Auf der Pressekonferenz des CRM Centrum für Reisemedizin zum 27. Forum „Reisen und Gesundheit“ sprachen mehrere Fachleute aus Reisemedizin, Pädiatrie und Tourismusforschung. Die Referierenden im Überblick:

Prof. Dr. med. Tomas Jelinek
Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin (Düsseldorf), medizinischer Leiter des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin sowie Präsident der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR). Er stellte die wichtigsten Ergebnisse und Themen des Forums vor und sprach außerdem über die aktuelle globale Seuchenlage sowie neue Entwicklungen bei Reiseimpfungen.

Dr. med. Markus Frühwein
Facharzt für Allgemeinmedizin mit Zusatzqualifikationen in Reise-, Tropen- und Ernährungsmedizin sowie Master of Health Management. Frühwein ist erster Vizepräsident der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin. In seinem Beitrag ging es um Chancen und Risiken von Fernreisen mit Kindern.

Dr. med. Mathias Wagner
Niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Berlin. Sein Schwerpunkt auf der Pressekonferenz lag auf parasitären Erkrankungen, die Kinder während oder nach Reisen betreffen können, sowie auf typischen gesundheitlichen Risiken für junge Reisende.

Prof. Dr. Martin Lohmann
Tourismusforscher und ehemaliger Leiter des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel. Er analysierte langfristige Entwicklungen im Reiseverhalten und skizzierte, welche Trends die Reisemedizin bis zum Jahr 2035 prägen könnten.

Die Moderation der Pressekonferenz übernahm die Pressestelle des CRM Centrum für Reisemedizin.

 

Der Wunsch, mit Kindern die Welt zu entdecken, ist für viele Familien selbstverständlich geworden. Elternzeit, flexible Arbeitsmodelle und günstige Flugverbindungen haben dazu geführt, dass auch Fernreisen mit Säuglingen oder Kleinkindern längst kein Ausnahmefall mehr sind. Doch medizinisch betrachtet ist diese Entwicklung nicht unproblematisch. Reisemediziner warnen seit Jahren davor, dass Kinder unterwegs deutlich größeren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind als Erwachsene. Auf einer Pressekonferenz des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Berlin anlässlich des 27. Forums „Reisen und Gesundheit“ haben Experten deshalb erneut für mehr Vorsicht und bessere Vorbereitung geworben.

Der Kinder- und Jugendarzt Mathias Wagner weist darauf hin, dass sich viele Risiken vermeiden ließen, wenn Eltern frühzeitig medizinischen Rat einholten. Entscheidend sei der Zeitpunkt der Beratung. Je exotischer das Reiseziel und je jünger das Kind, desto früher sollte die Planung beginnen, idealerweise noch vor der Buchung der Reise. Kinder reagieren auf viele Belastungen empfindlicher als Erwachsene. Ihr Immunsystem ist noch in der Entwicklung, der Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt instabiler, und sie können Gefahren oder hygienische Regeln oft nicht selbst einschätzen. Entsprechend häufig treten nach Auslandsreisen Erkrankungen auf. Internationale Auswertungen zeigen, dass bei erkrankten Kindern Durchfallerkrankungen, Hautinfektionen und fieberhafte Erkrankungen besonders häufig diagnostiziert werden. Kinder erleiden zudem deutlich häufiger Tierbisse oder akute Magen-Darm-Infektionen als erwachsene Reisende.

Besondere Aufmerksamkeit gilt fieberhaften Erkrankungen nach Aufenthalten in tropischen Regionen. Hier steht vor allem Malaria im Fokus der Reisemedizin. Die Krankheit wird durch Parasiten der Gattung Plasmodium verursacht, die durch den Stich der Anopheles-Mücke übertragen werden. Weltweit erkranken jährlich rund 280 Millionen Menschen an Malaria, etwa 600.000 sterben daran, die Mehrheit davon Kinder unter fünf Jahren. Für junge Kinder verläuft insbesondere die gefährliche Form Malaria tropica oft schneller und schwerer als bei Erwachsenen. Deshalb raten viele Tropenmediziner davon ab, mit Kindern unter fünf Jahren in entsprechende Risikogebiete zu reisen, vor allem in weite Teile Subsahara-Afrikas oder in bestimmte Regionen Asiens und Südamerikas.

Neben Infektionskrankheiten spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle. Aufenthalte in großer Höhe können für kleine Kinder problematisch sein, weil Symptome einer Höhenkrankheit schwer zu erkennen sind. Reisemediziner empfehlen deshalb, mit Kindern unter fünf Jahren Schlafhöhen über etwa 2500 Metern zu vermeiden. Auch abgelegene Regionen ohne medizinische Infrastruktur gelten als riskant. Im Ernstfall sollte eine kinderärztliche Versorgung innerhalb von 48 Stunden erreichbar sein.

Ein zentrales Element der Prävention ist der Impfschutz. Vor Fernreisen müsse zunächst überprüft werden, ob alle Standardimpfungen vollständig sind. Dazu zählen etwa Impfungen gegen Masern, Polio, Tetanus oder Keuchhusten. Je nach Reiseziel können weitere Impfungen erforderlich sein, etwa gegen Hepatitis A, Typhus oder Gelbfieber. Wichtig ist dabei der zeitliche Vorlauf. Viele Impfstoffe benötigen mehrere Wochen, bis ein vollständiger Schutz aufgebaut ist, manche müssen in mehreren Dosen verabreicht werden. Reisemediziner raten deshalb, spätestens ein bis drei Monate vor Abreise eine entsprechende Beratung zu beginnen.

Auch einfache Schutzmaßnahmen spielen eine große Rolle. Konsequenter Mückenschutz, sauberes Trinkwasser, sorgfältige Lebensmittelhygiene und ein wirksamer Sonnenschutz sind für Kinder besonders wichtig. Gerade Durchfallerkrankungen entstehen häufig durch verunreinigtes Wasser oder Lebensmittel. Die Weltgesundheitsorganisation führt einen großen Teil der Reiseerkrankungen auf solche Ursachen zurück. Gleichzeitig fällt es Kindern naturgemäß schwerer, hygienische Regeln konsequent einzuhalten. Sie berühren Tiere, stecken Gegenstände in den Mund oder spielen im Wasser. All das erhöht das Infektionsrisiko.

Die Reisemedizin reagiert inzwischen auch auf neue Trends im globalen Tourismus. Tourismusforscher beobachten, dass Fernreisen mit Kindern zunehmen und längere Aufenthalte im Ausland immer häufiger werden. Digitale Nomaden, Sabbaticals oder monatelange Elternzeitreisen verändern das Profil der Reisenden. Für Ärzte bedeutet das neue Herausforderungen: längere Aufenthalte in Regionen mit unterschiedlichen Gesundheitsrisiken, komplexere Impfpläne und die zunehmende Bedeutung von Krankheiten, die durch Globalisierung und Klimawandel an Bedeutung gewinnen, etwa Dengue- oder Chikungunya-Fieber.

Für die Experten in Berlin bleibt die zentrale Botschaft dennoch vergleichsweise nüchtern. Reisen mit Kindern sind möglich, oft auch unproblematisch. Entscheidend ist nicht das Fernweh der Eltern, sondern die medizinische Vorbereitung. Wer sich rechtzeitig informiert, Risiken realistisch einschätzt und Reiseziele sorgfältig auswählt, kann auch mit jungen Kindern sicher unterwegs sein. Die wichtigste Regel der Reisemedizin ist dabei zugleich die einfachste: Je kleiner das Kind, desto größer sollte die Vorsicht sein.

Von admin