Im Rahmen der Berlin Fashion Week präsentierte die österreichische Designerin Rebekka Ruétz ihre neue Herbst/Winter-Kollektion „LILITH“ für die Saison AW26. Ruétz gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den beständigsten Teilnehmerinnen der Berliner Modewoche; sie zeigt ihre Kollektionen dort seit 2011 und hat sich mit einem eigenständigen Konzept zwischen Avantgarde und Nachhaltigkeit positioniert. Ihre Mode versteht sie als „Fashion for the modern Amazon“, die sinnlich wie konzeptuell arbeitet und materielle wie ideelle Gegensätze thematisiert.
Die „LILITH“-Kollektion geht, anders als dies ein traditionelles saisonales Portfolio nahelegt, über reine ästhetische Variationen hinaus: Sie verhandelt den historischen Mythos der Figur Lilith als Symbol für Ganzheit, Widerspruch und weibliche Autonomie. Ruétz nähert sich dieser Figur nicht über plakative Metaphern, sondern als Strukturprinzip, das Ambivalenzen – Angst und Würde, Verletzlichkeit und Stärke, Licht und Schatten – nicht glättet, sondern integrierend sichtbar macht. Damit setzt sie einen konzeptionellen Akzent, der in der gegenwärtigen Mode selten so direkt formuliert wird.
Die Entwicklung der Entwürfe folgt einem prozessualen Ansatz: Silhouetten entstehen im Dialog mit dem Körper, Drapierungen verschieben sich, Schnitte werden subjektiv neu geformt. Diese Arbeitsweise indiziert eine Haltung, die Funktionalität und Narration verbindet; Kleidung wird nicht als statisches Endprodukt, sondern als dynamischer Erfahrungsraum gelesen.
Ein prägnantes Element der Kollektion sind Applikationen aus echtem Moos, die sowohl Material wie Metapher sind. Als organisches, lebendes Material stehen sie für Zeit, Verfall und Erneuerung – und unterlaufen bewusst das Ideal des perfekten Kleidungsstücks. Ruétz arbeitet hier mit dem Materiallieferanten Organoid zusammen, der bislang überwiegend in Innenarchitekturkontexten tätig ist und nun seine moss-basierten Oberflächen auf den Körper überträgt. Dieser Einsatz unorthodoxer Stofflichkeit reflektiert eine wachsende Tendenz in der Designpraxis, Grenzen zwischen Mode, Installation und performativer Skulptur zu verwischen.
Die Farbpalette der Kollektion ist sorgfältig abgestuft: Rabenschwarz bildet das strukturelle Fundament, begleitet von differenzierten Rottönen – vom dunklen Blutrot bis zu tiefem Purpur mit violettem Einschlag – und nuanciertem Weiß zwischen Kalkweiß und schmutzigem Beige. Diese Palette bewegt sich zwischen Körperlichkeit und Transzendenz, zwischen Erdung und atmosphärischer Präsenz. Materialien wie Up- und Recycling-Stoffe, Deadstock-Textilien, nachhaltige Spitze, Bio-Denim und traditioneller Tiroler Loden bilden nicht nur die textilen Grundlagen, sondern tragen Bedeutung in sich: Sie verankern die Kollektion in gegenwärtigen Debatten über nachhaltige Produktion und Ressourcenschonung.
Die Silhouetten oszillieren zwischen minimalistischer Avantgarde und körperlicher Präsenz; skulpturale Korsagen treffen auf fließende Drapierungen, feste Strukturen auf bewegliche Formen. Durch ihre organischen Applikationen gewinnen die Looks eine Dreidimensionalität, die den Körper begleitet, statt ihn zu überformen. Die Kollektion leistet damit mehr als modisches Statement: Sie ist ein Entwurf für eine Mode, die Komplexität als Haltung begreift.
Visuell wurde das narrative Konzept von der Make-up- und Hairstylistin Sam Hill (Inclover Agency) weitergeführt. In über 400 Arbeitsstunden entstanden Hair-Accessoires, Masken und geflochtene Kappen aus veganem Haar, die zwischen verletzlicher Haut und aufgeladener Hülle changieren. Diese Elemente und eigens entwickelte skulpturale Nail-Designs verknüpfen die thematischen Motive der Kollektion mit dem Gesicht und Körper der Trägerinnen.
Zwei begleitende Kooperationen erweitern das Projekt: Mit dem Kufsteinerland entwickelte Ruétz einen exklusiven Print, der Landschaft und kulturelles Erbe als abstrakte Erinnerung interpretiert und die Themen Widerstandskraft und Verwurzelung in die textile Bildsprache überträgt. Eine weitere Zusammenarbeit mit Orthomol Beauty nutzt die Calla als Symbol für innere Transformation; dieser botanische Verweis wird in Purpur- und Violetttönen neu formuliert und in textile Muster umgesetzt.
Diese Kollektion steht im Kontext von Ruétz’ langjährigem Engagement für Slow Fashion: Sie produziert – im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Labels – nur zwei Kollektionen pro Jahr, arbeitet mit begrenzten Auflagen und setzt auf lokale Produktion in Österreich und Deutschland sowie auf nachhaltige Materialien. Dieser Ansatz begleitet ihre Arbeit seit der Gründung des Labels im Jahr 2009 und ist Teil eines konsistenten, wenn auch in der Modebranche nicht unkritisch rezipierten Profils.
Die Rezeption der „LILITH“-Show kann vor diesem Hintergrund als Versuch gelesen werden, konzeptionelle Tiefe und handwerkliche Präzision zu vereinen: Sie geht über saisonale Trends hinaus und fordert eine Auseinandersetzung mit Identität, Material und Form. Dies macht Ruétz’ Position markant in einem Feld, das zunehmend zwischen kommerziellen Erwartungshaltungen und künstlerischen Ambitionen verhandelt wird.
