Berlin hat am 13. November 2025 zum elften Mal die „Berliner Unternehmerinnen des Jahres“ geehrt und damit ein deutliches Signal für die wachsende ökonomische Bedeutung weiblicher Gründerinnen gesetzt: Aus mehr als 130 Bewerbungen — ein neuer Rekord — wählte eine unabhängige Jury sechs Preisträgerinnen in vier Kategorien aus, die von nachhaltigen Konsumgütern über Food-Tech und 3D-Design bis hin zu PropTech reichen.
Die Bandbreite der ausgezeichneten Geschäftsmodelle illustriert aktuelle Umbrüche in der Berliner Gründerszene. In der Kategorie „KMU und Großunternehmen“ gewann Ann-Sophie Claus mit The Female Company, einem 2018 gegründeten Anbieter nachhaltiger Damenhygiene- und Mutterschaftsprodukte, der inzwischen rund 31 Beschäftigte zählt und auf zertifizierte Bio-Materialien setzt. In der Sparte „Kleinstunternehmen“ setzte sich Deniz Ficicioglu durch; ihre wunderfish GmbH entwickelt unter der Marke bettaf!sh Fischersatz auf Algenbasis und adressiert damit ökologische wie ernährungsökonomische Fragestellungen. Die Newcomer-Kategorie würdigte Susann Hoffmann und Philippa Koenig von MANTI MANTI, die Kinderbrillen im 3D-Druck aus biobasiertem PA11 fertigen; erstmals wurde mit „Women in Tech“ zudem ein technologieorientiertes Duo ausgezeichnet: Mona Hornung und Julia Wadehn von NOVO Building, die mit digitalen Gebäudezwillingen energetische Sanierungsmaßnahmen planen.
Der zweijährlich vergebene Preis ist mit 10.000 Euro pro Kategorie dotiert; hinzu kommen ein filmisches Unternehmensporträt und eine von der Berliner Bildhauerin Gisela von Bruchhausen gestaltete Skulptur. Trägerin der Initiative ist die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe; Kooperationspartner sind die Investitionsbank Berlin (IBB), die IHK Berlin und die Handwerkskammer Berlin. Mit der neu eingeführten Kategorie „Women in Tech“ reagiert die Auslobung auf die strukturelle Unterrepräsentation von Gründerinnen in technologieorientierten Segmenten und signalisiert eine gezielte Förderpriorität der Berliner Wirtschaftspolitik.
Die diesjährige Juryentscheidung steht für zwei Entwicklungen: erstens die zunehmende Verschiebung von Unternehmerinnentum hin zu Geschäftsmodellen mit messbarer gesellschaftlicher Wirkung — sei es durch Ressourcenschonung, CO₂-Bindung oder die Produktionsökologie von Konsumgütern — und zweitens die stärkere Sichtbarkeit technologiegetriebener Angebote aus weiblicher Gründungsperspektive. Für die Stadtökonomie hat dies praktische Relevanz: Programme, Förderlinien und Netzwerke müssen nicht mehr nur Gründungszahlen liefern, sondern gezielt Wildcard-Barrieren adressieren, etwa Finanzierungszugang, Skalierbarkeit im Tech-Bereich und Vereinbarkeit mit Care-Aufgaben.
Für Investoren und etablierte Marktteilnehmer bieten die ausgezeichneten Geschäftsmodelle konkrete Ansatzpunkte: Die Verbindung von Nachhaltigkeitsargumenten mit wiederholbaren Erlösmodellen (Abonnements, B2B-SaaS, standardisierte 3D-Produktionsketten) reduziert Markteintrittsrisiken und erhöht Skalierbarkeit; digitale Tools wie der digitale Gebäudezwilling von NOVO Building schaffen datengetriebene Basis für Effizienzsteigerungen im Gebäudebestand. Gleichwohl bleiben Herausforderungen bestehen — etwa die Kapitalintensität von Skalierungsphasen im Food-Tech-Bereich oder die Zertifizierungsanforderungen für Medizinprodukte bei Kinderbrillen — die gezielte Finanzierungslösungen und regulatorische Klarheit erfordern.
Die Rekordbeteiligung an diesem Durchgang unterstreicht, dass Berlin als Gründerstandort weiterhin Talent, Vielfalt und Themenrelevanz anzieht; zugleich bringt sie eine Erwartungshaltung mit sich: Preisverdienende Unternehmen benötigen nicht nur Sichtbarkeit, sondern Anschlussfähigkeit an Risikokapital, Pilotkunden und industrielle Lieferketten, um Wirkung in größerem Maßstab realisieren zu können. Die Auszeichnung setzt daher weniger einen Schlusspunkt als einen Beschleuniger — für die prämierten Unternehmerinnen selbst, für politische Förderarchitekturen und für Kapitalgeber, die auf der Suche nach skalierbaren, gesellschaftlich relevanten Investments sind.
Die Auszeichnung wird vom Land Berlin bereits zum elften Mal vergeben (seit 2004) und richtet sich an Unternehmerinnen mit Sitz in Berlin, die sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich prägend tätig sind.
Wichtigen Eckpunkte:
- Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben.
- Ausgezeichnet werden Preisträgerinnen in vier Kategorien: „KMU und Großunternehmen“ (> 10 Beschäftigte), „Kleinstunternehmen“ (< 10 Beschäftigte), „Newcomerinnen“ (< 5 Jahre am Markt) und erstmals „Women in Tech“.
- Jede Siegerin erhält: ein Preisgeld von 10.000 Euro, ein filmisches Unternehmensporträt sowie eine Preisskulptur der Berliner Bildhauerin Gisela von Bruchhausen.
- Bewerbungsbedingungen u. a.: Sitz im Land Berlin, mindestens 51 % der Geschäftsanteile in Frauenhand (bei mehreren Gesellschafterinnen > 51 % Frauenanteil).
- Für die Sonderkategorie „Women in Tech“ werden technologische Geschäftsfelder adressiert (z. B. KI, Big Data, IoT, 3D-Druck).
Die prämierten Unternehmerinnen & ihre Unternehmen
Kategorie „KMU und Großunternehmen“
Ann‑Sophie Claus – The Female Company GmbH
- Gründung: 2018.
- Geschäftstätigkeit: Produziert und vertreibt Biotampons im Abo-Modell. Mittlerweile erweitert um wiederverwendbare Periodenunterwäsche sowie Schwangerschafts-, Still- und Wochenbettprodukte. Materialien u. a. GOTS und ÖKO-TEX zertifiziert, über 70 % Bio-Materialien.
- Mitarbeitende: zum Bewertungszeitpunkt ca. 31 Mitarbeitende.
- Zielsetzung: Begleitung von Frauen von der ersten Periode bis zur Menopause mit innovativen Produkten, kombiniert mit Kampagnen für Female Empowerment.
- Beurteilung: Ein Beispiel für einen etablierten Unternehmerinnenbetrieb, der Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und Wachstum verbindet.
Kategorie „Kleinstunternehmen“
Deniz Ficicioglu – wunderfish GmbH
- Gründung: seit 2021 aktiv unter der Marke „bettaf!sh“.
- Geschäftsmodell: Herstellung von Fischersatzprodukten auf Basis europäischer Meeresalgen (über 10.000 essbare Arten). Ziel: Beitrag gegen Überfischung, für Lebensmittelsicherheit und Klimaschutz.
- Hintergrund der Unternehmerin: Beschäftigung im Lebensmittelbereich, u. a. als Innovationsmanagerin für Ernährung der Zukunft.
- Bedeutung: Ein Start-Up mit Technologie- und Impactfokus – exemplarisch für die Verknüpfung von Nachhaltigkeit, Innovation und Unternehmerinnentum.
Kategorie „Newcomerinnen“
Susann Hoffmann & Philippa Koenig – MANTI MANTI GmbH
- Gründung: Seit 2022 tätig.
- Geschäftsmodell: Kinderbrillen im E-Commerce, hergestellt in Deutschland im 3D-Druckverfahren aus 100 % bios-basierendem PA11 (ein Polymer aus Rizinusöl). Modelle in drei Größen und elf Farben.
- Zielsetzung: Kinderbrillen als stylisches Accessoire + funktionales Medizinprodukt – Weg aus der Tabuzone, mit Design, Nachhaltigkeit und Innovation.
- Unternehmerinnenprofil: Susann Hoffmann war Co-Gründerin des Frauenmagazins „Edition F“, Philippa Koenig sammelte Stationen u. a. beim Online-Erotik-Shop Amorelie.
Kategorie „Women in Tech“ (neu)
Mona Hornung & Julia Wadehn – NOVO Building GmbH
- Gründung: Unternehmen im Jahr 2022 gestartet.
- Geschäftsmodell: Entwicklung von Software-Lösungen für energetische Optimierung von Gebäuden. Mittels digitalem Gebäudezwilling wird Energiebedarf modelliert, CO₂-Reduktionspotenziale identifiziert und datenbasiert Sanierungsfahrpläne geliefert.
- Unternehmerinnenprofil: Mona Hornung und Julia Wadehn lernten sich fünf Jahre vor der Gründung in einem Reise-Startup kennen.
- Bedeutung: Erstmalige Kategorie „Women in Tech“ – zeigt, dass weibliches Unternehmertum in technischen und digitalisierten Geschäftsfeldern zunehmend sichtbar wird.
Bedeutung für die Wirtschafts- und Gründungsszene in Berlin
- Mit über 130 Bewerbungen wurde eine Rekordbeteiligung erzielt.
- Der Wettbewerb setzt gezielt Impulse für Sichtbarkeit von Unternehmerinnen in Berlin – insbesondere durch die neue Kategorie „Women in Tech“ als Signal für digitale und technologieorientierte Gründungen von Frauen.
- Die prämierten Unternehmen decken eine breite Bandbreite ab: von nachhaltigen Konsumprodukten (The Female Company), über FoodTech (wunderfish), Design und 3D-Druck (MANTI MANTI) bis hin zu PropTech und Energieeffizienz (NOVO Building).
- Für Führungskräfte und Entscheidende in Berlin-Unternehmen signalisiert die Auszeichnung: Unternehmerinnentum ist nicht mehr Randthema, sondern integraler Bestandteil der Innovations- und Wirtschaftslandschaft.
Ausblick und Implikationen
- Die Etablierung der Kategorie „Women in Tech“ dürfte künftig verstärkt Investoren-, Netzwerk- und Förderprogramme für technologieorientierte Unternehmerinnen mobilisieren.
- Für die Preisträgerinnen selbst eröffnet sich erhöhte öffentliche Wahrnehmung, Netzwerkzugänge und Potenzial zur Skalierung (z. B. durch das filmische Unternehmensporträt und mediale Aufmerksamkeit).
- Für die Berliner Wirtschaftspolitik zeigt sich: gezielte Programme und Auszeichnungen können Sichtbarkeit schaffen und strukturelle Barrieren (Gründung, Finanzierung, Führung) adressieren.
- Für Unternehmen und Stakeholder gilt: Die prämierten Geschäftsmodelle sind beispielhaft für Wachstum mit gesellschaftlichem Mehrwert (Sustainability, Diversität, Technologie). Damit können sie als Best-Practice-Referenz dienen.
