Bedeutung dieses Hauses beiträgt: Entworfen vom Architekten Ludwig Hoffmann und im Jahr 1902 als öffentliches Stadtbad eröffnet, blieb das Gebäude auch nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt, ehe es 1986 aus technischen Gründen schließen musste. Eine initiative Bürgerschaft und spätere Eigentumsverhältnisse führten dazu, dass das Monument nicht verfiel; nach dem Erwerb durch das GLS Sprachenzentrum begannen 2012 umfassende Sanierungsarbeiten, die in der Eröffnung des Boutique-Hotels mündeten.
Zehn Jahre später lässt sich die Bedeutung dieses Projekts nicht allein an der Wiederbelebung eines historischen Hauses messen, sondern auch an seiner Rolle im urbanen Kontext und in der Berliner Kultur- und Stadtnutzung. Das ehemalige Stadtbad wurde nicht einfach restauriert, sondern in eine multifunktionale Anlage transformiert, in der historischer Bestand und zeitgenössische Nutzung in einem sensiblen Baudenkmalschutzkonzept verknüpft sind. Die historische Schwimmhalle im Neorenaissance-Stil, dominiert von einer hohen, kathedralenartigen Hallenarchitektur, bildet dabei das architektonische wie programmatische Herzstück. Sie dient nicht nur als Pool für Gäste, sondern ist zugleich Veranstaltungsraum für Konferenzen, Galas und kulturelle Ereignisse. Der hydraulisch verstellbare Boden ermöglicht es, die Wasserfläche zu einem ebenen Veranstaltungsraum umzuwandeln, was die Vielseitigkeit des Ortes unterstreicht.
Die Eigenart des Hotels liegt in dieser hybriden Nutzung: Als Beherbergungsbetrieb bietet es 70 individuell gestaltete Zimmer, zwei Apartments und mehrere Turmsuiten, deren Interieur immer wieder auf die Geschichte des Hauses Bezug nimmt. Die direkte Nachbarschaft zum urbanen Leben des Kollwitzkiezes verankert das Hotel zugleich im städtischen Alltag. Dass städtische Räume heute nicht mehr allein nach funktionalen Kategorien wie Wohnen, Arbeiten oder Freizeit strukturiert werden, zeigt sich an Orten wie dem Oderberger: Die Verschränkung von Denkmalpflege, Gastgewerbe und Veranstaltungsbetrieb schafft ein Umfeld, in dem Historie und Gegenwart produktiv aufeinandertreffen.
Zehn Jahre nach der Eröffnung des Hotel Oderberger wurde das Haus im Januar zum Schauplatz eines Jubiläums, das weniger auf Rückschau als auf Begegnung setzte. In der historischen Schwimmhalle, die seit 2016 das architektonische und atmosphärische Zentrum des Hauses bildet, kamen mehrere hundert Gäste zusammen, vor allem aus der Berliner und überregionalen Tourismusbranche, aus Hotellerie, Kultur und Stadtgesellschaft. Gastgeberinnen des Abends waren Verena Jaeschke und Tini Diekmann, die das Hotel seit Jahren prägen und den Anspruch vertreten, das Oderberger nicht als abgeschlossene Hotelwelt, sondern als offenen Ort im Stadtraum zu verstehen. Die Jubiläumsfeier folgte dieser Haltung: Sie war kein formelles Fest, sondern eine lebendige Zusammenkunft, in der sich Branchenkontakte, langjährige Wegbegleiter und neue Gäste mischten. Kulinarisch rückte Berlin selbst in den Mittelpunkt. Gereicht wurden klassische und neu interpretierte Berliner Spezialitäten, bodenständig und bewusst lokal verankert, von herzhaften Kleinigkeiten bis zu zeitgemäßen Variationen traditioneller Küche. Auch darin spiegelte sich der Charakter des Hauses wider, das seit seiner Eröffnung versucht, Historie nicht zu musealisieren, sondern in die Gegenwart zu übersetzen. Das ehemalige Stadtbad aus dem frühen 20. Jahrhundert, einst Ort sozialer Infrastruktur, ist heute Hotel, Veranstaltungsraum und Treffpunkt zugleich. Dass dieses Konzept zehn Jahre Bestand hat, zeigt sich nicht zuletzt an der Resonanz des Abends: Das Oderberger ist für viele Akteure der Branche zu einem Referenzort geworden, an dem Denkmalschutz, Gastlichkeit und urbanes Leben eine funktionierende Verbindung eingehen. Die Jubiläumsfeier machte deutlich, dass es dabei weniger um Inszenierung ging als um Kontinuität. Das Hotel Oderberger hat sich in einem sich stetig wandelnden Stadtteil behauptet, nicht als lautes Symbol, sondern als ruhiger, selbstbewusster Ort, dessen Geschichte und Gegenwart sich an solchen Abenden verdichten.
