Investieren in Resilienz – Das Kyiv Investment Forum 2025 in Berlin als Signal für Europas Zukunft
Am 12. November 2025 war Berlin Schauplatz einer politischen und wirtschaftlichen Begegnung, die weit über symbolische Solidarität hinausreichte. Beim Kyiv Investment Forum 2025 (KIF) im AXICA Congress Center am Pariser Platz trafen sich Regierungsvertreter, Bürgermeister führender europäischer Städte, Unternehmer und Investoren, um über den Wiederaufbau und die künftige Wettbewerbsfähigkeit der Ukraine zu beraten. Nach Stationen in Brüssel markierte die Verlegung des Forums nach Berlin einen strategischen Schritt: von der Hilfe hin zur aktiven Kooperation.
Das Forum stand unter dem Motto „Investing in Resilience. Shaping the Future“ und brachte Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Organisiert wurde es von der Stadt Kyjiw, der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie der NGO Impact Force. Die Wahl des Austragungsortes war bewusst getroffen: Berlin gilt als Knotenpunkt für Technologie, Start-ups und urbane Transformation. Damit bot die deutsche Hauptstadt den passenden Rahmen, um Investitionschancen und nachhaltige Wiederaufbauprojekte sichtbar zu machen.
Zur Eröffnung sprachen der Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner. Beide unterzeichneten ein Memorandum of Understanding zur Einrichtung einer direkten Bahnverbindung zwischen Berlin und Kyjiw – ein sichtbares Signal für die Vertiefung europäischer Verbindungen. In den anschließenden Keynotes und Panels traten neben Klitschko und Wegner auch Vertreter aus Brüssel, Vilnius, Posen und Wrocław auf. Die Themen reichten von resilienter Stadtentwicklung über Energieeffizienz und Digitalisierung bis zu sozialen Innovationen.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Ukraine in einer Zeit geopolitischer Unsicherheit Investitionen sichern und neue Märkte erschließen könne. Vertreter internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung erläuterten Mechanismen zur Risikoabsicherung. Unternehmensvertreter aus Deutschland und der Ukraine, darunter PwC, Enpal und Farmak JSC, präsentierten Best-Practice-Beispiele für Investitionen in Infrastruktur, Gesundheitswesen und Energieversorgung.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der digitalen Transformation. Google-Manager Michael Firnhaber betonte in seiner Ansprache, dass digitale Innovation in der Ukraine längst nicht nur als Notlösung, sondern als Katalysator wirtschaftlicher Modernisierung verstanden werde. Auch Vertreter der ukrainischen Verwaltung stellten Smart-City-Konzepte vor, die nach dem Prinzip „build back better“ nicht auf den Vorkriegszustand zielten, sondern auf eine nachhaltige Neugestaltung städtischer Systeme.
Am Nachmittag richtete sich der Blick auf Energie, Mobilität und industrielle Innovationen. Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) diskutierten mit Abgeordneten des ukrainischen Parlaments über die Rolle grüner Technologien und Energieeffizienzprogramme. Weitere Panels widmeten sich urbaner Mobilität, Health-Tech und Dual-Use-Technologien, also zivil-militärischen Innovationen, die zunehmend zur Stärkung der industriellen Basis beitrugen.
Parallel fand eine Session zu Sozialunternehmertum statt, die Organisationen aus Berlin, Hamburg und Kyjiw miteinander vernetzte. Sie thematisierte, wie gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und Beschäftigung in der Nachkriegszeit durch unternehmerische Ansätze gefördert werden konnten. Am Abend folgte ein Gespräch zwischen Klitschko und Annette Kroeber-Riel, Vice President Government Affairs von Google, über die künftige Investitionsagenda Europas.
Das Kyiv Investment Forum war 2016 von der Stadtverwaltung Kyjiw ins Leben gerufen worden und hatte sich seither zu einer zentralen Plattform für internationale Stadt- und Wirtschaftspartnerschaften entwickelt. Nach dem russischen Angriff 2022 wurde es zu einem Forum für Resilienz und Wiederaufbau. Die Brüsseler Ausgabe 2022 führte zur Brussels Declaration, in der 13 europäische Städte ihre Unterstützung für die nachhaltige urbane Erneuerung der Ukraine zusicherten. Bereits damals waren Investitionszusagen im Umfang von mehr als einer Milliarde Euro angekündigt worden.
Mit der Ausgabe 2025 in Berlin unterstrich die ukrainische Hauptstadt ihren Wandel vom Empfänger internationaler Hilfe hin zu einem aktiven Wirtschaftspartner. Der Fokus lag weniger auf humanitärer Unterstützung, sondern auf Strukturwandel, Investitionen und Innovationsförderung. Das Forum verstand sich als Brücke zwischen ukrainischen Städten und europäischen Investoren – mit dem Ziel, Projekte anzustoßen, die Wachstum, Digitalisierung und Energieautonomie fördern.
Die Herausforderungen blieben erheblich: Sicherheitsrisiken, bürokratische Hürden und die Notwendigkeit stabiler rechtlicher Rahmenbedingungen erschwerten Investitionen weiterhin. Zugleich eröffnete die Konzentration auf Zukunftsbranchen wie Energie, Technologie und Infrastruktur die Chance, den Wiederaufbau als Modernisierung zu gestalten.
Für Berlin bedeutete das Forum mehr als eine Geste der Solidarität. Es stärkte die Rolle der Stadt als europäisches Zentrum für Transformation und als Drehscheibe für nachhaltige Kooperation mit der Ukraine. Ob die Tagung konkrete Investitionsentscheidungen hervorbrachte, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Doch der Schritt nach Berlin markierte bereits einen Wendepunkt: Der Wiederaufbau der Ukraine wurde als gemeinsames europäisches Projekt verstanden – ökonomisch, technologisch und politisch.
Foto: Nordy hochstein
