Beim Potsdamer Wirtschaftstreffen des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) in der Schinkelhalle stand in diesem Jahr eine Frage im Mittelpunkt, die weit über Brandenburg hinausreicht: Wie kann Deutschland seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sichern, wenn Fachkräfte fehlen, die Bevölkerung altert und der internationale Wettbewerb um Innovationen zunimmt? Unter dem Leitmotiv eines starken Mittelstands mit gesellschaftlicher Verantwortung diskutierten Unternehmer, Wissenschaftsvertreter und Politiker über die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Berlin-Brandenburg. Zu den Gästen gehörten Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel, BVMW-Bundesgeschäftsleiter Volkswirtschaft Dr. Hans-Jürgen Völz sowie Brandenburgs Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Rede der Wissenschaftsministerin. Schüle warb für ein neues Verständnis von Fachkräftepolitik und Bildung. Die traditionelle Gegenüberstellung von akademischer und beruflicher Ausbildung greife zu kurz, sagte sie. Meisterbrief und Masterabschluss seien gleichwertige Qualifikationen. „Kein Master ohne Meister“, lautete eine ihrer zentralen Botschaften. Damit knüpfte sie an die seit Jahren geführte Debatte über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung beruflicher Bildung an. Gerade in technologieorientierten Branchen seien qualifizierte Fachkräfte aus dem Handwerk und der beruflichen Ausbildung unverzichtbar, um Innovationen überhaupt in die Praxis umzusetzen.
Zugleich skizzierte die Ministerin die Strategie Brandenburgs, Wissenschaft und Wirtschaft enger miteinander zu verzahnen. Transferprofessuren, regionale Hochschulstandorte und neue Kooperationsformate sollen Forschungsergebnisse schneller in Unternehmen bringen. Als Beispiel verwies Schüle auf „JUPITER“, das gemeinsame Innovations- und Gründerökosystem von Berlin und Brandenburg. Ziel sei es, wissenschaftliche Einrichtungen, Start-ups und Unternehmen stärker zu vernetzen und Innovationsprozesse zu beschleunigen. Brandenburg setze dabei bewusst auf Strukturen, die nicht nur den Metropolen zugutekommen, sondern auch Unternehmen in ländlichen Regionen den Zugang zu Forschung und Entwicklung erleichtern.
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Rede war die demografische Entwicklung. Die Ministerin machte deutlich, dass die Herausforderungen des Fachkräftemangels mathematisch belegbar seien und nicht allein politisch diskutiert werden könnten. Die Zahl der Erwerbstätigen werde in den kommenden Jahren spürbar zurückgehen. Ohne internationale Fachkräfte lasse sich dieser Rückgang nicht kompensieren. Deshalb seien Offenheit, Integration und gesellschaftliche Teilhabe auch wirtschaftspolitische Faktoren. Wer qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland gewinnen wolle, müsse ein Umfeld schaffen, in dem diese Menschen langfristige Perspektiven und gesellschaftliche Akzeptanz finden. Schüle verband diese Aussage mit einer deutlichen Absage an populistische Positionen, die Zuwanderung pauschal ablehnen.
Die Diskussionen in Potsdam spiegelten damit zentrale Herausforderungen wider, vor denen die deutsche Wirtschaft steht. Der Mittelstand gilt weiterhin als Rückgrat der Volkswirtschaft. Gleichzeitig sehen sich viele Unternehmen mit einem zunehmenden Mangel an Fachkräften, steigenden Transformationskosten und wachsenden Anforderungen durch Digitalisierung und Klimawandel konfrontiert. Die Veranstaltung machte deutlich, dass wirtschaftlicher Erfolg künftig stärker von der Fähigkeit abhängen wird, Bildung, Forschung und Unternehmertum miteinander zu verbinden. Gerade die Hauptstadtregion versucht, aus ihrer engen Verzahnung von Wissenschaftseinrichtungen, innovativen Unternehmen und industriellen Ansiedlungen neue Wachstumsimpulse zu entwickeln.
Das Potsdamer Wirtschaftstreffen zeigte damit weniger eine Momentaufnahme der aktuellen Konjunktur als vielmehr eine Debatte über die Grundlagen künftiger Wettbewerbsfähigkeit. Die Botschaft des Tages lautete, dass wirtschaftliche Stärke nicht allein aus Investitionen oder Technologie entsteht. Sie beruht ebenso auf qualifizierten Fachkräften, leistungsfähigen Bildungsstrukturen und einer Gesellschaft, die offen genug bleibt, Talente aus dem In- und Ausland anzuziehen. In dieser Verbindung von Wirtschaft, Wissenschaft und gesellschaftlicher Verantwortung sahen die Teilnehmer einen entscheidenden Schlüssel für die Zukunft des Standorts Brandenburg.