Beim Iftar-Essen der Internationalen Union der Demokraten, kurz UID, in Berlin verband sich in dieser Woche religiöse Tradition mit politischer Botschaft. In einem festlichen Saal, in dem Vertreter aus Diplomatie, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenkamen, nutzte der türkische Botschafter in Deutschland, Gökhan Turan, die Bühne für eine Rede, die weit über die spirituelle Dimension des Ramadan hinausging. Es war ein Auftritt, der aktuelle außenpolitische Konflikte, integrationspolitische Spannungen und Fragen demokratischer Teilhabe miteinander verknüpfte und damit die transnationale Verflechtung türkischer Politik in Deutschland deutlich machte.

Eingeladen hatte die Internationale Union der Demokraten, die aus der früheren UETD hervorgegangen ist und seit Jahren als europaweit aktive Organisation von Menschen mit türkischem Hintergrund auftritt. Beobachter ordnen sie politisch dem Umfeld der türkischen Regierungspartei AKP zu. Entsprechend aufmerksam wurde registriert, wer an diesem Abend im Publikum saß: neben dem Berliner Generalkonsul İlker Okan Şanlı auch der AKP-Abgeordnete Ersan Aksu aus Samsun sowie Funktionäre der UID. Bereits diese Konstellation unterstrich, dass es sich nicht um ein rein religiöses Zusammenkommen handelte, sondern um ein politisch gerahmtes Forum innerhalb der türkischen Diaspora.

In seiner Rede stellte Botschafter Turan zunächst den Ramadan in den Mittelpunkt. Er sprach von Gemeinschaft, Solidarität und Brüderlichkeit. Doch rasch verlagerte sich der Schwerpunkt auf die internationale Lage. Mit deutlichen Worten beschrieb er die humanitäre Situation im Gazastreifen als katastrophal. Hunderttausende Menschen hätten keinen sicheren Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung. Die Konflikte müssten beendet und ein dauerhafter Frieden geschaffen werden. Die Türkei halte an ihrer prinzipiellen Haltung gegen Angriffe auf Zivilisten fest, insbesondere auf Kinder. Damit griff Turan eine Position auf, die Ankara seit Beginn des jüngsten Gaza-Krieges wiederholt betont und die in Deutschland kontrovers diskutiert wird. Der Verweis auf Gaza fügte sich in eine außenpolitische Linie ein, die die türkische Regierung seit Jahren verfolgt und die auch gegenüber der eigenen Diaspora kommuniziert wird.

Ein zweiter Schwerpunkt der Rede betraf die Lage der Menschen türkischer Herkunft in Deutschland. Turan würdigte die Leistungen der sogenannten Gastarbeitergeneration, die vor rund 65 Jahren auf Grundlage des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens nach Deutschland kam. Ihr Fleiß und ihre Arbeit hätten maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen. Gleichzeitig verwies er auf fortbestehende Probleme: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit seien noch nicht überwunden. Als mahnende Beispiele nannte er die Anschläge von Hanau und Solingen. Der rechtsterroristische Anschlag von Hanau im Februar 2020, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet wurden, gilt als Zäsur in der deutschen Debatte über rechten Terror. Der Brandanschlag von Solingen 1993, bei dem fünf türkischstämmige Frauen und Mädchen ums Leben kamen, ist bis heute ein Trauma der deutsch-türkischen Geschichte. Indem Turan beide Ereignisse nebeneinanderstellte, zeichnete er eine Linie struktureller Bedrohung, die aus seiner Sicht fortbesteht. Zugleich betonte er die enge Zusammenarbeit mit deutschen Behörden im Kampf gegen rassistische und islamfeindliche Gewalt.

Schließlich wandte sich der Botschafter der Rolle der Zivilgesellschaft und der politischen Partizipation zu. Religiöse, soziale und kulturelle Bindungen gewännen im Ausland besondere Bedeutung, sagte er. Organisationen wie die UID leisteten einen Beitrag dazu, religiöse Bedürfnisse zu erfüllen, Solidarität zu stärken und die Verbindung zur Türkei aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus hob er die Bedeutung einer angemessenen Repräsentation im deutschen politischen Leben hervor. Die aktive Ausübung des Wahlrechts könne dazu beitragen, Erwartungen und Forderungen der Community in kommunale und nationale Entscheidungsprozesse einzubringen. Damit berührte Turan einen Kern integrationspolitischer Debatten: die Frage, in welchem Maß migrantische Organisationen Brücken bauen oder Parallelstrukturen verfestigen.

Dass diese Botschaften ausgerechnet im Rahmen eines Iftar-Abends formuliert wurden, verweist auf die enge Verschränkung von Religion, Identität und Politik in Teilen der türkischen Diaspora. Das Fastenbrechen im Ramadan ist traditionell ein Moment der Gemeinschaft. In Berlin wurde es zugleich zur politischen Bühne. Am Ende stand ein gemeinsames Foto der Gäste mit Vertretern der Organisation. Es dokumentiert einen Abend, an dem religiöse Symbolik und politische Positionierung ineinandergriffen und der deutlich machte, wie stark internationale Konflikte, innenpolitische Spannungen und Fragen demokratischer Teilhabe auch im deutschen Kontext miteinander verwoben sind.

Von admin