Gestern Nachmittag wurde im Atrium Tower am Potsdamer Platz die zweite Ausgabe von RAUM.Berlin eröffnet, einem experimentellen Präsentationsformat im Rahmen der Berlin Fashion Week 2026, das die traditionellen Strukturen der Modepräsentation neu denkt und neu ausrichtet. Anders als bei klassischen Laufstegschauen stehen hier nicht Sequenzen geordneter Model-Darstellungen im Vordergrund, sondern individuell konzipierte Räume, in denen Mode als räumliche Erfahrung zwischen Installation, Performance und Kollektion erfahrbar wird. Das Konzept, das vom Fashion Council Germany initiiert und – nach der erfolgreichen Premiere im Sommer 2025 – erneut umgesetzt wird, wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert und versteht sich als offener, zugänglicher Zugang zur Gegenwartsmodediskussion.
Im Atrium Tower versammelten sich zur Eröffnung neben Vertreter:innen aus Modeindustrie, Kultur und Fachpresse auch politische Akteur:innen, darunter die Parlamentarische Staatssekretärin Gitta Connemann aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Connemann betonte die wirtschaftliche Bedeutung der Kreativbranchen und verwies auf die Rolle der Modeindustrie als Export- und Innovationssektor, der insbesondere für den Mittelstand strukturelle Chancen eröffne und internationale Sichtbarkeit schaffe. Ihr Auftritt unterstrich die gesamtwirtschaftliche Dimension der Mode als Branche, die über ästhetische Inszenierung hinaus Wertschöpfung und Arbeitsplätze generiert.
Die erste Tagesgruppe präsentierte zwischen 15:30 und 17:00 Uhr die aktuellen Kollektionen der Labels Clara Colette Miramon, Esther Perbandt und SELVA HUYGENS, die jeweils eigene räumliche Konzepte entwarfen und die fließenden Übergänge zwischen Mode, Raum und Inszenierung ausloteten. Diese Darstellungsweise – jenseits des herkömmlichen Catwalks – bietet Besucher:innen tiefere Einblicke in Designprozesse, Materialität und konzeptionelle Fragestellungen, weil die Kleidung nicht nur getragen, sondern im Kontext erlebbar wird.
Am ersten Veranstaltungstag standen Clara Colette Miramon, Esther Perbandt und Selva Huygens im Fokus der Präsentationen. In jedem Fall handelt es sich um Designer:innen, die nicht nur Kleidungsstücke, sondern ein narratives Umfeld schaffen. Diese Entwürfe lösen sich von der reinen Darstellung von Silhouetten und Stofflichkeit; Vielmehr treten sie in Dialog mit der Architektur des Atrium Tower, der mit seiner offenen Raumstruktur und der Nähe zum urbanen Neuralgikum Potsdamer Platz eine Bühne schafft, auf der räumliche und konzeptuelle Fragen der zeitgenössischen Mode verhandelt werden
RAUM.Berlin ist für Fachpublikum und modeinteressierte Öffentlichkeit geöffnet und gliedert sich über vier Tage in tägliche Dreiergruppen; jeden Tag ab 12:00 Uhr öffnen neue Designer:innen ihre Räume. Morgen stehen Sex & Jeans, Sezgin und Ultravantgarde x Hungry auf dem Programm. An den folgenden Tagen werden weitere Positionen gezeigt, darunter Marken wie LUEDER, Michael Sontag oder Panos Gotsis.
RAUM.Berlin versteht sich als Spiegel der aktuellen Vielfalt zeitgenössischer Mode: Kunsthistorische, soziale und technologische Bezüge werden sichtbar, wenn jede Marke ihr eigenes Setting konzipiert. Der Übergang zwischen Mode und Installation, zwischen Werk und Erfahrung ist kein rein rhetorisches Motiv, sondern strukturelles Element des Formats, das Mode nicht nur als Produkt, sondern als erzählbaren Sachverhalt begreift. Diese Anmutung korrespondiert mit dem gegenwärtigen Paradigmenwechsel vieler Präsentationsformate, in denen Mode zunehmend performativ und interdisziplinär reflektiert wird.
Das Format reflektiert eine wachsende Entwicklung innerhalb der Modepräsentation, die sich von der linearisierten, frontalisierten Schau hin zu offenen, narrativen Räumen bewegt. In Berlin bestätigt RAUM.Berlin diesen Trend durch seine zentrale Lage am Potsdamer Platz und seine klare Öffnung gegenüber einem breiteren Publikum. Die Modalitäten der Präsentation – als dialogischer, begehbarer Raum – geben nicht nur Einblick in aktuelle Kollektionen, sondern erlauben auch eine Auseinandersetzung mit Fragen der Inszenierung und der Vermittlung von Mode als Kulturform.
