Der Wechsel an der Spitze des Berliner Gastgewerbes markiert mehr als eine Personalie. Mit der Wahl von Jörn Peter Brinkmann zum Präsidenten des DEHOGA Berlin rückt erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Vertreter der Gastronomie, nicht der klassischen Hotellerie, an die Spitze der wichtigsten Branchenvertretung der Hauptstadt. Die Mitgliederversammlung entschied einstimmig und setzte damit ein Signal in einer Phase, in der sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Branche erneut verschieben.

Brinkmann folgt auf Christian Andresen, der den Verband acht Jahre lang geführt und durch eine Reihe struktureller Krisen gesteuert hat. In seine Amtszeit fielen die pandemiebedingten Betriebsschließungen, die Debatten um reduzierte Mehrwertsteuersätze, steigende Betriebskosten sowie Konflikte um Regulierungsthemen wie Sperrzeiten, Außengastronomie und kommunale Abgaben. Der Verband profilierte sich in dieser Zeit zunehmend als politischer Akteur, der nicht nur Interessen bündelt, sondern aktiv in Gesetzgebungsprozesse eingreift. Dass Brinkmann diesen Kurs fortsetzen will, lässt bereits seine programmatische Positionierung erkennen: weniger Anpassung als vielmehr sichtbare Interessenvertretung.

Die Wahl eines Gastronomen ist vor diesem Hintergrund mehr als symbolisch. Sie spiegelt die Verschiebung innerhalb der Branche selbst, in der Restaurants, Bars und hybride Konzepte in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Berlin gilt als einer der dynamischsten Gastronomiemärkte Europas, zugleich aber auch als einer der volatilsten. Steigende Mieten, Fachkräftemangel und ein verändertes Konsumverhalten setzen insbesondere inhabergeführte Betriebe unter Druck. Brinkmann kennt diese Perspektive aus eigener Erfahrung. Als geschäftsführender Gesellschafter der „Ständigen Vertretung“, eines politisch geprägten Gastronomiebetriebs im Regierungsviertel, bewegt er sich seit Jahren im Spannungsfeld von Öffentlichkeit, Politik und wirtschaftlicher Realität.

Sein beruflicher Hintergrund verbindet klassische Hotellerie mit internationaler Erfahrung und akademischer Ausbildung im Tourismus- und Eventmanagement. Diese Mischung entspricht einem Strukturwandel, der die Branche seit längerem prägt: Die Grenzen zwischen Beherbergung, Gastronomie und Erlebnisökonomie verschwimmen zunehmend. Für den Verband bedeutet das, heterogenere Interessen auszubalancieren. Während große Hotelketten oft global agieren und andere regulatorische Prioritäten haben, kämpfen kleinere gastronomische Betriebe mit lokalen Rahmenbedingungen. Die Fähigkeit, diese unterschiedlichen Perspektiven in eine konsistente Strategie zu übersetzen, wird für Brinkmann zentral sein.

Inhaltlich zeichnet sich bereits ab, welche Themen die neue Präsidentschaft prägen dürften. Die Diskussion um die dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen bleibt ein Kernanliegen der Branche, ebenso wie Fragen der Arbeitsmarktpolitik. Der Personalmangel hat sich seit der Pandemie verschärft und betrifft nahezu alle Segmente. Hinzu kommen energiepolitische Unsicherheiten und steigende Betriebskosten, die die wirtschaftliche Stabilität vieler Betriebe belasten. Parallel wächst der regulatorische Druck, etwa durch städtische Vorgaben zu Lärmschutz, Flächennutzung oder Nachhaltigkeitsauflagen.

Der DEHOGA Berlin steht damit vor der Aufgabe, seine Rolle als Vermittler zwischen Politik und Wirtschaft weiter zu schärfen. Anders als auf Bundesebene, wo der DEHOGA Bundesverband stärker strategisch agiert, ist die Berliner Landesorganisation unmittelbarer in lokale Entscheidungsprozesse eingebunden. Die Nähe zur Landespolitik macht den Verband einflussreich, erhöht aber zugleich die Erwartungen an konkrete Ergebnisse.

Brinkmanns Ankündigung, der Verband werde „nicht leiser“ werden, verweist auf eine strategische Kontinuität. Zugleich deutet die personelle Konstellation im Präsidium darauf hin, dass unterschiedliche Branchensegmente stärker integriert werden sollen. Unterstützt wird diese Arbeit weiterhin durch die Geschäftsstelle unter Leitung von Gerrit Buchhorn, die für die operative Umsetzung verantwortlich bleibt. In der Praxis wird sich zeigen, ob die Kombination aus neuer Führung und bestehender Struktur die notwendige Balance zwischen Kontinuität und Anpassung erreicht.

Für die Berliner Wirtschaft insgesamt hat der Führungswechsel Gewicht. Das Gastgewerbe zählt zu den beschäftigungsintensivsten Branchen der Stadt und prägt sowohl das touristische Profil als auch das urbane Alltagsleben. In einer Metropole, deren Attraktivität wesentlich von ihrer gastronomischen Vielfalt lebt, ist die Interessenvertretung dieser Branche auch ein Faktor der Stadtentwicklung. Brinkmann übernimmt das Amt daher in einer Phase, in der wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Erwartungen eng miteinander verwoben sind. Die Frage wird sein, ob es ihm gelingt, den Verband nicht nur als Stimme der Branche zu positionieren, sondern als gestaltende Kraft im Berliner Wirtschaftsgefüge.

 

Das neue Präsidium des DEHOGA Berlin im Überblick:

 

Präsident
Jörn Peter Brinkmann, geschäftsführender Gesellschafter Ständige Vertretung Gastronomie GmbH

 

Vizepräsident und Fachgruppenvorsitzender Gastronomie
Thomas Wolf, Inhaber Restaurant Keyser Soze

 

Stellvertretende Fachgruppenvorsitzende Gastronomie
Antonia Meiffert, Leiterin Restaurant „Diekmann“

 

Vizepräsident und Fachgruppenvorsitzender Hotellerie
Philip Ibrahim, General Manager Hotel MOA Berlin

 

Stellvertretende Fachgruppenvorsitzende Hotellerie
Katja Hagenbucher, General Manager Radisson RED Berlin Kudamm

 

Schatzmeister
Jens Strobl, Geschäftsführer the berlincity – Apartments und Jugendhotel

 

Stellvertretender Schatzmeister
Miljan Draskovic, Regional Manager Berlin, Motel One Group

 

Hauptgeschäftsführer

Gerrit Buchhorn, DEHOGA Berlin

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