Sechzig Jahre nach ihrer Gründung zeigt sich die internationale Tourismusmesse ITB Berlin als ein Ort, an dem sich wirtschaftliche Interessen, politische Entwicklungen und globale Krisen unmittelbar überlagern. Die Jubiläumsausgabe der Messe, die Anfang März 2026 auf dem Berliner Messegelände stattfand, brachte rund 97.000 Fachteilnehmer aus aller Welt zusammen. Insgesamt präsentierten sich 5.601 Aussteller aus 166 Ländern. Trotz geopolitischer Spannungen und teilweise eingeschränkter Flugverbindungen, insbesondere infolge des Konflikts im Nahen Osten, lagen die Besucherzahlen nahezu auf dem Niveau des Vorjahres. Damit bestätigte die Veranstaltung einmal mehr ihre Rolle als zentrale Plattform der internationalen Reiseindustrie.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1966 hat sich die ITB Berlin von einer vergleichsweise kleinen Fachmesse zu einem globalen Knotenpunkt der Branche entwickelt. Drei Tage lang werden hier Verträge vorbereitet, Markttrends diskutiert und strategische Partnerschaften angebahnt. Für viele Unternehmen und Destinationen gilt die Messe als wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Stimmung im internationalen Tourismus. Nach Angaben der Veranstalter wurden im Umfeld der diesjährigen ITB Geschäftsabschlüsse und Einkaufsentscheidungen im Volumen von rund 47 Milliarden Euro angestoßen. Diese Zahl umfasst ausschließlich Geschäfte, die unmittelbar mit der Teilnahme an der Messe verbunden sind und verdeutlicht die wirtschaftliche Bedeutung der Veranstaltung.
Die politische Dimension der Messe war in diesem Jahr besonders sichtbar. Konflikte und Unsicherheiten prägen zunehmend die Rahmenbedingungen des globalen Reisens. Der Krieg im Nahen Osten führte zu gesperrten Lufträumen und gestrichenen Flügen, was sich auch auf die Anreise von Ausstellern und Delegationen auswirkte. Vertreter der Branche verwiesen darauf, wie anfällig der internationale Tourismus für geopolitische Entwicklungen bleibt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass gerade in solchen Phasen persönliche Begegnungen und direkte Gespräche als stabilisierender Faktor gelten. Die Messe fungiert damit nicht nur als Marktplatz, sondern auch als diplomatisches Forum, auf dem wirtschaftliche Interessen und internationale Beziehungen miteinander verhandelt werden.
Parallel zur Ausstellung fand der ITB Berlin Kongress statt, der mit mehr als 24.000 Teilnehmern zu den größten Wissensforen der Branche zählt. Unter dem Motto „Leading Tourism into Balance“ diskutierten über 400 Sprecher in rund 200 Veranstaltungen zentrale Zukunftsfragen des Reisens. Themen wie künstliche Intelligenz, nachhaltiges Wachstum und neue Geschäftsmodelle standen ebenso im Mittelpunkt wie die Frage, wie sich Tourismusunternehmen auf eine zunehmend unsichere Welt einstellen können. Viele Beiträge beschrieben die aktuelle Situation als „Polykrise“, geprägt von geopolitischen Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und den langfristigen Folgen des Klimawandels.
In den Diskussionen zeigte sich, dass technologische Innovationen den Wandel der Branche beschleunigen. Künstliche Intelligenz wird bereits heute eingesetzt, um Reiseangebote zu personalisieren, Nachfrage vorherzusagen oder Buchungsprozesse zu automatisieren. Gleichzeitig verändert sich die Struktur der Märkte. Während im Premiumsegment die Nachfrage nach individuellen und hochwertigen Reiseerlebnissen steigt, wächst zugleich der Druck auf Destinationen, die Folgen von Massentourismus zu steuern. Begriffe wie „Overtourism“ und nachhaltiges Destinationsmanagement prägen zunehmend die strategischen Debatten.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage nach verantwortungsvollem Tourismus an Gewicht. Eine neue Kooperation zwischen der Messe Berlin und der internationalen Organisation Green Destinations soll dazu beitragen, Nachhaltigkeitsstandards stärker in die Programme der ITB einzubinden und Destinationen bei langfristigen Strategien zu unterstützen. Dabei geht es weniger um Zertifikate als um praktische Beratung und Wissensaustausch, etwa beim Schutz sensibler Ökosysteme oder bei der Einbindung lokaler Gemeinschaften in touristische Wertschöpfungsketten.
Wie eng wirtschaftliche Interessen und politische Symbolik auf der Messe miteinander verknüpft sind, zeigte auch das Gastland der diesjährigen ITB. Angola nutzte seinen Auftritt, um sich als aufstrebende Destination im afrikanischen Tourismus zu positionieren. Präsentiert wurden nicht nur Landschaften und kulturelle Traditionen, sondern auch Strategien für nachhaltige Entwicklung und internationale Kooperation. Für viele Länder bietet die ITB eine seltene Gelegenheit, ihre touristische Identität einem globalen Fachpublikum vorzustellen und neue Märkte zu erschließen.
Neben Ausstellern und Unternehmen nutzten auch politische Entscheidungsträger die Messe als Bühne. Beim UN Ministers’ Summit trafen sich rund zwanzig Tourismusminister mit Branchenvertretern, um über nachhaltiges Wachstum, Fachkräftemangel und die Rolle des Tourismus in einer fragmentierten Welt zu diskutieren. In den Gesprächen wurde deutlich, dass Reisen weit über eine reine Wirtschaftsbranche hinausgeht. Tourismus kann wirtschaftliche Stabilisierung fördern, internationale Verständigung unterstützen und in Krisenregionen zum Wiederaufbau beitragen.
Der Blick richtet sich bereits auf die nächste Ausgabe der Messe. 2027 wird die ITB Berlin ausnahmsweise später stattfinden, vom 16. bis 18. März. Die Terminverschiebung soll kulturellen und religiösen Kalendern Rechnung tragen, insbesondere dem Ende des Ramadan. Als offizielles Gastland wurden die Malediven angekündigt, die ihre Präsentation unter anderem auf nachhaltige Inselökonomie und den Schutz mariner Ökosysteme ausrichten wollen.
So bleibt die ITB Berlin auch im sechsten Jahrzehnt ihres Bestehens ein Spiegel der globalen Reiseindustrie. Hier verdichten sich wirtschaftliche Erwartungen, technologische Innovationen und politische Spannungen zu einem Bild der Gegenwart. Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit zeigt sich, dass die Branche weiterhin auf Begegnung setzt. Nicht zuletzt deshalb gilt die Messe vielen Teilnehmern als ein Ort, an dem sich die Zukunft des Reisens zumindest für einige Tage konkret verhandeln lässt.
