Auf dem eSummit 2026 des ZVEI in Berlin hat ZVEI-Präsident  Daniel Hager eindringlich vor einem politischen Reformstau in Deutschland und Europa gewarnt. Die Elektro- und Digitalindustrie stehe vor einer historischen Wegmarke, sagte Hager auf dem Gipfeltreffen der Branche auf dem Berliner EUREF-Campus. Entscheidend sei nun, ob Politik und Wirtschaft die technologische Transformation aktiv gestalten oder sich durch übermäßige Regulierung und fehlende Geschwindigkeit selbst ausbremsen.

Im Mittelpunkt seiner Rede stand ein ungewöhnlich scharf formulierter Appell an die Politik. Regulierung müsse sich künftig daran messen lassen, „ob sie auch in der Realität funktioniert“. Zu häufig erlebe die Industrie das Gegenteil. Hager sprach von einem Land, das keine „Symbolpolitik“ mehr brauche, sondern strukturelle Reformen, mehr Verlässlichkeit und einen klaren wirtschaftspolitischen Kurs. Mit Blick auf die oft zitierte Beschreibung der Politik als „Klempner der Macht“ formulierte der designierte Verbandspräsident eine zugespitzte Metapher: Deutschland brauche nicht länger nur Reparaturpolitik, sondern neue Energie. „Die Politik braucht nicht nur Klempner, sondern sie braucht Elektriker“, sagte Hager unter großem Beifall des Publikums.

Die Wortwahl war bewusst gewählt. Der ZVEI versteht sich zunehmend nicht nur als Industrieverband, sondern als industriepolitischer Akteur in einer Phase tiefgreifender technologischer und geopolitischer Veränderungen. Künstliche Intelligenz, industrielle Digitalisierung, Energieinfrastruktur und Mikroelektronik gelten innerhalb der Branche längst nicht mehr als getrennte Felder, sondern als Teil einer umfassenden industriellen Transformation. Hager knüpfte damit an eine Debatte an, die der Verband seit Monaten offensiv führt: Deutschland drohe bei zentralen Zukunftstechnologien zurückzufallen, wenn Innovationsprozesse weiterhin von komplexen Genehmigungsstrukturen, fragmentierter Regulierung und langwierigen Verfahren gebremst würden.

Besonders deutlich wurde Hager beim Thema Künstliche Intelligenz. Die technologische Entwicklung bedrohe nicht die industrielle Arbeit, sondern könne sie produktiver und hochwertiger machen. Gefährlich sei vielmehr ein Szenario, in dem Europa den Anschluss verliere und andere Regionen die technologischen Standards bestimmten. Wenn Deutschland nicht Teil dieser Entwicklung bleibe, werde der Standort „wirtschaftlich, technologisch und strategisch abgehängt“. Die Unternehmen wollten gestalten, betonte Hager, und zwar bewusst „hier in Deutschland, in Europa, wo wir zu Hause sind“.

Dabei stellte sich der designierte ZVEI-Präsident demonstrativ hinter den wirtschaftspolitischen Kurs von Bundeskanzler Friedrich Merz. Dessen Engagement bei industrie- und technologiepolitischen Fragen bezeichnete Hager als „nicht nur gut“, sondern „sensationell“. Gemeint war insbesondere die Haltung der Bundesregierung zu europäischen KI-Regulierungen sowie der Versuch, Innovationshemmnisse abzubauen und Investitionen in digitale Infrastruktur zu beschleunigen. Auch der Kanzler hatte zuvor auf dem eSummit gefordert, in Deutschland stärker über Datennutzung und technologische Wettbewerbsfähigkeit zu sprechen.

Hager verband seine industriepolitischen Forderungen zugleich mit einem grundsätzlichen Plädoyer für Staatsmodernisierung. Er verwies auf die parteiübergreifende „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“, an der unter anderem der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle, der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sowie die Medienmanagerin Julia Jäkel beteiligt sind. Dass Deutschland inzwischen erstmals über ein eigenständiges Digitalministerium verfüge, wertete Hager als wichtiges Signal für einen Mentalitätswechsel innerhalb des Staates.

Kanzler setzt auf KI, Mikroelektronik und europäische Souveränität

Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim eSummit des ZVEI die strategische Bedeutung der Elektro- und Digitalindustrie für Deutschlands Zukunft hervorgehoben. Im Zentrum seiner Rede standen Künstliche Intelligenz, Mikroelektronik und die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas.

Merz bezeichnete insbesondere Halbleiter, Sensorik und KI als Schlüsseltechnologien kommender Jahrzehnte. Deutschland verfüge dabei über „allerbeste Voraussetzungen“: eine starke industrielle Basis, exzellente Forschungseinrichtungen, leistungsfähige Wissenschaft sowie wertvolle Datenressourcen in den mittelständischen Unternehmen.

Dabei sprach der Kanzler auch ein Thema an, das in Deutschland seit Jahren kontrovers diskutiert wird. Im internationalen Wettbewerb müsse stärker über Datennutzung und weniger ausschließlich über Datenschutz gesprochen werden. Hintergrund seien Gespräche mit internationalen Technologiekonzernen wie Microsoft über das Potenzial industrieller Daten aus dem deutschen Mittelstand. Diese Daten müssten künftig besser gemeinsam genutzt werden, um die Entwicklung industrieller KI-Systeme voranzutreiben.

Zugleich unterstrich Merz, dass Regulierung Innovation nicht behindern dürfe. Deutschland habe sich deshalb im Rahmen europäischer Verhandlungen dafür eingesetzt, Maschinen und industrielle Anwendungen weitgehend vom europäischen KI-Regelwerk auszunehmen. Ziel sei es, die Chancen künstlicher Intelligenz gerade in der Industrie umfassend nutzen zu können.

Ein weiterer Schwerpunkt der Rede lag auf der europäischen Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Frankreich habe Deutschland bereits beim Digitalgipfel neue Impulse für die Digitalisierung Europas gesetzt. Darüber hinaus verwies der Kanzler auf die europäische Mikroelektronikstrategie, mit der technologische Kapazitäten ausgebaut, Mindestkapazitäten in kritischen Bereichen gesichert und neue internationale Partnerschaften aufgebaut werden sollen.

In diesem Zusammenhang nannte Merz Handels- und Technologiepartnerschaften mit Ländern wie Indien und Brasilien. Gerade bei modernen Technologien wolle Europa seine Abhängigkeiten reduzieren und gleichzeitig neue wirtschaftliche Allianzen aufbauen.

Auch die Reform des europäischen Binnenmarktes spielte in der Rede eine zentrale Rolle. Der Kanzler verwies auf die Vorschläge der ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi und Enrico Letta zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Besonders Start-ups und innovative Unternehmen sollen künftig durch ein sogenanntes „28. Regime“ einfacher europaweit gründen, investieren und wachsen können.

Merz sprach sich zudem für eine stärkere Kapitalmarktunion aus. Europa verliere bislang viele Unternehmen in der Wachstumsphase an andere Märkte, weil dort Kapital schneller verfügbar sei und Unternehmen leichter skalieren könnten. Dies müsse sich ändern, damit technologische Innovation und industrielle Wertschöpfung stärker in Europa blieben.

Zum Abschluss seiner Rede verband der Kanzler wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit mit einer gesellschaftspolitischen Botschaft. Deutschland und Europa müssten technologisch souverän, wirtschaftlich stark und international wettbewerbsfähig bleiben, um Frieden, Freiheit, Wohlstand und den Sozialstaat auch für kommende Generationen zu sichern.

„Die Zukunft ist elektrisch, digital und europäisch“, sagte Merz. Die entscheidende Aufgabe bestehe nun darin, die vorhandenen Chancen gemeinsam zu nutzen und die Voraussetzungen dafür politisch wie wirtschaftlich konsequent weiterzuentwickeln.

Der eSummit selbst stand in diesem Jahr unter dem Leitmotiv „Zukunft mAIde with Germany“. Vertreter aus Politik, Industrie und Wissenschaft diskutierten dort über industrielle KI, technologische Souveränität und Europas Wettbewerbsfähigkeit im globalen Innovationswettbewerb. Zu den Teilnehmern gehörten neben Bundeskanzler Merz unter anderem Forschungsministerin Dorothee Bär, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sowie führende Vertreter von Unternehmen wie Siemens, Robert Bosch GmbH und Infineon Technologies.

Von admin