75 Jahre Verband Freie Berufe in Berlin: Plädoyer für Vertrauen, Freiheit und weniger Bürokratie

Als Dipl.-Übersetzerin Iva Wolter an diesem Sommerabend im Berliner Spreespeicher von ihrem ersten Missverständnis mit dem deutschen Wort „Feierabend“ erzählt, sorgt das zunächst für Heiterkeit im Saal. Die Präsidentin des Verbands Freie Berufe in Berlin erinnert sich an ihre ersten Monate in Deutschland, als sie das Wort wörtlich als „Abend zum Feiern“ verstand und vergeblich auf Gäste wartete. Die Anekdote dient als Auftakt für eine Veranstaltung, die tatsächlich dem Feiern gewidmet ist: dem 75-jährigen Bestehen des Verbands Freie Berufe in Berlin.

Doch hinter der festlichen Atmosphäre steht mehr als ein Jubiläum. Der Verband vertritt heute nach eigenen Angaben über 60.000 Freiberuflerinnen und Freiberufler aus Heilberufen, rechts-, steuer- und wirtschaftsberatenden Berufen, technisch-naturwissenschaftlichen Tätigkeiten sowie kreativen Berufen. Die Organisation versteht sich als Stimme eines Wirtschaftsbereichs, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig weniger sichtbar ist als Industrie, Handel oder Handwerk, zugleich aber wesentliche gesellschaftliche Funktionen übernimmt. Die Freien Berufe gelten traditionell als Träger fachlicher Unabhängigkeit, persönlicher Verantwortung und besonderer Gemeinwohlorientierung.

Die Bedeutung dieses Sektors wächst. Berlin zählt seit Jahren zu den dynamischsten Standorten für freiberufliche Gründungen in Deutschland. Gleichzeitig stehen die Berufsgruppen vor Herausforderungen, die von Fachkräftemangel über Digitalisierung bis hin zu zunehmenden regulatorischen Anforderungen reichen. Themen wie Verwaltungsmodernisierung, Nachwuchssicherung und Bürokratieabbau beschäftigen nahezu alle Mitgliedsorganisationen des Verbands.

In seinem Grußwort würdigte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, die Freien Berufe als unverzichtbaren Bestandteil der Berliner Wirtschaft. Sie schafften Arbeitsplätze, bildeten aus und investierten in den Standort. Vor allem aber stünden sie für Qualität und Verantwortung. Wegner betonte mehrfach, dass die Freien Berufe gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen keine nachrangige Rolle spielten. Vielmehr seien sie eine tragende Säule der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Berlins.

Zugleich nutzte der Regierungschef die Jubiläumsveranstaltung für einen politischen Ausblick. Ein zentrales Thema seiner Rede war der Bürokratieabbau. Viele gesetzliche Regelungen und Dokumentationspflichten seien ursprünglich mit guten Absichten geschaffen worden, hätten inzwischen jedoch ein Ausmaß erreicht, das wirtschaftliche Dynamik hemme. Wegner verwies auf die Bemühungen von Bund und Ländern, Berichtspflichten deutlich zu reduzieren. Weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und klarere Zuständigkeiten seien aus seiner Sicht Voraussetzungen dafür, dass Deutschland und Berlin im internationalen Wettbewerb wieder an Tempo gewinnen.

Besonderen Raum nahm die Berliner Verwaltungsreform ein. Nach jahrzehntelangen Debatten über Zuständigkeiten zwischen Senat und Bezirken sieht die Landesregierung darin einen grundlegenden Modernisierungsschritt. Ziel sei eine transparentere Aufgabenverteilung und eine stärkere Steuerung komplexer Verwaltungsprozesse. Gerade für Architekten, Ingenieure, Planer und andere freiberufliche Akteure könnten schnellere Genehmigungsverfahren erhebliche Auswirkungen haben.

Auch die Ausbildungspolitik spielte eine wichtige Rolle. Der Verband der Freien Berufe hatte sich in den vergangenen Monaten kritisch zur Einführung des Berliner Ausbildungsförderungsfonds geäußert. Die Organisation argumentiert, dass viele Praxen, Kanzleien und Büros bereits erhebliche Beiträge zur Fachkräftesicherung leisten und zusätzliche Umlagen vor allem neue Bürokratie verursachen würden. Statt finanzieller Belastungen seien bessere Berufsorientierung, stärkere Förderung dualer Studiengänge und praxisnahe Bildungsangebote erforderlich. Der Verband verweist darauf, dass die Zahl der Ausbildungsverhältnisse in den Freien Berufen zuletzt gestiegen sei.

Die Diskussion berührt einen Kernkonflikt der Berliner Wirtschaftspolitik. Einerseits besteht ein breiter Konsens über die Notwendigkeit zusätzlicher Ausbildungsplätze. Andererseits sehen viele Freiberufler die Ursachen des Fachkräftemangels weniger in fehlender Ausbildungsbereitschaft als in einem Mangel geeigneter Bewerberinnen und Bewerber. Die Frage, wie Ausbildung, Studium und berufliche Qualifizierung künftig besser miteinander verzahnt werden können, dürfte deshalb auch im Vorfeld der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 eine wichtige Rolle spielen.

Der Verband selbst formuliert dazu klare Erwartungen an die kommende Landesregierung. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach einem leistungsfähigen Verwaltungsapparat, wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen, einer modernen Bildungs- und Ausbildungspolitik sowie einer Stärkung der Freiberuflichkeit als eigenständiger Wirtschaftsform. Dahinter steht die Überzeugung, dass fachliche Exzellenz, Selbstverwaltung und persönliche Verantwortung auch in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft unverzichtbare Voraussetzungen für Vertrauen und gesellschaftlichen Zusammenhalt bleiben.

Als der offizielle Teil des Abends endet, erhält die eingangs erzählte Geschichte vom „Feierabend“ eine zweite Bedeutung. Denn nach 75 Jahren Verbandsgeschichte geht es für die Freien Berufe nicht um den Abschluss einer Entwicklung. Das Jubiläum markiert vielmehr einen Zwischenstand. Die Herausforderungen sind groß, von der Gesundheitsversorgung über den Wohnungsbau bis zur Fachkräftesicherung. Gleichzeitig sieht sich der Verband in einer Stadt, die von Innovation, Vielfalt und Unternehmergeist lebt, gut positioniert. Die zentrale Botschaft des Abends lautet daher nicht Rückblick, sondern Zukunft: Die Freien Berufe verstehen sich weiterhin als unabhängige Partner von Staat und Gesellschaft und als Mitgestalter eines Berlins, das wirtschaftliche Dynamik mit öffentlicher Verantwortung verbindet.

Von admin