Beim Neujahrsempfang der Hans-Böckler-Stiftung am Mittwochabend in Berlin stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich Künstliche Intelligenz so gestalten lässt, dass sie gute Arbeit fördert statt neue Ungleichheiten zu vertiefen. Unter dem Titel „Gerechte KI. Gute Arbeit“ versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter aus Gewerkschaften, Wissenschaft und dem Stipendiatennetzwerk der Stiftung, um über die sozialen, rechtlichen und politischen Leitplanken des technologischen Wandels zu diskutieren. Bereits die Dramaturgie des Abends machte deutlich, dass es weniger um Technikoptimismus oder Kulturpessimismus ging als um Gestaltungsansprüche in einer Arbeitswelt, die sich rasant verändert.
Nach der Begrüßung durch die Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, Claudia Bogedan, hielt Yasmin Fahimi die Keynote. Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes und zugleich Vorsitzende des Stiftungsvorstands rückte die Perspektive der Beschäftigten in den Mittelpunkt. Künstliche Intelligenz, so Fahimi, sei längst kein Zukunftsthema mehr, sondern Teil betrieblicher Realität. Umso entscheidender sei die Frage, wer über ihren Einsatz entscheidet und nach welchen Regeln. Effizienzgewinne allein könnten kein Maßstab sein, wenn algorithmische Systeme Arbeitsintensität erhöhen, Leistungsdruck verschärfen oder intransparent über Chancen und Risiken im Erwerbsleben entscheiden. Fahimi plädierte für einen klaren Vorrang von Mitbestimmung, Tarifbindung und Qualifizierung. Nur wenn Beschäftigte frühzeitig eingebunden würden, könne KI dazu beitragen, Arbeit sicherer, sinnvoller und produktiver zu machen, statt bestehende Machtasymmetrien zu verstärken.
In den anschließenden Podiumsgesprächen wurde dieser Anspruch weiter vertieft. Meike Zehlike von der Passerelle-Geschäftsführung sprach über praktische Erfahrungen an der Schnittstelle von Digitalisierung und Arbeitsorganisation und machte deutlich, dass technologische Lösungen häufig an sozialen Realitäten scheitern, wenn sie ohne Beteiligung der Betroffenen eingeführt werden. Ernesto Klengel, Direktor des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeits- und Sozialrecht der Hans-Böckler-Stiftung, ordnete die Debatte rechtlich ein. Zwar setzten europäische und nationale Regulierungen wie der AI Act wichtige Rahmenbedingungen, doch reichten gesetzliche Vorgaben allein nicht aus, um faire Arbeitsbedingungen im Betrieb sicherzustellen. Entscheidend bleibe die kollektive Aushandlung vor Ort, etwa durch Betriebsräte, die Transparenz, Datenschutz und den Schutz vor Diskriminierung durchsetzen können.
Eine besondere Perspektive brachten die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Stiftung ein. Isabell Bieber, Maria Gilgenbach und Denis Schatilow berichteten aus ihren jeweiligen Forschungs- und Studienzusammenhängen über die Ambivalenzen algorithmischer Steuerung, über neue Qualifikationsanforderungen und über die Gefahr, dass soziale Ungleichheiten durch datenbasierte Systeme reproduziert werden. Ihre Beiträge machten deutlich, dass die Frage nach gerechter KI nicht abstrakt ist, sondern konkrete Auswirkungen auf Berufsbiografien, Aufstiegschancen und die Qualität von Arbeit hat.
Der Neujahrsempfang der Hans-Böckler-Stiftung zeigte damit KI als politisches und gesellschaftliches Gestaltungsfeld. Nicht die Technologie selbst stand im Vordergrund, sondern die Bedingungen ihres Einsatzes. In einer Zeit, in der digitale Systeme immer tiefer in betriebliche Abläufe eingreifen, formulierte der Abend einen klaren Anspruch: Gute Arbeit entsteht nicht automatisch durch Innovation, sondern durch Regeln, Mitbestimmung und den Willen, technologische Entwicklung an sozialen Maßstäben auszurichten.
