Am Vorabend der Fruit Logistica richtet sich der Blick der internationalen Kartoffelwirtschaft traditionell nach Berlin, wo sich der Internationale Berliner Kartoffelabend seit zwei Jahrzehnten als fester Treffpunkt der Branche etabliert hat. Mit rund 500 Teilnehmenden aus mehr als 20 Ländern gilt die Veranstaltung als eines der wichtigsten informellen Foren für Austausch, Netzwerkpflege und Standortbestimmung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von Züchtung und Erzeugung über Handel und Verarbeitung bis hin zu Politik und Wissenschaft. Am 3. Februar 2026 wird im TITANIC Chaussee Berlin das 20. Jubiläum des Abends begangen, ein Anlass, der weniger auf Rückschau als auf Gegenwart und Zukunft der Branche zielt. In einem Umfeld, das von Klimarisiken, phytosanitären Herausforderungen, steigenden Produktionskosten und sich wandelnden Märkten geprägt ist, hat sich der Kartoffelabend zu einem Ort entwickelt, an dem jenseits offizieller Messetermine offen über strukturelle Fragen gesprochen wird. Die internationale Zusammensetzung der Gäste spiegelt dabei die wachsende Vernetzung eines Sektors wider, dessen Bedeutung für Ernährungssicherheit, regionale Wertschöpfung und agrarpolitische Debatten in Europa zuletzt deutlich zugenommen hat. Dass der Kartoffelabend zeitlich eng an die Fruit Logistica gekoppelt ist, unterstreicht seinen Charakter als Schnittstelle zwischen Fachmesse und politisch-wirtschaftlichem Diskurs. Das Jubiläum markiert damit nicht nur ein organisatorisches Kontinuum, sondern auch den Anspruch, der Kartoffelbranche in einem zunehmend komplexen agrarischen Umfeld eine gemeinsame Stimme und einen verlässlichen Begegnungsraum zu geben.

Am Rande eines Branchentreffens, hat der Präsident des Deutschen Kartoffelhandelsverbands (DKHV), Thomas Herkenrath, vor den wachsenden Herausforderungen durch die Schilf-Glasflügelzikade gewarnt und zugleich zur Vertiefung praxisnaher Forschung aufgerufen. Unter den Gästen waren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Verbänden, darunter Tigran Richien, Präsident von Europatni, Berte Redonde Benido, Generalsekretärin von Extrapolat, Olof Feuerbom, Vorsitzender von UNIKA V, sowie Dr. Est-Oliver Freihe von Ledebut vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Regionalität (BMLEH). Herkenrath betonte die Bedeutung eines abgestimmten Dialogs zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, um die zunehmend komplexen pflanzenbaulichen Risiken für die Kartoffelwirtschaft zu adressieren.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus), ein ursprünglich auf Schilfgras spezialisierter Zikade, der sich in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Vektor bakterieller Pflanzenkrankheiten entwickelt hat. Die Insektenart überträgt insbesondere die Erreger der Syndrome Basses Richesses (SBR) und der Stolbur-Krankheit. Diese bakteriellen Pathogene können bei Zuckerrüben und Kartoffeln zu drastischen Ertrags- und Qualitätsverlusten führen: Bestände welken, Knollen werden gummiartig und verlieren Lagerfähigkeit und Vermarktbarkeit. In Einzelfällen wurden landwirtschaftliche Schäden von bis zu 70 Prozent dokumentiert, unter anderem in Baden-Württemberg und weiteren süd- und mitteldeutschen Anbaugebieten.

Das Problem ist wissenschaftlich wie praktisch vielschichtig: Zwar richtet die Zikade selbst nur geringe direkte Schäden an Pflanzen an, doch ihre Rolle als Krankheitsüberträger verschiebt die Risikolage grundlegend. Untersuchungen der Max-Planck-Gesellschaft und des Fraunhofer-Instituts zeigen, dass die Zikade eine komplexe Mikrobiota beherbergt, die ihr nicht nur als Vektor für pathogen wirkende Bakterien dient, sondern möglicherweise ihre Anpassung an neue Wirtspflanzen ermöglicht.

Landwirtschaftliche Verbände wie UNIKA und der DKHV fordern deshalb einen deutlich verstärkten Forschungsansatz, der über klassische Monitoring- und Bekämpfungsmaßnahmen hinausgeht. Konkret geht es um ein besseres Verständnis des Schaderreger-Wirtspflanzen-Komplexes, um die Entwicklung gezielter Strategien für integrierten Pflanzenschutz und um die Züchtung resistenter Sorten. Herkenrath und sein UNIKA-Kollege Dr. Justus Böhm mahnten, dass ohne jenen Wissenstransfer und ohne entsprechende finanzielle Ausstattung in Bund und Ländern nicht nur die Versorgung mit einer der wichtigsten Kulturpflanzen Deutschlands, sondern auch die wirtschaftliche Stabilität in ländlichen Räumen gefährdet sei.

Politische Verantwortung und institutionelle Maßnahmen waren gleichfalls Thema. Auf Einladung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hatte ein „Runder Tisch“ mit Expertinnen und Experten des Julius-Kühn-Instituts, des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie der Länderbehörden stattgefunden, bei dem Lösungsansätze zur Eindämmung der Zikaden-Ausbreitung erörtert wurden. Geplant sind weitere Fachgespräche, um Forschungsergebnisse und Bekämpfungsansätze zu vertiefen.

Kritik kommt aus der Praxis: In Deutschland gibt es bislang kein regulär zugelassenes Pflanzenschutzmittel speziell gegen die Schilf-Glasflügelzikade, und temporäre Notfallzulassungen haben nur begrenzt kurzfristige Wirkung gezeigt. Landwirteverbände, etwa in Niedersachsen, warnen vor den Risiken für Ernte und Erzeugerpreise und fordern eine beschleunigte Zulassung umweltverträglicher Schutzmittel sowie nachhaltige Strategien entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Herkenraths Appell in Berlin war nüchtern und sachlich: Eine nachhaltige Sicherung der Kartoffelproduktion erfordere mehr als punktuelle Reaktionen. Es brauche ein integriertes Konzept aus Forschung, Politik und Praxis, das Monitoring, Prävention und Innovation verknüpft und es der Branche ermöglicht, den komplexen Herausforderungen durch neuartige Schädlinge und Pathogene systematisch zu begegnen. In einem Agrarsektor, der durch Klimawandel und Globalisierung zunehmend dynamischen Risiken ausgesetzt ist, bezeichnete er dies als „zentrale Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des Anbaus und der gesamten Wertschöpfung“.

Von admin