Am 16. und 17. Februar versammelt sich in Berlin eine Konferenz, die in ihrem Anspruch kaum höher greifen könnte: Das „World Forum on the Future of Democracy, AI and Humankind“ verbindet geopolitische Krisendiagnose mit technologischem Zukunftsentwurf und moralischer Selbstvergewisserung westlicher Demokratien.
Wenn sich das World Forum in Berlin versammelt, lebt es von großen Überschriften. Doch aufschlussreicher als die programmatische Frage nach dem Überleben von Demokratie und Menschheit sind die einzelnen Akteure, ihre Biografien und politischen Linien. Sie geben Auskunft darüber, welches Selbstverständnis hier verhandelt wird und welche Konfliktachsen im Zentrum stehen. Hillary Clinton fungiert als Schirmherrin und intellektuelle Integrationsfigur. Ihre außenpolitische Laufbahn steht für eine liberale Interventionsbereitschaft, für die Stärkung multilateraler Institutionen, aber auch für die Erfahrung geopolitischer Rückschläge, etwa im Verhältnis zu Russland. Dass sie in Berlin einen „Women’s Progress Dialogue“ leiten soll, knüpft an ihr jahrzehntelanges Engagement für Frauenrechte an und setzt zugleich ein Signal gegen autoritäre Regression. Mit Nancy Pelosi tritt eine weitere Symbolfigur des amerikanischen Parlamentarismus auf. Ihr Besuch in Taiwan im Jahr 2022 hatte die Spannungen mit China erheblich verschärft; seither gilt sie vielen als Inbegriff einer wertegeleiteten Außenpolitik, die bereit ist, geopolitische Risiken in Kauf zu nehmen. In Berlin wird sie über den Schutz bedrohter Demokratien sprechen, ein Thema, das angesichts des russischen Angriffskriegs und wachsender Drohkulissen im Indopazifik an Brisanz gewonnen hat. Den philosophischen Unterbau liefert unter anderem Yuval Noah Harari. Der israelische Historiker warnt seit Jahren davor, künstliche Intelligenz als bloßes Effizienzwerkzeug zu missverstehen. Seine These, KI greife in das „Betriebssystem“ der Gesellschaft ein, zielt auf Finanzmärkte, militärische Entscheidungsstrukturen und digitale Öffentlichkeiten gleichermaßen. Harari plädiert für globale Regulierung und demokratische Kontrolle, um eine Machtkonzentration bei Staaten oder Konzernen zu verhindern. Ergänzt wird diese Perspektive durch Denker wie Nick Bostrom, der mit seiner Theorie der Superintelligenz früh auf existentielle Risiken aufmerksam machte, sowie durch utilitaristische Ethiker wie Peter Singer, der die moralischen Folgelasten technologischer Innovation in den Mittelpunkt rückt. Aus dem Feld der Realpolitik bringt David Petraeus militärstrategische Expertise ein. Der frühere CIA-Direktor hat wiederholt betont, dass sich Kriegsführung durch autonome Systeme, Cyberoperationen und hybride Strategien grundlegend wandelt. Seine Perspektive kontrastiert mit der normativen Programmatik des Forums, ergänzt sie jedoch um eine nüchterne Analyse geopolitischer Machtverhältnisse. Eine andere Dimension verkörpert Sviatlana Tsikhanouskaya. Die belarussische Oppositionsführerin steht für eine Demokratiebewegung im Exil, deren politischer Spielraum eng geworden ist. Ihre Präsenz verleiht dem Forum eine menschenrechtliche Dringlichkeit, die über abstrakte Systemdebatten hinausweist. Ähnliches gilt für Vertreterinnen und Vertreter aus Russland, dem Iran oder Venezuela, die Repression nicht theoretisch, sondern existenziell erfahren haben. Schließlich ist die europäische Regulierungsperspektive prominent vertreten. Brando Benifei war als Ko-Berichterstatter maßgeblich am AI Act beteiligt, jenem Gesetz, das als weltweit erste umfassende KI-Regulierung gilt. Seine Teilnahme verweist darauf, dass die Debatte um künstliche Intelligenz nicht nur moralphilosophisch, sondern hochgradig juristisch und technisch geführt werden muss: mit Risikokategorien, Transparenzpflichten, Aufsichtsmechanismen. Zwischen diesen Polen, normativer Anspruch und institutionelle Feinsteuerung, bewegt sich das Forum. Es ist ein Ort symbolischer Verdichtung, aber auch ein Resonanzraum für konkrete politische Projekte. Ob daraus tragfähige Allianzen entstehen, wird sich nicht in Berlin entscheiden. Doch an den Biografien der Beteiligten lässt sich ablesen, wie sehr sich die liberale Ordnung in einer Phase der Selbstprüfung befindet, in der Ethik, Macht und Technologie nicht mehr getrennt voneinander zu denken sind.
