Am Samstag, 31. Januar 2026, ludt der Berliner Modedesigner Marcel Ostertag zu einer ungewöhnlichen Präsentation seiner aktuellen Kollektion „AW26 The Blue Hour“. Statt eines klassischen Catwalks gewährt das Event im Westin Grand Einblicke in die Mode über den Verlauf eines Abends: Pop-up-Shopping und eine Cocktail-Party stehen im Mittelpunkt, während die Kollektion videografisch inszeniert wird. Für Ostertag markiert dies nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine strategische Neuorientierung seiner Marke.

Ostertag gehört seit zwei Jahrzehnten zu den profiliertesten Köpfen der deutschen Modeszene. Geboren 1979 in Berchtesgaden, gründete er sein gleichnamiges Label 2006 nach seinem Studium am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in London, wo er sich sowohl künstlerisches als auch technisches Handwerk aneignete. Seit 2016 hat er seinen Hauptsitz in Berlin, einer Stadt, deren urbane Dynamik und historisch heterogene Kultur er für seine Arbeit wiederholt als Resonanzraum beschreibt. Seine Mode verbindet traditionelle Schnittformen mit zeitgenössischen Einflüssen und einem hohen Anspruch an Materialqualität und Nachhaltigkeit; seit der Gründung legt Ostertag Wert auf faire Produktionsbedingungen und regionale Fertigung, häufig unter Nutzung natürlicher und langlebiger Stoffe.

Die „Blaue Stunde“ als Konzept reflektiert in seiner jüngsten Kollektion ein Spiel aus Licht und Dunkel, aus Spannung und Ruhe. Die Beschreibungen der Entwürfe sprechen von tiefen Blautönen, mandarinfarbenen Akzenten, Kupfer, Mint, Offwhite und Schwarz, ergänzt um grafisch verfremdete Drucke, Retro-Karos und Marmor-Effekte, die ein Gleichgewicht zwischen Eleganz und zeitgenössischer Streetwear herstellen. Die Silhouetten sind kontrastiert: fließende Jerseys, Maxi-Schals, klare Mäntel und betonte Taillen prägen ein Bild kraftvoll-weiblicher Präsenz, während Pailetten-Details und Anspielungen auf die 1970er-Jahre auf Glamour und kulturelle Referenzen verweisen. Der Ansatz überschreitet dabei die typische Trennung zwischen Alltagstauglichkeit und Abendmodenostalgie.

Die Entscheidung, auf eine traditionelle Runway-Präsentation zu verzichten, steht in einem weiteren Kontext. Ostertag hat sich in jüngeren Jahren wiederholt kritisch zur strukturellen Lage der Berliner Modewoche geäußert. Er bemängelte die Zerfaserung der Fashion Week und die mangelnde Aufmerksamkeit für etablierte Designer, die jenseits des Hochglanz-Images des internationalen Hochbetriebs arbeiten, sowie den kaum koordinierten Charakter der Veranstaltungen. Diese Kritik illustriert die Spannungen innerhalb der deutschen Modeinstitutionen und die Herausforderung, zwischen künstlerischer Integrität, wirtschaftlicher Realität und internationaler Sichtbarkeit zu navigieren.

Zugleich befindet sich die Berlin Fashion Week selbst in einem Prozess der Neuvermessung. Unter der Leitung des Fashion Council Germany und mit städtischer Unterstützung wird daran gearbeitet, Berlin als international ernstzunehmenden Mode-Standort zu etablieren und statt einer anonymen Partyszene eine substanzielle Plattform für Designinnovation und nachhaltige Produktion zu schaffen.

Ostertags inszenierter Abend an diesem Wochenende ist in diesem Sinne kein bloßes Schaulaufen ästhetischer Oberflächen. Er steht für einen ästhetischen und organisatorischen Wandel, in dem Tradition an neue Präsentationsformen gebunden wird und in dem das Produkt nicht nur als Objekt, sondern als Erlebnis inszeniert wird. Die „Blaue Stunde“ bleibt in diesem Sinn ein ästhetisches Leitbild und ein strategisches Statement: Es geht um Überwindung klassischer Showformate, um Partizipation und um die Reflexion über die Rolle der Mode in einem kulturellen wie sozialen Gefüge, das sich selbst im Umbruch befindet.

Von admin