Zwischen KI, Kapital und geopolitischer Unsicherheit: Wohin sich der Venture-Capital-Markt bewegt

Berlin wurde Anfang Juni erneut zum Treffpunkt der internationalen Risikokapitalbranche. Bei der Konferenz SuperReturn Venture 2026, die parallel zur Private-Markets-Veranstaltung SuperReturn stattfand, diskutierten Investoren, Fondsmanager, Unternehmer und institutionelle Kapitalgeber über die Zukunft des Venture-Capital-Marktes. Die Themen reichten von künstlicher Intelligenz über geopolitische Risiken bis hin zu neuen Finanzierungsmodellen für europäische Technologieunternehmen. Die Veranstaltung versammelte mehr als 1.000 Entscheidungsträger aus dem Venture-Capital-Ökosystem und gilt als eine der wichtigsten Branchenplattformen Europas.

Der Tenor vieler Diskussionen war eindeutig: Die Phase des nahezu grenzenlosen Wachstums ist vorbei. Nach Jahren niedriger Zinsen und rekordhoher Bewertungen befindet sich die Branche in einer Phase der Neuordnung. Investoren sprechen von einer stärkeren Differenzierung zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Unternehmen. Kapital ist weiterhin vorhanden, wird jedoch selektiver vergeben. Im Mittelpunkt stehen Geschäftsmodelle mit klaren Erlösperspektiven, belastbaren Technologien und nachweisbarer Nachfrage.

Besonders häufig fiel das Stichwort künstliche Intelligenz. Zahlreiche Panels beschäftigten sich mit der Frage, welche Unternehmen von der aktuellen KI-Welle nachhaltig profitieren können. Während frühe Investitionsrunden weiterhin stark nachgefragt sind, wächst zugleich die Sorge vor überhöhten Erwartungen. Viele Investoren betonten, dass nicht jede Anwendung von generativer KI automatisch einen Wettbewerbsvorteil schafft. Entscheidend werde zunehmend der Zugang zu hochwertigen Daten, proprietären Plattformen und belastbaren Geschäftsmodellen.

Diese Einschätzung deckt sich mit aktuellen Analysen des Vermögensverwalters BlackRock. Im Rahmen von SuperReturn stellte das Unternehmen neue Untersuchungen zum Verhalten europäischer Vermögenskunden vor. Demnach halten rund 70 Prozent der befragten Investoren trotz der jüngsten Marktvolatilität an ihren bestehenden Allokationen in Private Markets fest. Gleichzeitig sehen viele Anleger weiterhin erhebliches Potenzial in den Bereichen Private Equity und Infrastruktur. Die Studie deutet darauf hin, dass institutionelle und private Investoren langfristig von klassischen Aktien-Anleihe-Portfolios zu stärker diversifizierten Modellen wechseln könnten, in denen private Kapitalanlagen eine größere Rolle spielen.

Fabio Osta, Leiter des Alternatives Specialists Teams bei BlackRock, sprach von einem langfristigen Strukturwandel. Private Märkte seien für viele Investoren längst kein Nischensegment mehr. Gleichzeitig betonte er, dass der Zugang zu diesen Anlageformen weiterhin mit erheblichem Aufklärungsbedarf verbunden sei. Insbesondere Fragen der Liquidität und der Funktionsweise sogenannter Evergreen-Fonds würden von vielen Anlegern noch unterschätzt.

Auch die Konferenzagenda spiegelte die veränderten Prioritäten der Branche wider. Mehrere Diskussionsrunden widmeten sich Europas technologischer Wettbewerbsfähigkeit, der Finanzierung von Deeptech-Unternehmen sowie Investitionen in Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien. Vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen gewinnen diese Bereiche deutlich an Bedeutung. Investoren sehen darin nicht nur wirtschaftliche Chancen, sondern zunehmend auch strategische Relevanz für die europäische Souveränität.

Auffällig war zudem die Debatte über die Rolle staatlicher Akteure. Vertreter von Förderbanken, der Europäischen Kommission und institutionellen Investoren diskutierten darüber, wie Europa größere Technologieunternehmen hervorbringen kann. Immer wieder wurde die Finanzierungslücke zwischen erfolgreicher Gründung und globaler Skalierung thematisiert. Während europäische Start-ups in der Frühphase vergleichsweise gut finanziert seien, fehle es häufig an ausreichend Wachstumskapital, um mit Konkurrenten aus den USA oder China Schritt zu halten.

Parallel dazu beschäftigen sich viele Fonds mit neuen Liquiditätsstrategien. Secondaries, Fortführungsfonds und Co-Investments entwickeln sich zunehmend zu festen Bestandteilen moderner Portfoliostrukturen. Hintergrund ist ein Marktumfeld, in dem Unternehmensverkäufe und Börsengänge zwar wieder zunehmen, jedoch deutlich selektiver verlaufen als in den Boomjahren. Investoren erwarten zwar eine Erholung der Exit-Märkte, rechnen jedoch damit, dass hochwertige Unternehmen zuerst profitieren werden.

Insgesamt vermittelte SuperVenture 2026 das Bild einer Branche, die nach Jahren der Euphorie wieder stärker auf Fundamentaldaten blickt. Künstliche Intelligenz bleibt der dominierende Wachstumstreiber. Gleichzeitig rücken Themen wie Resilienz, Kapitaldisziplin und geopolitische Sicherheit in den Vordergrund. Die Zeit günstigen Geldes ist vorbei. Für Investoren bedeutet das eine Rückkehr zu klassischen Tugenden: sorgfältige Auswahl, langfristiges Denken und ein genauer Blick auf Risiken. Gerade darin sehen viele Teilnehmer die Voraussetzung dafür, dass Europas Innovationsökosystem auch in einem anspruchsvolleren Umfeld weiter wachsen kann.

Von admin