„O’zapft is!“: Arche-Gründer Bernd Siggelkow wagt den Berliner Fassanstich
Der Zapfhahn sitzt, das Fass steht bereit, die Blicke sind auf Bernd Siggelkow gerichtet. Nur einer wirkt an diesem Samstagvormittag nicht ganz so entspannt wie die anderen: der Mann, der gleich das Oktoberfest in Berlin eröffnen soll. „Ich bin ein bisschen nervös. Das ist mein erster Fassanstich“, sagt der Gründer der Arche. Und dann folgt gleich das nächste Geständnis: „Ich trinke kein Bier. Ich habe noch nie gezapft.“ Beste Voraussetzungen also für einen Moment, bei dem es auf die richtige Handbewegung ankommt.
Am 19. September, zeitgleich mit dem Beginn des Münchner Oktoberfests, wurde auch in Berlin traditionell zur Mittagszeit das Fass angeschlagen. Diesmal übernahm Bernd Siggelkow die Aufgabe. Rund um das Fass wurde es erwartungsgemäß schnell lebhaft. Kameras und Smartphones gingen in Position, die ersten Bilder waren im Kasten, während Siggelkow noch einmal deutlich machte, dass er normalerweise eher mit anderen Dingen beschäftigt ist. Sein Thema ist seit Jahrzehnten die Kinderarmut.
1995 gründete Siggelkow in Berlin die Arche. Das christliche Kinder- und Jugendwerk richtet sich vor allem an Kinder und Familien, die unter schwierigen sozialen und materiellen Bedingungen leben. In Berlin betreibt die Arche mehrere Einrichtungen. In Hellersdorf etwa werden täglich bis zu 300 Kinder und Jugendliche betreut. Zum Angebot gehören unter anderem Mittagessen, Hausaufgabenhilfe, Freizeitangebote und Beratung.
Der Fassanstich hatte deshalb einen zweiten, durchaus ernsten Hintergrund. Für jede am 19. September verkaufte Mittagsmaß wurde ein Euro an die Arche gespendet. Aus dem Oktoberfest-Ritual wurde damit eine kleine Spendenaktion. Siggelkow verwies zugleich auf die langjährige Verbindung zwischen dem Fest und der Arche. Besonders zur Weihnachtszeit gibt es gemeinsame Aktivitäten. Am 24. Dezember kommen nach seinen Angaben zahlreiche von der Arche betreute Familien zu einer Weihnachtsfeier zusammen.
Für den Arche-Gründer ist das Engagement gegen Kinderarmut längst zu einer Lebensaufgabe geworden. Die Stiftung beschreibt ihre Arbeit inzwischen ausdrücklich als Kombination aus Bildungs-, Freizeit- und Beziehungsarbeit. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft bessere Chancen bekommen können. „Bildung durch Beziehung“ lautet das Motto der Arche für 2026.
Und dann kam der Moment, auf den alle gewartet hatten. Siggelkow nahm den Hammer, konzentrierte sich und setzte zum Fassanstich an. Ein paar Sekunden Spannung, dann war das Ritual vollbracht. Das Bier konnte fließen, die Oktoberfest-Saison in Berlin war eröffnet. Ausgerechnet ein Mann, der nach eigener Aussage kein Bier trinkt, hatte damit für den ersten großen Moment des Tages gesorgt.
Der Termin fiel zudem in eine besondere Zeit für Siggelkow. Der Arche-Gründer ist seit 2024 Mitglied der CDU und tritt bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September als CDU-Direktkandidat in Marzahn-Mitte an. Seine politische Arbeit ist eng mit seinen langjährigen Erfahrungen aus der sozialen Arbeit verbunden. In aktuellen Wahlkampfauftritten spricht er unter anderem über Kinderarmut, Bildung, Migration und die Lebensbedingungen in Marzahn.
Beim Oktoberfest aber ging es zunächst nicht um Wahlkampf. Es ging um ein Fass, einen Zapfhahn und den symbolischen Start in einen Tag, an dem Berliner Oktoberfeststimmung und soziales Engagement zusammenkamen. Siggelkow hatte vor dem Anstich noch gescherzt, dass er gespannt sei, ob alles funktionieren würde. Am Ende war die Sache deutlich unkomplizierter als angekündigt: Das Fass war angestochen, das Bier floss und für die Arche wurde mit jeder verkauften Mittagsmaß gleichzeitig Geld gesammelt.
So bekam der traditionelle Ruf „O’zapft is!“ in Berlin in diesem Jahr eine zusätzliche Bedeutung. Zwischen Dirndl, Lederhose, Musik und Festzelt ging es für einige Stunden nicht nur um bayerische Gemütlichkeit, sondern auch um Kinder, Familien und die Frage, wie gesellschaftliche Verantwortung praktisch aussehen kann. Und Bernd Siggelkow konnte am Ende feststellen, dass man für einen gelungenen Fassanstich offenbar nicht unbedingt Biertrinker sein muss.
