Wie Ecuador seine Kakaokultur neu erzählt von Michael Kammoun.
Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) Berlin 2026 ging es nicht nur um klassische Reiseziele, Flugverbindungen oder Hotelprojekte. Zwischen Destination-Marketing und Branchendialog rückte auch ein Produkt in den Mittelpunkt, das tief in der Geschichte eines Landes verwurzelt ist: Kakao aus Ecuador. Ein Sensorik-Seminar des ecuadorianischen Chocolatiers und Unternehmers Michael Kammoun machte deutlich, dass sich hinter einer Tafel Schokolade weit mehr verbirgt als ein Genussmittel.
Kakao gehört zu den ältesten kulturellen Ressourcen des Landes. Archäologische Funde im ecuadorianischen Amazonasgebiet zeigen, dass die Domestikation der Kakaopflanze dort bereits vor mehr als 5.000 Jahren begann. Gefäße der Mayo-Chinchipe-Kultur belegen, dass der Kakao damals vermutlich in rituellen Getränken verwendet wurde – lange bevor er in Mittelamerika oder Europa verbreitet war. Diese Erkenntnisse haben die historische Einordnung des Rohstoffs grundlegend verändert und Ecuador zu einem der ältesten bekannten Ursprungsräume des Kakaoanbaus gemacht.
Heute ist das Land weltweit vor allem für eine besondere Varietät bekannt: den sogenannten „Cacao Nacional“, auch „Arriba“ oder „fino de aroma“. Diese Sorte zeichnet sich durch ein komplexes, florales Aroma aus und gilt unter Chocolatiers als einer der edelsten Rohstoffe für hochwertige Schokolade. Ecuador liefert einen großen Teil des global gehandelten „fine flavour cacao“, einer Qualitätskategorie, die nur einen kleinen Anteil der weltweiten Kakaoernte ausmacht.
Genau diese Verbindung aus Geschichte, Biodiversität und kulinarischer Kultur stand im Zentrum des Seminars von Michael Kammoun auf der ITB. Der 35-jährige Unternehmer aus Quito kam ursprünglich aus einer ganz anderen Branche: Er studierte Film und arbeitete an Dokumentarprojekten, bevor ihn Begegnungen mit indigenen Gemeinden im Norden des Landes auf die Spur alter Kakaobäume brachten. Die Erfahrung führte zu einer radikalen beruflichen Neuausrichtung. Kammoun begann, das traditionelle Wissen über Kakao mit einem modernen Verständnis von Produktdesign und Sensorik zu verbinden.
Heute produziert sein Unternehmen monatlich rund 50.000 Tafeln Schokolade und exportiert in internationale Märkte. Charakteristisch ist der Ansatz, den Kakao vollständig zu nutzen. Neben der Bohne wird auch das süße Fruchtfleisch, das sogenannte Mucílago, verarbeitet, das in der traditionellen Produktion oft als Abfall galt. Aus dieser Idee entwickelte sich ein Konzept der „Zero-Waste-Schokolade“, das in der internationalen Fachszene zunehmend Beachtung findet.
Auf der ITB ging es allerdings weniger um einzelne Marken als um eine größere Erzählung. In der Verkostung erläuterte Kammoun die sensorischen Unterschiede zwischen verschiedenen Anbaugebieten und Fermentationsmethoden. Die Teilnehmer probierten Schokoladen mit Zitrus-, Blumen- und Fruchtnoten, die für Kakao aus Ecuador typisch sind. Das Seminar verstand sich als kulturelle Einführung ebenso wie als kulinarische Erfahrung.
Der Ansatz passt zu einer Entwicklung, die im Tourismus zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Verbindung von Landwirtschaft, Gastronomie und Reiseerlebnis. Ecuador hat in den vergangenen Jahren gezielt sogenannte „Chocolate Routes“ aufgebaut, bei denen Besucher Plantagen, historische Exportstädte und Manufakturen kennenlernen können. Der Kakao wird damit nicht nur als Exportprodukt, sondern als Teil der nationalen Identität inszeniert.
Gerade auf internationalen Fachmessen wird deutlich, wie stark sich die Wahrnehmung von Kakao verändert. Lange Zeit galt er vor allem als Rohstoff für eine globale Industrie. Heute wird er immer häufiger als kulturelles Produkt betrachtet, dessen Qualität eng mit Landschaft, Tradition und handwerklicher Verarbeitung verbunden ist.
Das Sensorik-Seminar auf der ITB war deshalb mehr als eine Verkostung. Es war ein Versuch, die Geschichte des Kakao neu zu erzählen – aus der Perspektive eines Landes, das den Ursprung des Produkts für sich reklamiert und dessen Zukunft zunehmend im hochwertigen, nachhaltig produzierten Genuss sieht.