In diesem Jahr markiert die Internationale Grüne Woche in Berlin nicht nur ihre 90. Auflage, sondern zugleich das 100-jährige Bestehen einer der einflussreichsten Agrar- und Ernährungsmessen Europas. Vom 16. bis zum 25. Januar 2026 versammeln sich auf dem Messegelände unter dem Funkturm erneut Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft, Gartenbau und ländlichen Tourismus; die Veranstalter erwarten rund 300 000 bis 325 000 Besucherinnen und Besucher sowie etwa 1 500 bis 1 600 Aussteller aus rund 50 Ländern. Damit ist die Grüne Woche auch im Jubiläumsjahr eine der größten und wichtigsten Plattformen für den Austausch zwischen Produzenten, Konsumenten, Fachöffentlichkeit und politischer Ebene.

Für den Freistaat Thüringen ist die Messe traditionell ein zentrales Schaufenster seiner agrarischen Leistungsfähigkeit und seiner kulinarischen Identität. Nach Angaben des Thüringer Wirtschafts- und Landwirtschaftsministeriums präsentiert sich der Landesauftritt auf einer Fläche von knapp 1 900 Quadratmetern in Halle 20 und gehört damit zu den substantielleren Gemeinschaftsständen der Bundesländer. Die Zahl der ausstellenden regionalen Betriebe, Direktvermarkter, Verbände und touristischen Akteure ist gegenüber den Vorjahren deutlich gestiegen – von 51 im Jahr 2024 über 53 im Jahr 2025 auf nunmehr 74 beteiligte Aussteller. Die Positionierung am Beginn der sogenannten “Tour der Regionen” sichert dem Thüringer Stand eine exponierte Lage.

Im Mittelpunkt der Thüringer Präsentation steht das Motto „Thüringen überraschend – 100 Jahre Grüne Woche“. Es signalisiert einen bewussten Bruch mit stereotypen Erwartungen und will nicht nur klassische Spezialitäten in den Fokus rücken, sondern auch Wirtschaftsbereiche und Innovationen, die im öffentlichen Bewusstsein weniger mit dem Freistaat assoziiert werden. Dazu zählen etwa der Anbau von Trüffeln und Brunnenkresse, die Entwicklung einer elektrisch angetriebenen Kutsche, die Zwergenmanufaktur in Gräfenroda sowie die traditionelle Glasfertigung aus Lauscha. Ergänzend präsentiert Thüringen ungewöhnliche Übernachtungsangebote und verweist auf rund 100 Veranstaltungen im Freistaat, die jenseits klassischer touristischer Pfade liegen.

Die Grüne Woche fungiert seit langem nicht nur als Vitrine regionaler Produkte, sondern wird von Politik und Verbänden als Indikator für strukturelle und politische Debatten im Agrarsektor genutzt. Bundesweit wird die Messe seit jeher als agrarpolitischer Höhepunkt des Jahres verstanden, auf dem Fragen der Ernährungssicherheit, der Markt- und Preisdynamik sowie der zukünftigen Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) verhandelt werden. In diesem Jahr hat etwa der Präsident des Deutschen Bauernverbandes hervorgehoben, dass die Messe eine zentrale Rolle dabei spielt, die Verbindung zwischen Produktion, Verbrauch und politischen Rahmenbedingungen zu reflektieren – vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen und des internationalen Dialogs über landwirtschaftliche Nachhaltigkeit.

Die Präsenz Thüringens in Berlin spiegelt diese Doppelfunktion: Neben der Vermarktung von Kulinarik und ländlicher Kultur bietet sie eine Plattform für den Fachdiskurs über Innovationen im Agrar- und Ernährungssektor. In Kombination mit dem bundesweiten Spannungsfeld um Preise, ökologische Anforderungen und politische Rahmenbedingungen ist die Grüne Woche 2026 damit mehr als eine bloße Leistungsschau; sie ist ein Ort, an dem regionale Identität und überregionale Herausforderungen aufeinandertreffen und sich wechselseitig schärfen.

Von admin