Der Auftakt der diesjährigen ITB Berlin 2026 stand ganz im Zeichen eines Landes, das auf der touristischen Weltkarte lange im Schatten anderer afrikanischer Destinationen lag. Mit einer aufwendig inszenierten Opening Gala eröffnete Angola am 2. März im Berliner CityCube die Jubiläumsausgabe der weltweit führenden Reisemesse, die in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiert. Rund 700 geladene Gäste aus Politik, Tourismuswirtschaft und internationalen Organisationen erlebten eine multimediale Inszenierung, die weniger als klassische Länderpräsentation gedacht war, sondern als kulturelle Selbstverortung eines Staates, der seine touristische Zukunft erst noch definiert.
Die Eröffnung war bewusst als künstlerische Reise konzipiert. Unter dem Motto „The Rhythm of Life“ verband die Show Musik, Tanz und visuelle Landschaftsbilder zu einer dramaturgischen Erzählung über Geschichte und Gegenwart des südwestafrikanischen Landes. Ausgangspunkt bildete die Dikanza, ein traditionelles Rhythmusinstrument, gespielt vom Musiker Raul Tolingas. Von dort entwickelte sich eine musikalische Linie, die über Congas und Gitarren bis zu modernen Arrangements mit Klavier und Violine führte. Traditionelle Stile wie Semba oder Rebita wurden dabei nicht folkloristisch reproduziert, sondern in eine zeitgenössische Form übersetzt. Auch choreografisch folgte die Inszenierung dieser Idee: Folkloristische Bewegungen gingen allmählich in moderne Tanzformen über. Großflächige LED-Projektionen zeigten zugleich Bilder der Kalandula-Wasserfälle, der Namib-Wüste und der Atlantikküste und verwoben kulturelle Darstellung mit landschaftlicher Ikonografie.
Politisch war die Gala ebenfalls hochrangig besetzt. Zu den Gästen gehörten unter anderem Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister von Berlin, der Tourismuskoordinator der Bundesregierung Christoph Ploß sowie Gloria Guevara vom World Travel & Tourism Council. Die Gastgeberrolle übernahmen Angolas Tourismusminister Márcio Daniel und Staatsminister José de Lima Massano. Für die Messe selbst sprach Mario Tobias, der die Bedeutung internationaler Begegnungsplattformen für eine Branche hervorhob, die in geopolitisch angespannten Zeiten stärker denn je auf Kooperation angewiesen ist.
Der Auftritt Angolas folgt einer strategischen Logik. Das Land, flächenmäßig eines der größten in Afrika, verfügt über spektakuläre Naturkulissen von tropischen Regenwäldern bis zu den Dünen der Namib und gilt zugleich als touristisch wenig erschlossen. Mit der neuen Dachmarke „Visit Angola – The Rhythm of Life“ versucht die Regierung, diese Mischung aus kultureller Vielfalt und landschaftlicher Unberührtheit international sichtbar zu machen. Für ein Land, dessen Wirtschaft lange fast ausschließlich vom Ölsektor geprägt war, bedeutet Tourismus auch eine Form der wirtschaftlichen Diversifizierung.
Auch kulinarisch sollte der Abend einen Eindruck von dieser kulturellen Vielfalt vermitteln. Der angolanische Sternekoch Helt Araújo präsentierte ein Menü, das traditionelle Zutaten in moderner Interpretation aufgriff. In der Logik des Programms war selbst die Küche Teil der kulturellen Erzählung: Sie verband regionale Produkte mit zeitgenössischer Gastronomie und fügte sich damit in die übergeordnete Dramaturgie zwischen Tradition und Moderne ein.
Mit dieser Eröffnung begann eine ITB-Ausgabe, die nicht nur ein Messejubiläum markiert, sondern auch einen geopolitischen Blickwechsel. Während klassische Reisedestinationen längst etabliert sind, rücken zunehmend Länder in den Fokus, deren touristische Infrastruktur sich erst im Aufbau befindet. Angola nutzt die Bühne der ITB, um genau diese Phase sichtbar zu machen: als Land zwischen kultureller Selbstvergewisserung und ökonomischer Zukunftsstrategie, das seine Geschichte, seine Landschaften und seine Musik nun als Teil eines neuen globalen Reiseversprechens erzählt.

