Orange Culture, das 2011 von Adebayo Oke-Lawal in Lagos gegründete Modelabel, hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten von einem lokalen Entwurf zu einer Stimme im globalen Modediskurs entwickelt, dessen Werk weit über konventionelle Kategorien von Kleidung hinausweist. Das Label, das seine Wurzeln in der nigerianischen Metropole hat und auf eine kontinuierliche Präsenz bei internationalen Plattformen wie Lagos, London, Paris, New-York und zuletzt Berlin Fashion Week zurückblicken kann, steht für eine Entwurfslogik, die kulturelle Identität, narrative Tiefe und formale Präzision miteinander verknüpft.
Oke-Lawal beschreibt Orange Culture selbst als „Bewegung“ und nicht nur als Marke. Diese Selbstverortung ist kein bloßes rhetorisches Mittel, sondern korrespondiert mit der politischen und ästhetischen Ausrichtung des Labels: Seit seiner Gründung setzt es sich bewusst mit Fragen von Geschlecht, Erinnerung und sozialer Normativität auseinander. Die klassischen Grenzen zwischen Maskulinität und Feminität werden im Design explizit hinterfragt, traditionelle afrikanische Stofftechniken und -muster mit zeitgenössischen Silhouetten verbunden. Das Ergebnis sind Kollektionen, die gleichermaßen universelle wie spezifische Erfahrungen – etwa von Zugehörigkeit, Nostalgie oder Identität – adressieren.
In Berlin präsentierte Orange Culture im Rahmen des kuratierten Schauenformats NEWEST der Berlin Fashion Week die Kollektion „Backyards of Memory“. Diese Entwurfsarbeit ist eine tief persönliche Auseinandersetzung mit Erinnerung, Verlust und dem häuslichen Raum als Erfahrungsort. Ausgangspunkt ist die Vorstellung des Hinterhofs, wie er in Oke-Lawals Kindheit in Nigeria existierte: ein Ort des Spiels, der Begegnung und des gemeinschaftlichen Lebens, der Licht, Textur und Bewegung als sinnlich erfahrbare Elemente von Alltag und Identität begreift. Nicht als reine Rekonstruktion eines konkreten Ortes, sondern als poetische Reflexionsfläche über Erfahrung und Herkunft, fügen sich die Entwürfe in ein narratives Gefüge ein, das Erinnerung nicht nostalgisch verklärt, sondern als Basis gegenwärtiger Gestaltung versteht.
Formal zeichnet sich die Kollektion durch eine Präzision in Materialwahl und Verarbeitung aus. Handgearbeitete Texturen, handgefärbte Stoffe, Ton-in-Ton Arrangements, makrameeartige Strukturen und expressive Prints stehen in einem Spannungsverhältnis aus Zärtlichkeit und struktureller Klarheit. Die Silhouetten sind bewusst fluide, sie verschieben tradierte Kategorien von Geschlecht und schaffen Raum für performative Selbstbestimmung. Die farblichen Bezüge – Sonnenlicht, Erde, Zeit – verankern die Arbeiten in einer sinnlich erfahrbaren Körperlichkeit und unterstreichen eine Entwurfslogik, die narrative Tiefe und materielle Sensibilität verbindet.
Ein zentraler Aspekt der kollektiven Produktion ist die Zusammenarbeit mit afrikanischen und diasporischen Talenten. Diese Kooperationen reichen von der Gestaltung skulpturaler Accessoires bis zu handwerklichen Details wie Fransen oder gewebten Elementen und spiegeln eine bewusst gewählte Praxis des gemeinsamen Erzählens und des Handwerks wider. In dieser kollektiven Arbeitsweise manifestiert sich zugleich ein ästhetisches wie ethisches Verständnis von Mode als kulturelles Produkt und sozialer Praxis.
Die Auswahl von Orange Culture als Gewinner im Berlin Contemporary Wettbewerb und die damit verbundene Förderung durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft und den Fashion Council Germany markieren einen Punkt, an dem globale Wahrnehmung und institutionelle Anerkennung aufeinandertreffen. Die Präsentation in Berlin, einer Stadt, die seit jeher als Schnittstelle internationaler kultureller Verbindungen fungiert, erweitert nicht nur die Rezeption afrikanischer Gestaltungspraxen, sondern reflektiert zugleich die wachsende Bedeutung transkontinentaler Narrative in der zeitgenössischen Mode.
Oke-Lawals Werk – von frühen Auszeichnungen wie der LVMH-Prize-Nominierung über eine Präsenz auf der BOF 500-Liste bis hin zu Ausstellungen in Institutionen wie dem Victoria and Albert Museum – dokumentiert eine Entwicklung, in der Mode nicht nur als Produkt, sondern als Medium komplexer, kulturell vernetzter Bedeutungsproduktion fungiert. Orange Culture steht damit exemplarisch für ein Verständnis von Mode, das Handwerk, Identitätspolitik und Erinnerungskultur zusammenführt und so in der globalen Diskussion um kulturelle Repräsentation und kreative Verantwortung eine gewichtige Stimme bildet.
