100 Jahre Gillette in Berlin: Ein Berliner Werk zwischen Tradition und Transformation
Seit 100 Jahren werden im Berliner Süden Rasierklingen gefertigt. Am Donnerstag, dem 17. September 2026, wurde dieses Jubiläum im Werk von Procter & Gamble Manufacturing Berlin an der Oberlandstraße in Tempelhof mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gefeiert. Im Mittelpunkt der Festveranstaltung stand dabei weniger das Produkt als die Frage, wie industrielle Produktion in Berlin auch in Zukunft bestehen kann. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner nutzte sein Grußwort zugleich für ein Bekenntnis zur Industrie als Teil des Wirtschaftsstandorts Berlin.
Die Geschichte des Standorts reicht in die Jahre zurück, in denen Berlin zu einem bedeutenden Zentrum der deutschen Industrie wurde. 1926 übernahm die Gillette Company die Aktienmehrheit an der Roth-Büchner AG, einem Berliner Hersteller von Rasierklingen. Die Wurzeln der Klingenproduktion an der Oberlandstraße reichen sogar noch weiter zurück: Hugo Büchner hatte bereits 1907 in Berlin mit der Herstellung von Rasierklingen begonnen. Das heutige Fabrikgebäude an der Oberlandstraße 74 bis 84 entstand 1936 und 1937 und steht inzwischen unter Denkmalschutz.
Aus der historischen Fabrik ist längst ein hochautomatisierter Produktionsstandort geworden. Procter & Gamble bezeichnet Berlin heute als Fertigungsstätte für Premium-Rasierklingen der Marken Gillette und Gillette Venus. Zugleich werden am Standort junge Menschen in verschiedenen Berufen ausgebildet. Berlin ist damit nicht nur Produktionsstätte, sondern Teil eines internationalen Fertigungs- und Entwicklungsverbunds.
Astrid Teckentrup, Vorsitzende der Geschäftsführung, stellte in ihrer Rede die Menschen hinter der hundertjährigen Geschichte in den Mittelpunkt. Die heutige Belegschaft vereine nach ihren Worten mehr als 9.600 Jahre Berufserfahrung. Diese Zahl steht für eine ungewöhnliche Kontinuität, aber auch für das Wissen, das sich über Generationen in einem industriellen Betrieb ansammelt. Erfahrung allein reicht allerdings nicht aus, wenn sich Technologien, Märkte und Arbeitsorganisation verändern. Genau diese Verbindung von gewachsener Kompetenz und Veränderungsbereitschaft wurde bei der Jubiläumsveranstaltung immer wieder hervorgehoben.
Eine besondere Rolle spielte dabei das seit 2024 geltende neue Arbeitszeitmodell. Im Berliner Werk wurde eine Vier-Tage-Woche mit verlängerten regulären Schichten und einer weitgehend autonomen Nachtschicht eingeführt. In der Nacht kann die Produktion über mehrere Stunden mit deutlich weniger Personal weiterlaufen. Das Modell entstand nach Angaben des Unternehmens gemeinsam mit Betriebsrat und IG Metall. Bereits 2025 hatte Procter & Gamble erklärt, dass die Veränderung sowohl die Produktivität als auch das Wohlbefinden der Beschäftigten verbessern solle.
Damit berührt das Berliner Werk eine zentrale Frage der gegenwärtigen Industriepolitik: Wie lassen sich Automatisierung und Digitalisierung einsetzen, ohne industrielle Arbeitsplätze allein über Kostensenkungen zu definieren? In Berlin wurde diese Frage bei der Jubiläumsfeier ausdrücklich mit der Gestaltung der Arbeitsbedingungen verbunden. Marcel Duin, Vice President Product Supply Shave Care Europe & Grooming Manufacturing, beschrieb die Entwicklung als Beispiel dafür, dass technologische Modernisierung und bessere Arbeitsbedingungen nicht zwangsläufig Gegensätze sein müssen. Entscheidend sei vielmehr das Vertrauen zwischen Beschäftigten, Betriebsrat und Management.
Auch Kai Wegner griff diesen Punkt auf. Berlin brauche nicht nur Start-ups, Dienstleistungen und Handwerk, sondern ebenso industrielle Fertigung, sagte der Regierende Bürgermeister. Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmensleitung, Beschäftigtenvertretung und Gewerkschaft bezeichnete er als wesentlichen Bestandteil der Entwicklung des Standorts. Wegner verwies dabei auch auf den Tarifvertrag „Vision 2030 plus“, der über Berlin hinaus Aufmerksamkeit gefunden habe. Die industrielle Transformation könne aus seiner Sicht nur gelingen, wenn Politik, Verwaltung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam an Lösungen arbeiteten.
Die Aussagen sind vor dem Hintergrund einer Stadt bemerkenswert, deren wirtschaftspolitisches Selbstbild lange stark von Dienstleistungen, Kreativwirtschaft und jungen Technologieunternehmen geprägt wurde. Gleichzeitig verfügt Berlin weiterhin über industrielle Kerne, deren Bedeutung über die Zahl der Arbeitsplätze hinausgeht. Produktionsstandorte bündeln Fachwissen, Ausbildung, Lieferketten und technologische Kompetenz. Gerade deshalb wird ihre Zukunft nicht allein durch die Frage entschieden, ob ein Produkt am jeweiligen Ort hergestellt werden kann. Entscheidend ist zunehmend, ob ein Standort auch neue Produktionsverfahren entwickeln, qualifizierte Beschäftigte halten und sich in internationalen Netzwerken behaupten kann.
Das Berliner Gillette-Werk versucht genau diese Rolle einzunehmen. Neben etablierten Klingen werden inzwischen auch Premiumklingen für GilletteLabs in Berlin gefertigt. Procter & Gamble hatte die Produktion dieser neuesten Generation von Klingen 2025 aufgenommen und den Standort dabei als Kompetenzzentrum für Premiumklingen bezeichnet. Nach Angaben des Unternehmens werden rund 50 Prozent der weltweit produzierten Premiumklingen in Berlin hergestellt.
Im Bühnengespräch wurde deshalb nicht nur über die Vergangenheit gesprochen. Es ging um die Bedingungen für die nächsten Jahrzehnte. Digitalisierung, Automatisierung, Energieeffizienz, Ausbildung und Weiterbildung wurden als miteinander verbundene Aufgaben beschrieben. Für ein Werk, das bereits ein Jahrhundert industrieller Veränderungen überstanden hat, ist das eine naheliegende Perspektive. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, technische Innovation nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern sie mit den Fähigkeiten der Beschäftigten und den wirtschaftlichen Anforderungen eines internationalen Konzerns zu verbinden.
Mehmet Cekic, Werksleiter von Gillette bei Procter & Gamble, hat die Bedeutung des Standorts bereits unabhängig vom Jubiläum ähnlich beschrieben: Berlin sei für Gillette weit mehr als ein Produktionsort, sondern Teil der Geschichte und Identität der Marke. Das Werk wolle deshalb nicht nur produzieren, sondern sich auch an der Weiterentwicklung des Berliner Industrie- und Wirtschaftsstandorts beteiligen.
Die Geschichte des Werks zeigt dabei, dass industrielle Kontinuität nicht mit Stillstand gleichzusetzen ist. Aus der Rasierklingenfabrik der Roth-Büchner-Zeit wurde ein international eingebundener Hightech-Standort. Die Maschinen haben sich verändert, die Produkte ebenso, und auch die Organisation der Arbeit befindet sich im Wandel. Geblieben ist die industrielle Grundidee: Präzision in großen Stückzahlen, verbunden mit einem hohen technischen Aufwand für ein Produkt, das im Alltag kaum Aufmerksamkeit erhält.
Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung des Jubiläums. Einhundert Jahre Produktion an einem Berliner Standort sind nicht nur eine Unternehmensgeschichte. Sie erzählen auch davon, wie sich industrielle Arbeit verändert und welche Voraussetzungen notwendig sind, damit sie in einer Stadt mit hohen Flächen-, Energie- und Personalkosten eine Zukunft behält. Das Berliner Gillette-Werk versucht darauf eine eigene Antwort zu geben: mit Automatisierung, neuen Arbeitszeitmodellen, Ausbildung und Investitionen in moderne Fertigung. Ob dieses Modell dauerhaft trägt, wird sich nicht bei einer Jubiläumsfeier entscheiden. Die entscheidende Geschichte beginnt nach dem Festakt.
