- Modell-Campus ringberlin wird als eines der ersten gewerblichen Quartiere in Berlin Abwärme eines Rechenzentrums im benachbartem Marienpark zur Energiegewinnung nutzen
- Im ersten Schritt wird der Makerspace in Halle 2 versorgt werden
- GASAG Solution Plus verbindet mit DATA2HEAT zwei Innovationsstandorte und schafft ein neues Modell für nachhaltige Quartiersversorgung
Zwischen Servern und Werkbänken entsteht im Berliner Süden derzeit ein Projekt, das weit über die übliche Quartiersentwicklung hinausweist. Auf dem Modell-Campus ringberlin in Mariendorf soll künftig die Abwärme eines benachbarten Rechenzentrums genutzt werden, um Europas größten Makerspace mit Energie zu versorgen. Was technisch zunächst unspektakulär klingt, markiert in Wirklichkeit einen Richtungswechsel in der Berliner Stadt- und Energiepolitik: Die digitale Infrastruktur der Hauptstadt wird erstmals systematisch Teil der urbanen Wärmeversorgung.
Das Projekt trägt den Namen DATA2HEAT und ist eine Kooperation von GASAG Solution Plus und Investa Real Estate. Gemeinsam mit dem Innovationsquartier Marienpark Berlin entsteht damit eines der ersten gewerblichen Quartiere der Hauptstadt, das Wärme aus Rechenzentren in größerem Maßstab nutzbar macht. Im ersten Schritt wird die denkmalgeschützte Halle 2 auf dem Modell-Campus ringberlin angeschlossen, wo auf rund 17.000 Quadratmetern ein Makerspace für Start-ups, Entwickler, Handwerksbetriebe und technologieorientierte Unternehmen entsteht. Perspektivisch soll die Versorgung auf das gesamte Quartier ausgeweitet werden.
Die Idee dahinter folgt einer nüchternen Logik. Rechenzentren produzieren enorme Mengen Wärme, weil ihre Server dauerhaft gekühlt werden müssen. Bislang wird diese Energie meist ungenutzt an die Umgebung abgegeben. DATA2HEAT koppelt die Wärme über Wärmetauscher aus den Kühlprozessen aus und speist sie in ein lokales Niedertemperaturnetz ein. Das Wasser erreicht dabei zunächst etwa 28 Grad Celsius. Erst mithilfe großer Wärmepumpen wird die Temperatur auf das Niveau angehoben, das moderne Gebäude zum Heizen benötigen. Nach Angaben der Projektpartner liegt der Wirkungsgrad der eingesetzten Wärmepumpen bei einem COP von etwa sieben. Das bedeutet: Aus einer Einheit Strom entstehen rund sieben Einheiten Wärme.
Gerade Berlin gilt inzwischen als einer der dynamischsten europäischen Standorte für Rechenzentren. Mit dem Ausbau künstlicher Intelligenz und wachsender Cloud-Infrastrukturen steigt zugleich der Energiebedarf dieser Anlagen erheblich. Die Frage, wie sich deren Abwärme sinnvoll nutzen lässt, entwickelt sich deshalb zunehmend zu einem infrastrukturellen Thema. Im Marienpark entstehen derzeit mehrere neue Rechenzentren, unter anderem des Unternehmens VIRTUS Data Centres mit einer geplanten IT-Kapazität von fast 58 Megawatt. Nach Angaben der Projektpartner könnte allein dieser Standort künftig genügend Wärme liefern, um mehrere tausend Haushalte zu versorgen.
Bei der Vorstellung des Projekts sprach Berlins Wirtschaftsstaatssekretär Severin Fischer von einem praktischen Beispiel dafür, wie die Wärmewende in einer verdichteten Metropole funktionieren könne. Entscheidend sei weniger die einzelne Technologie als die Fähigkeit unterschiedlicher Akteure, dauerhaft miteinander zu kooperieren. Tatsächlich lebt das Vorhaben von einer ungewöhnlichen Allianz: Immobilienentwickler, Energieversorger, Rechenzentrumsbetreiber, Start-up-Netzwerke und öffentliche Förderinstitutionen greifen hier ineinander. Vertrauen spiele dabei eine zentrale Rolle, weil jede Seite auf die langfristige Verlässlichkeit der anderen angewiesen sei.
Auch darin unterscheidet sich das Projekt von klassischen Gewerbegebieten. Ringberlin und Marienpark verstehen sich ausdrücklich als gemeinsamer Innovationsraum. Bereits seit 2025 arbeiten beide Standorte enger zusammen, um Forschung, Produktion und urbane Infrastruktur stärker miteinander zu verzahnen. Im Umfeld entstehen Netzwerke für additive Fertigung, KI-Anwendungen, nachhaltige Mobilität und zirkuläres Bauen. Die Abwärmenutzung wird nun zu einer Art physischer Infrastruktur dieser Kooperation.
Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei MotionLab.Berlin, das den künftigen Makerspace betreiben wird. Geschäftsführer Fridtjof Gustavs beschrieb den Ort als Labor für physische Innovationen. Die ökologische Transformation, so seine Argumentation, werde nicht allein durch Software oder KI entstehen, sondern durch neue Maschinen, Materialien, Produktionsmethoden und Energieformen. Gerade deshalb müsse auch der Ort, an dem solche Technologien entwickelt werden, selbst Teil einer nachhaltigen Infrastruktur sein.
Die wirtschaftliche Dimension des Projekts ist erheblich. Insgesamt fließen mehr als 60 Millionen Euro in den Aufbau des Modell-Campus ringberlin. Rund 36 Millionen Euro stammen aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ des Landes Berlin. Der Campus soll künftig Raum für mehrere tausend Arbeitsplätze bieten und zugleich als Demonstrationsort für klimaneutrale Stadtentwicklung dienen.
Auffällig ist dabei, dass die technische Innovation fast beiläufig wirkt. Mehrfach betonten die Beteiligten, die eigentliche Herausforderung liege nicht in der Technologie selbst. Wärmetauscher und Wärmepumpen seien etablierte Systeme. Schwieriger seien Planung, Netzaufbau, Genehmigungen und die langfristige Koordination zwischen den Partnern. Infrastruktur bleibt auch im digitalen Zeitalter vor allem eine Frage der Organisation.
Dass ausgerechnet Rechenzentren nun zu Wärmelieferanten werden, besitzt darüber hinaus eine symbolische Dimension. Lange galten sie vor allem als energieintensive Black Boxes der Digitalisierung. Nun werden sie zunehmend als Teil urbaner Daseinsvorsorge begriffen. Die Datenökonomie erzeugt nicht mehr nur digitale Dienste, sondern künftig auch Heizwärme für ganze Quartiere. In Mariendorf entsteht damit ein Modell dafür, wie sich industrielle Infrastruktur, Klimapolitik und Stadtentwicklung neu miteinander verbinden lassen. Ob daraus ein Berliner Standard wird, dürfte wesentlich davon abhängen, wie schnell sich ähnliche Kooperationen andernorts organisieren lassen.
Im Foto:
Dr. Christian Meine, Geschäftsführer Marienpark Berlin, Fridtjof Gustavs, Co-Founder und Managing Director MotionLab.Berlin, Dr. Severin Fischer, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Matthias Menger, Geschäftsführer von KOIMO Projektentwicklung und ringberlin, Georg Friedrichs, Vorstandsvorsitzender GASAG AG. Bildrechte: ringberlin/Berlin-eventfotograf.de