In der DZ BANK am Berliner Pariser Platz wurde am Montag eine Auszeichnung verliehen, die selten große Schlagzeilen macht, aber viel über den Zustand der Gesellschaft erzählt. Der „Große Stern des Sports“ in Gold ging in diesem Jahr an die Turngemeinde Herford von 1860, einen Mehrspartenverein aus Ostwestfalen, der sich seit Jahren mit einer Frage beschäftigt, die viele Vereine umtreibt: Wie lässt sich ehrenamtliches Engagement unter veränderten sozialen Bedingungen erhalten und erneuern.
Gewürdigt wurde die Initiative „Vereinsheld 2025 – Unsere Zukunft ist Ehrenamt“, mit der die Turngemeinde versucht, das Ehrenamt systematisch weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt steht nicht die kurzfristige Gewinnung von Helferinnen und Helfern, sondern der Aufbau tragfähiger Strukturen. Dazu gehören regelmäßige Netzwerktreffen, Qualifizierungsangebote, eine vereinseigene „Heldenakademie“ sowie ein Stipendienprogramm für junge Engagierte ab 13 Jahren. Ziel ist es, Verantwortung frühzeitig zu ermöglichen, Engagement sichtbar zu machen und mit Weiterbildung sowie echter Mitbestimmung zu verbinden. Der Ansatz ist modular angelegt und lässt sich auch auf andere Vereine übertragen, was die Jury als entscheidenden Qualitätsfaktor wertete.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der den Preis gemeinsam mit Elke Büdenbender überreichte, nutzte die Verleihung für ein grundsätzlicheres Plädoyer. Der organisierte Sport, so Steinmeier, lebe von der Breite, nicht allein von den Spitzenleistungen. Ohne die Arbeit ehrenamtlich geführter Vereine gäbe es weder Nachwuchs noch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die „Sterne des Sports“ seien deshalb mehr als ein Wettbewerb, sie seien ein öffentliches Zeichen der Anerkennung für eine Arbeit, die im Alltag oft selbstverständlich erscheine, es aber nicht sei.
Auch der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes, Otto Fricke, betonte den gesellschaftlichen Mehrwert des Vereinssports. In den rund 86.000 Sportvereinen mit ihren Millionen Mitgliedschaften würden Integration, Bildung und demokratisches Miteinander nicht abstrakt verhandelt, sondern konkret gelebt. Die Turngemeinde Herford zeige beispielhaft, wie sich Ehrenamt modern organisieren lasse, ohne seinen gemeinnützigen Kern zu verlieren. BVR-Präsidentin Marija Kolak hob die Nähe des Engagements zu genossenschaftlichen Werten hervor: Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft gestalten, Teilhabe ermöglichen.
Neben dem Bundessieg wurden weitere Initiativen ausgezeichnet. Den zweiten Platz belegte der VfB Eilenburg aus Sachsen mit dem Projekt „FairPFIFFEN – Mut braucht Rückhalt“, das sich gegen Gewalt und Einschüchterung im Amateurfußball richtet. Rang drei ging an den MTV Stuttgart 1843 für den Aufbau einer Parasport-Akademie. Alle drei Projekte eint der Versuch, gesellschaftliche Herausforderungen mit sportlichen Mitteln zu beantworten. Insgesamt waren 17 Vereine im Bundesfinale vertreten, die sich zuvor auf regionaler und Landesebene durchgesetzt hatten.
Ergänzt wurde die Preisverleihung durch einen Publikumspreis, der an Denise de Vries vom VfL Rastede ging. Ihre Initiative zur schwimmerischen Früherziehung verdeutlicht, dass ehrenamtliches Engagement nicht nur Strukturen schafft, sondern oft sehr konkret wirkt, im direkten Kontakt mit Kindern, Familien und Ehrenamtlichen.
Seit 2004 zeichnen der DOSB und die Volksbanken Raiffeisenbanken mit den „Sternen des Sports“ gesellschaftliches Engagement im Vereinssport aus. Mehr als 9,5 Millionen Euro sind seither an tausende Vereine geflossen. Die Ehrung der Turngemeinde Herford fügt dieser langen Reihe kein spektakuläres Einzelereignis hinzu, sondern ein Beispiel für etwas Alltägliches, das zunehmend erklärungsbedürftig wird: dass Engagement Zeit braucht, Anerkennung und verlässliche Rahmenbedingungen. In Herford hat man daraus ein Konzept gemacht.
