IFA Warm-Up 2026: Die Technikmesse sucht nach ihrer Rolle in einer veränderten Konsumwelt
Die Internationale Funkausstellung in Berlin will in diesem Jahr weniger den Eindruck einer klassischen Produktmesse vermitteln und stärker als Forum für die Fragen auftreten, die hinter dem technologischen Wandel stehen. Das wurde beim IFA Warm-Up am Donnerstag in Berlin deutlich. Rund zwei Wochen vor dem offiziellen Beginn der IFA 2026 stellte IFA-Management-Chef Leif Lindner das neue Format als Gesprächsangebot an Medien vor. Im Mittelpunkt standen nicht einzelne Produkte, sondern Markt- und Konsumententrends, Innovationen und das Verhältnis von Technologie und Kultur. Die Veranstaltung im Berliner THE_SPACE markiert damit zugleich eine programmatische Verschiebung: Die IFA versucht, technologische Entwicklung nicht nur aus Sicht der Hersteller zu erzählen, sondern stärker in wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge einzuordnen.
Besonders aufschlussreich war der Blick auf die Marktentwicklung. In der ersten von drei Diskussionsrunden ging es um die Frage, welche Produkte und Trends derzeit tatsächlich vom Konsumenten angenommen werden und welche Erwartungen sich daraus für Handel und Hersteller ergeben. Auf dem Podium diskutierten Carine Chardon von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik, Franziska Köster vom Bundesverband Technik des Einzelhandels und Andreas Peplinski von NielsenIQ. Damit trafen Marktforschung, Industrie und Handel aufeinander. Für eine Branche, die sich lange stark über technische Leistungsdaten definierte, ist diese Perspektive nicht nebensächlich. Entscheidend ist zunehmend, ob eine Technologie einen nachvollziehbaren Nutzen bietet und sich in das alltägliche Leben integrieren lässt.
Auch die zweite Gesprächsrunde zielte auf einen Punkt, der für den europäischen Technologiestandort von größerer Bedeutung ist als die nächste Gerätegeneration: die Frage, wie aus Forschung und Ideen tatsächlich marktfähige Innovationen entstehen. Vertreter des Deutschen Startup-Verbandes, der Beratung und Rechtsbranche sowie der XR- und Immersive-Tech-Szene diskutierten über Gründungen, neue Geschäftsmodelle und die Bedingungen, unter denen Innovationen wachsen können. Die IFA will diesen Bereich mit IFA Next weiter ausbauen. Für die Ausgabe 2026 werden dort rund 300 Aussteller erwartet, darunter Start-ups, Forschungsorganisationen und internationale Länderpavillons aus bislang 25 bestätigten Ländern. Einen Schwerpunkt bildet die Robotik.
Gerade bei humanoiden Robotern zeigt sich, wie stark sich die Themen der IFA verändert haben. Was vor wenigen Jahren noch vor allem als Forschungsprojekt oder futuristische Demonstration erschien, soll zunehmend mit konkreten Anwendungen verbunden werden. Die IFA kündigt für 2026 ihre bislang umfangreichste Präsentation humanoider Robotik an. Bei „Robots on Stage“ sollen unter anderem Roboter von Unitree, EngineAI, Dobot und weiteren Herstellern auf der Bühne gezeigt werden. Hinzu kommt ein RoboCup sowie eine Präsentation, bei der humanoide Maschinen auf einem Laufsteg auftreten. Das Format ist bewusst spektakulär angelegt, verweist aber auf eine ernsthafte industriepolitische Frage: Wann werden Robotik, künstliche Intelligenz und autonome Systeme aus der Demonstrationsphase in reale Anwendungen überführt?
Die dritte Perspektive des Warm-Ups war kultureller Natur. Unter dem Titel „Tech meets Culture“ ging es um die wachsende Bedeutung kultureller Kooperationen für Marken und Technologieunternehmen. Am Beispiel der Zusammenarbeit von IFA, Volkswagen und Fotografiska wurde diskutiert, wie technologische Themen über Kunst, Fotografie und andere kulturelle Ausdrucksformen neue Zielgruppen erreichen können. Dahinter steht ein Wandel in der Markenkommunikation: Technologie wird nicht mehr ausschließlich über technische Eigenschaften vermittelt, sondern zunehmend über Lebensstile, Gemeinschaften und kulturelle Erfahrungen. Die IFA selbst versucht, diesen Ansatz mit Konzerten, Podcasts und weiteren Kulturformaten im Sommergarten und auf dem Messegelände fortzusetzen.
Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Funktion der Messe zentral. Die IFA will ihren Bereich für den Fachhandel ausbauen und die drei großen deutschen Kooperationen Euronics, Expert und ElectronicPartner stärker an einem gemeinsamen Ort zusammenführen. Hinzu kommt der IFA Retail Leaders Summit, der am 3. September internationale Handelsentscheider zusammenbringen soll. Nach Angaben des Branchenverbandes GFU werden dabei mehr als 100 Führungskräfte und Entscheidungsträger über Omnichannel-Strategien, künstliche Intelligenz und die Zukunft von Logistik und Fulfillment diskutieren.
Damit rückt ein Thema in den Vordergrund, das für die Unterhaltungselektronikbranche inzwischen ebenso wichtig ist wie die Entwicklung neuer Produkte: die Fähigkeit, Innovationen in funktionierende Geschäftsmodelle zu übersetzen. Künstliche Intelligenz, Robotik und vernetzte Geräte erzeugen zwar hohe Erwartungen, ihr wirtschaftlicher Erfolg entscheidet sich jedoch erst im Alltag von Unternehmen und Verbrauchern. Die IFA versucht deshalb, Handel, Start-ups, etablierte Unternehmen, Investoren und Politik enger miteinander zu verbinden. Auch der in diesem Jahr erstmals auf der IFA stattfindende CVC | Open Innovation Summit Europe soll diese Verbindung zwischen Technologie, Industrie, Kapital und Umsetzung stärken.
Die eigentliche Messe beginnt am 4. September und dauert bis zum 8. September. Nach Angaben der IFA werden mehr als 1.900 Marken aus 49 Ländern erwartet. Die Messe positioniert sich damit weiterhin als eine der wichtigsten internationalen Plattformen für Consumer Electronics, Haushaltsgeräte und Future Tech. Die offiziellen Programmthemen reichen von künstlicher Intelligenz und Robotik über Wearables und Smart Home bis zu Computing und Gaming.
Für die Medien beginnt die IFA bereits am 2. September mit den Media Days und der offiziellen Eröffnungspressekonferenz. Leif Lindner wird gemeinsam mit GFU-Geschäftsführerin Carine Chardon den Auftakt bestreiten. Am 4. September folgt die offizielle Eröffnung unter Beteiligung von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey.
Das Warm-Up hat damit vor allem eine Frage hinterlassen, die über die Messe selbst hinausweist: Welche Technologien werden tatsächlich Bestandteil des Alltags und welche bleiben vorerst Versprechen? Die Antwort wird sich nicht allein an der Zahl neuer Produkte oder spektakulärer Roboter messen lassen. Entscheidend wird sein, ob künstliche Intelligenz, Automatisierung und vernetzte Systeme einen erkennbaren Nutzen schaffen, wirtschaftlich tragfähig werden und gesellschaftlich akzeptiert sind. Genau an dieser Schnittstelle zwischen technischer Möglichkeit und tatsächlicher Nutzung versucht die IFA 2026 ihren Platz neu zu bestimmen.
