Im Berliner Kulturleben hat das Varieté eine lange Tradition, doch nur wenige Häuser pflegen sie so konsequent wie das Wintergarten Varieté Berlin. Das Theater an der Potsdamer Straße knüpft seit seiner Wiedereröffnung in den 1990er-Jahren bewusst an jene Unterhaltungskultur an, die Berlin bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte: eine Mischung aus Musik, Akrobatik, Humor und Gastronomie, inszeniert im Ambiente der Goldenen Zwanziger. Mit der neuen Produktion „AHOI – Swing * Dinner * Acrobatics“ greift das Haus diese Tradition erneut auf und verbindet sie mit einer nostalgischen Reisephantasie, die tief im kulturellen Gedächtnis der Moderne verankert ist.
Im Zentrum der Produktion steht der junge Entertainer David Hermlin. Gemeinsam mit seiner Schwester Rachel Hermlin und seinem Vater Andrej Hermlin führt er eine zwölfköpfige Big Band an, die sich dem Klang der klassischen Swing-Ära verschrieben hat. Ihr musikalisches Programm orientiert sich bewusst an den großen Tanzorchestern der 1930er-Jahre, deren Musik einst die Ballrooms der Metropolen füllte. In der Show wird dieser Stil nicht nur konzertant präsentiert, sondern dramaturgisch eingebettet in eine maritime Inszenierung: Die Bühne wird zum Deck eines imaginären Ozeandampfers, der von Hafen zu Hafen reist.
Die Dramaturgie folgt dabei der klassischen Logik des Varietés. Musik, Artistik und kurze komische Momente wechseln einander ab, ohne sich zu einer linearen Handlung zu verdichten. Stattdessen entsteht ein episodischer Abend, der von Atmosphäre, Rhythmus und visueller Überraschung lebt. Die Reise führt symbolisch von New York über Havanna und Paris bis nach Shanghai. Jede Station bringt neue musikalische Farben, andere Kostüme und eine weitere artistische Disziplin hervor. Diese Struktur ist typisch für das Genre, das traditionell weniger von dramatischer Entwicklung als von der Vielfalt seiner Nummern lebt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die internationale Artistik, die im Wintergarten seit Jahrzehnten das eigentliche Herzstück der Programme bildet. Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern zeigen Darbietungen aus Luftakrobatik, Balancekunst und körperbetonter Performance. Der Anspruch der Produktion besteht darin, diese Nummern nicht isoliert nebeneinanderzustellen, sondern sie mit Musik und Bühnenbild zu einer gemeinsamen Atmosphäre zu verbinden. Der Swing liefert den rhythmischen Rahmen, während Licht, Kostüme und Dekor eine Welt entstehen lassen, die an die glamouröse Ära transatlantischer Passagierschiffe erinnert.
Das Konzept des Dinner-Varietés, das der Abend ebenfalls aufgreift, gehört zu den klassischen Formen europäischer Unterhaltungskultur. Bühne und Gastronomie verschmelzen zu einem Gesamterlebnis, bei dem das Publikum nicht nur Zuschauer bleibt, sondern Teil einer gesellschaftlichen Situation wird. Diese Verbindung aus Show, Musik und Kulinarik knüpft an jene Tradition an, in der Varietétheater zugleich Treffpunkt, Bühne und Salon waren.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Abends, der sich seiner historischen Vorbilder bewusst ist und dennoch zeitgenössische Unterhaltung bietet. Wer den Wintergarten besucht, erlebt keine nostalgische Museumsaufführung, sondern eine lebendige Form des Varietés, die Musik, Artistik und Atmosphäre miteinander verbindet. Wenn sich nach der letzten Nummer der Vorhang schließt und die Big Band noch einmal den Saal mit Swing füllt, verlässt man das Theater mit jenem seltenen Gefühl, für ein paar Stunden aus dem Berliner Alltag auf eine kleine, glanzvolle Reise gegangen zu sein.
