IFA 2026: Die Zukunft der Technik findet nicht mehr nur auf Bildschirmen statt
Die IFA 2026 beginnt in Berlin mit einer bemerkenswerten Verschiebung des Blicks auf künstliche Intelligenz. Nicht mehr allein die Frage, was KI erzeugen oder berechnen kann, steht im Mittelpunkt. Entscheidend wird zunehmend, was sie in der physischen Welt tatsächlich zu leisten vermag. Bei der Eröffnungspressekonferenz der IFA Media Days am Mittwoch rückten deshalb künstliche Intelligenz, Robotik und die Frage nach ihrer Rolle im Alltag ins Zentrum. Leif Lindner, CEO der IFA Management, und Carine Chardon, Geschäftsführerin der GFU Consumer & Home Electronics GmbH, zeichneten dabei das Bild einer Branche, die trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheiten weiter wächst. Die IFA selbst öffnet offiziell vom 4. bis 8. September auf dem Berliner Messegelände.
Lindners Ausgangspunkt war weniger eine einzelne Produktneuheit als eine Veränderung des Tempos. Technologische Entwicklungen würden inzwischen in deutlich kürzeren Zyklen entstehen, als Gesellschaften sie einordnen könnten. Besonders bei der künstlichen Intelligenz zeigt sich dieser Widerspruch. Während sich Modelle und Anwendungen innerhalb weniger Monate weiterentwickeln, benötigen Regulierung, Bildung und gesellschaftliche Debatten wesentlich länger. Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr nur, welche technischen Möglichkeiten entstehen, sondern wie schnell Menschen lernen, mit ihnen umzugehen. Die IFA will sich in diesem Spannungsfeld als Ort positionieren, an dem neue Technologien nicht nur präsentiert, sondern unmittelbar ausprobiert und eingeordnet werden können.
Das betrifft vor allem den Übergang von digitaler zu physischer KI. Kleinere und energieeffizientere Modelle können zunehmend direkt auf Geräten ausgeführt werden. Smartphones, Fahrzeuge und Haushaltsgeräte werden damit zu eigenständigen Recheneinheiten, die bestimmte KI-Funktionen lokal verarbeiten können. Gleichzeitig entwickelt sich die Robotik von spezialisierten Maschinen hin zu Systemen, die ihre Umgebung wahrnehmen und auf unterschiedliche Situationen reagieren können. Die IFA widmet diesem Wandel in diesem Jahr ungewöhnlich viel Raum. In der Innovationsplattform IFA Next werden rund 300 Aussteller erwartet, darunter Start-ups, Forschungsorganisationen und internationale Unternehmen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf humanoiden Robotern.
Wie weit dieser Wandel bereits reicht, zeigt das Messeprogramm. Beim RoboCup treten autonome Roboter in Fußballspielen gegeneinander an. Bei „Robots on the Runway“ sollen humanoide und andere mobile Robotersysteme ihre Fähigkeiten in Bewegung und Interaktion demonstrieren. Das wirkt auf den ersten Blick wie Unterhaltung, ist technisch aber durchaus aufschlussreich: Sensorik, Bewegungssteuerung, maschinelles Lernen und Mensch-Maschine-Interaktion werden dabei in einer für ein breites Publikum verständlichen Form sichtbar.
Hinter der technologischen Dynamik steht zugleich ein Markt, der sich robuster entwickelt als die allgemeine Konsumstimmung vermuten lässt. Nach den von der GFU vorgestellten Zahlen erreichte der globale Markt für technische Konsumgüter im ersten Halbjahr 2026, ohne Nordamerika und Russland, ein Volumen von 430,5 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einem nominalen Wachstum von sechs Prozent. Bereinigt um Währungseffekte blieb ein Plus von 2,4 Prozent. Ein Teil des stärkeren nominalen Wachstums ist damit auf Wechselkursveränderungen zurückzuführen.
Interessant ist dabei weniger die absolute Wachstumszahl als die Struktur des Marktes. Besonders dynamisch entwickelten sich elektrische Kleingeräte für den Haushalt mit einem Plus von fünf Prozent. Telekommunikationsprodukte legten um vier Prozent zu, Unterhaltungselektronik um zwei Prozent. Auf Produktebene profitieren vor allem Geräte, bei denen technischer Fortschritt unmittelbar mit einem konkreten Nutzen verbunden ist. Dazu zählen unter anderem Saugroboter, Waschmaschinen mit Dampfprogrammen, Siebträger-Espressomaschinen, besonders große Fernseher, sogenannte Space-Fit-Kühlschränke und PCs mit Prozessoren für lokale KI-Anwendungen.
Damit zeichnet sich ein Muster ab, das für die nächste Phase des Technologiemarktes entscheidend sein könnte. Verbraucher kaufen nicht zwangsläufig mehr Technik, sondern selektiver. Wenn sie investieren, erwarten sie einen nachvollziehbaren Mehrwert. Komfort, Energieeffizienz, Leistungsfähigkeit und neue Nutzungsmöglichkeiten gewinnen gegenüber dem bloßen Versprechen technischer Innovation an Bedeutung. Das gilt insbesondere in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem die Konsumstimmung weiterhin gedämpft ist. Auch der deutsche Markt zeigt dieses Bild. Die GFU hatte bereits vor Beginn der IFA auf eine anhaltende Zurückhaltung der Verbraucher und die Auswirkungen globaler Krisen verwiesen.
Regional verschieben sich gleichzeitig die Gewichte. Besonders stark wächst der Markt in den asiatischen Schwellenländern außerhalb Chinas. Für das erste Halbjahr wurde dort ein Wachstum von zwölf Prozent ausgewiesen. Noch stärker entwickelte sich der Markt in Nahost und Afrika mit einem Plus von 15 Prozent. Parallel verändert sich die internationale Struktur der Lieferketten. Südostasiatische Staaten gewinnen als Produktionsstandorte und Exporteure von KI-Technologie und Hardwarekomponenten an Bedeutung. Damit wird die technologische Transformation zunehmend auch zu einer Frage industrieller Geografie und wirtschaftlicher Macht.
Für die IFA bedeutet das eine Veränderung ihrer klassischen Rolle. Die Messe ist längst nicht mehr ausschließlich Schaufenster für Fernseher, Kühlschränke oder Smartphones. Mit Formaten wie IFA Next, dem Retail Leaders Summit, der Retail Innovation Zone und dem Smart Living Forum versucht sie, Technologie stärker mit Forschung, Handel, Wirtschaft und gesellschaftlichen Fragen zu verbinden. Auch die Besucherstruktur verändert sich. Nach Angaben der IFA ist inzwischen etwa jeder zweite private Besucher jünger als 35 Jahre, rund zwei Drittel kommen wiederholt zur Messe.
Die drei großen Wachstumsfelder, die sich aus der Eröffnung ableiten lassen, sind deshalb weniger einzelne Produktkategorien als technologische Entwicklungslinien: künstliche Intelligenz, alltagstaugliche Robotik und die nächste Generation tragbarer Geräte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Technologie näher an den Menschen bringen. KI verschwindet zunehmend hinter den Anwendungen, Robotik verlässt die Fabrik und Wearables werden zu Schnittstellen zwischen Mensch und digitaler Welt.
Gerade darin liegt die gesellschaftliche Bedeutung der diesjährigen IFA. Die entscheidende Veränderung besteht nicht darin, dass Maschinen immer leistungsfähiger werden. Sie besteht darin, dass digitale Intelligenz zunehmend in Gegenstände und Umgebungen eingebettet wird, mit denen Menschen täglich umgehen. Die Frage nach dem technischen Fortschritt wird damit unweigerlich zu einer Frage nach Vertrauen, Kontrolle und Verständnis. Eine Gesellschaft, die diese Entwicklung nur als Konsumtrend betrachtet, greift zu kurz.
Die IFA versucht darauf eine praktische Antwort zu geben: Technologie soll nicht allein erklärt, sondern erfahrbar gemacht werden. Ob dieses Konzept angesichts des enormen Tempos der KI-Entwicklung ausreicht, wird sich in den kommenden Messetagen zeigen. Sicher ist jedoch schon vor der offiziellen Eröffnung am Freitag: Die Zukunft der Consumer Technology wird weniger durch einzelne spektakuläre Geräte bestimmt als durch die zunehmende Verschmelzung von Software, künstlicher Intelligenz und physischer Welt. Berlin wird in diesen Tagen zum Testfeld für genau diese Entwicklung.
