Tiffany schreibt in Hoppegarten ihre eigene Siegergeschichte
Es war der Moment, auf den Tiffanys Besitzer lange gewartet hatten. Die sechsjährige Stute gewann am Sonntag in Berlin-Hoppegarten den Westminster 136. Großen Preis von Berlin und damit erstmals in ihrer Karriere ein Gruppe-I-Rennen. Unter Luke Morris setzte sich die Favoritin auf der 2400-Meter-Distanz in einem dramatischen Endkampf gegen Bright Light durch. Dubai Future wurde Dritter, Tornado Alert Vierter, Global Health kam auf Rang fünf. Für Tiffany war es nicht irgendein Sieg, sondern die Krönung einer Laufbahn, in der sie immer wieder ganz dicht vor dem großen Erfolg gestanden hatte.
Das Rennen nahm zunächst einen anderen Verlauf. Innora mit Leon Wolff übernahm nach dem Start die Führung und setzte sich früh deutlich vom Feld ab. Zwischenzeitlich betrug ihr Vorsprung rund sechs Längen. Dahinter hielt sich Dubai Future in günstiger Position, während sich die übrigen Favoriten im Feld sortierten. Tiffany galoppierte zunächst an fünfter Stelle an der Innenseite. Morris ließ seine Stute ruhig laufen und bewahrte sich damit die entscheidende Kraft für die Schlussphase. Rund 1400 Meter vor dem Ziel lag Innora weiterhin vorne, das Tempo blieb zügig.
Mit zunehmender Distanz rückte das Feld zusammen. Dardanos, der aktuelle Derbysieger, konnte seine Position nicht entscheidend verbessern. Tiffany dagegen blieb unauffällig im Rennen. Morris wartete geduldig. Erst im Schlussbogen begann sich die entscheidende Situation zu entwickeln. Auf den letzten 300 Metern wurde aus dem taktisch geprägten Rennen ein Kampf um jeden Meter. Tiffany fand ihren Weg und beschleunigte genau im richtigen Augenblick. Bright Light setzte nach und entwickelte sich zum ernsthaften Gegner, doch die Engländerin hielt stand.
Am Ende betrug der Vorsprung nur einen Hals. Dahinter folgten Dubai Future und Tornado Alert. Tiffany hatte gewonnen, Bright Light musste sich mit Platz zwei begnügen. Der zehnjährige Dubai Future bewies als Dritter erneut seine enorme Erfahrung. Für Dardanos dagegen endete der Berliner Saisonhöhepunkt enttäuschend. Der dreijährige Derbysieger wurde Letzter. Auch Hochkönig, Derbysieger des vergangenen Jahres, konnte nicht überzeugen und kam auf den vorletzten Rang.
Für Luke Morris war der Sieg besonders emotional. „Sie ist sehr tapfer und gibt immer alles“, sagte der 37-jährige Jockey unmittelbar nach dem Rennen. Tiffany sei bei ihren bisherigen Versuchen mehrfach unglücklich gewesen und habe so oft den zweiten Platz belegt. Nun habe sie erstmals ihr „huge heart“ gezeigt und ihr erstes Gruppe-I-Rennen gewonnen. Morris hob zugleich die Geduld der Besitzer hervor, die die Stute auch im Alter von sechs Jahren im Rennsport hielten. Diese Entscheidung wurde in Hoppegarten belohnt.
Morris und Tiffanys Trainer Sir Mark Prescott kennen solche großen Momente. Gemeinsam hatten sie bereits mit Alpinista internationale Rennsportgeschichte geschrieben. Die Stute gewann 2021 unter Morris unter anderem den Großen Preis von Berlin, den Preis von Europa und den Großen Preis von Bayern. Im folgenden Jahr triumphierte Alpinista im Prix de l’Arc de Triomphe, dem wohl prestigeträchtigsten Galopprennen Europas. Tiffany erreichte bislang nicht diese internationale Ausnahmestellung, doch ihr Sieg in Hoppegarten besitzt für ihre eigene Karriere einen besonderen Wert: Nach mehreren zweiten Plätzen in deutschen Gruppe-I-Rennen ist der entscheidende Schritt nun gelungen.
Auch Bright Light lieferte eine starke Vorstellung. Der von Andreas Suborics in Köln trainierte dreijährige Hengst war das beste deutsche Pferd im Ziel und musste sich der erfahrenen Tiffany erst auf den letzten Metern geschlagen geben. Für Suborics ist die Leistung ein Hinweis darauf, dass Bright Light auch auf höchstem Niveau bestehen kann. Als nächstes großes Ziel könnte der Große Preis von Baden Anfang September warten. Dort dürfte allerdings der Boden eine wichtige Rolle spielen. Auf weicherem Geläuf sieht Suborics seinen Schützling noch stärker.
Der Große Preis von Berlin war zugleich der gesellschaftliche Höhepunkt der Rennsaison in Hoppegarten. Trotz der sommerlichen Hitze kamen rund 11.200 Besucher auf die traditionsreiche Galopprennbahn. Unter den Gästen waren der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, mit seiner Partnerin Katharina Günther-Wünsch, Georg Friedrich Prinz von Preußen mit seiner Familie sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Gesellschaft. Auch Schauspieler Tom Schilling besuchte den Renntag. Die Temperaturen machten den Aufenthalt allerdings zu einer Belastungsprobe: Schattenplätze waren begehrt, Sonnenschirme wurden zum wichtigsten Ausstattungsstück und auf der VIP-Tribüne wurde sichtbar gegen die Hitze angekämpft.
Am Ende aber gehörte der Nachmittag den Pferden und ihren Reitern. Als Tiffany nach dem Zieleinlauf im Sonnenschein vor dem Publikum präsentiert wurde, war ihr Sieg längst mehr als eine weitere Rennentscheidung. Für ihre Besitzer war es die Belohnung für Jahre des Wartens, für Luke Morris der Erfolg eines perfekt eingeteilten Rennens und für Tiffany der Moment, in dem aus einer Stute mit vielen zweiten Plätzen endlich eine Gruppe-I-Siegerin wurde. Hoppegarten hatte seinen großen Sieger. Und Tiffany hatte sich ihren eigenen Platz in der Geschichte des Berliner Rennsports gesichert.