Mit einer Lichtinszenierung, die weit über das Messegelände hinaus in den Berliner Nachthimmel strahlte, hat die Messe Berlin am Abend des 20. März das Jubiläumsjahr des Berliner Funkturm eröffnet. Der 1926 eingeweihte Stahlfachwerkturm wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Was als technisches Bauwerk für den Rundfunk begann, ist längst zu einem identitätsstiftenden Symbol der Stadt geworden. Die Inszenierung markiert den Auftakt einer Kampagne, die den Funkturm bewusst aus dem Schatten prominenterer Wahrzeichen herausholen will.
Dass der Funkturm in der öffentlichen Wahrnehmung oft hinter Fernsehturm und Brandenburger Tor zurücktritt, hat weniger mit seiner historischen Bedeutung als mit seiner Funktion im Stadtbild zu tun. Errichtet für die dritte Große Deutsche Funkausstellung, galt er in den 1920er Jahren als sichtbarer Ausdruck eines technologischen Aufbruchs. Von hier wurden frühe Fernsehsignale übertragen, lange bevor das Medium zum Massenphänomen wurde. Der Turm verband Ingenieurskunst mit öffentlicher Zugänglichkeit. Besucher konnten schon damals aufsteigen, die Stadt betrachten und Technik als Teil des Alltags erleben. Dieses Spannungsfeld zwischen Innovation und Öffentlichkeit prägt seine Geschichte bis heute.
Die Jubiläumskampagne versucht, genau daran anzuknüpfen. Unter dem Titel „What the Funk“ wird der Turm nicht museal verklärt, sondern als lebendiger Ort inszeniert. Neben der Lichtinstallation, die im Jahresverlauf mehrfach zu sehen sein soll, setzt das Programm auf eine Mischung aus symbolischen und niedrigschwelligen Angeboten. Geplant sind historische Führungen, eine temporäre Nutzung als Trauort sowie begleitende Aktionen im Stadtraum. Die Strategie folgt einem bekannten Muster der Stadtkommunikation: Ein historisches Objekt wird nicht nur erklärt, sondern emotional aufgeladen und in aktuelle Nutzungskontexte überführt.
Zugleich ist das Jubiläum Anlass für eine infrastrukturelle Neujustierung. Nach einer rund zehnmonatigen Renovierungsphase öffnet der Turm wieder für Besucher. Modernisierte Zugänge, digitale Ticketing-Strukturen und ein überarbeitetes Informationssystem sollen den Betrieb effizienter und zugänglicher machen. Auch das Restaurant auf der Plattform, lange Zeit eher Randnotiz als Ziel, wird wieder stärker in das Gesamterlebnis integriert. Die Maßnahmen zeigen, dass es nicht allein um symbolische Sichtbarkeit geht, sondern um die langfristige Einbindung des Bauwerks in den touristischen und kulturellen Alltag der Stadt.
Politisch wird das Jubiläum ebenfalls gerahmt. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner nutzte den Auftakt, um den Funkturm ausdrücklich in die Reihe der prägenden Wahrzeichen der Hauptstadt zu stellen. Er bezeichnete das Bauwerk als festen Bestandteil der Berliner Skyline und als Symbol für Mut zum Neuen, technologische Innovation und Fortschrittsglauben. Solche Zuschreibungen sind nicht neu, sie verweisen jedoch auf ein konstantes Bedürfnis, die Geschichte Berlins als Abfolge technischer und gesellschaftlicher Aufbrüche zu erzählen. Der Funkturm eignet sich dafür besonders, weil er weder monarchische Repräsentation noch politische Ideologie verkörpert, sondern einen funktionalen, fast nüchternen Fortschrittsoptimismus.
Interessant ist, wie stark sich die Wahrnehmung des Turms im Laufe der Jahrzehnte verschoben hat. Während er in der Weimarer Republik ein Symbol der Moderne war, verlor er in der geteilten Stadt an Strahlkraft. West-Berlin entwickelte andere Bezugspunkte, Ost-Berlin setzte mit dem Fernsehturm ein eigenes, weithin sichtbares Zeichen. Erst nach der Wiedervereinigung begann eine langsame Wiederentdeckung des Funkturms als historisches Bindeglied. Dass dieses Jubiläum nun offensiv inszeniert wird, deutet auf ein verändertes Selbstverständnis hin: Berlin begreift seine technischen Denkmäler zunehmend als kulturelles Kapital.
Die Lichtinszenierung zum Auftakt wirkt in diesem Zusammenhang weniger wie ein spektakulärer Effekt als wie ein symbolischer Akt der Wiederaneignung. Der Turm, der einst Signale in die Welt sendete, wird selbst wieder zum Signal. Nicht im technischen, sondern im kulturellen Sinn. Ob es gelingt, ihn dauerhaft stärker im Bewusstsein der Stadt zu verankern, wird sich erst nach dem Jubiläumsjahr zeigen. Klar ist jedoch, dass die Verbindung von Geschichte, Nutzung und Inszenierung zu einem zentralen Instrument urbaner Identitätspolitik geworden ist. Der Funkturm bietet dafür eine Projektionsfläche, die zugleich konkret und offen genug ist, um immer wieder neu gelesen zu werden.
