Tempo als politische Währung: Minister Wildberger wirbt für ein digitales Deutschland
Die Debatte über Künstliche Intelligenz wird häufig von Extremen geprägt. Für die einen ist sie Heilsversprechen, für die anderen Bedrohung. Dazwischen liegt die Realität einer technologischen Transformation, die längst begonnen hat und deren Auswirkungen Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft tiefgreifend verändern werden. Genau diesen Befund stellte Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierungauf der Berliner Konferenz futurework26 in den Mittelpunkt seiner politischen Keynote. Sein Appell war unmissverständlich: Deutschland müsse die digitale Revolution nicht nur begleiten, sondern aktiv gestalten.
Die Veranstaltung brachte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um über die Zukunft der Arbeitswelt zu diskutieren. Neben dem Arbeitgeberpräsidenten Dr. Rainer Dulger, Microsoft-Deutschlandchefin Agnes Heftberger und dem Robotikforscher Prof. Ken Goldberg gehörte Wildberger zu den zentralen Stimmen des Tages. Die Konferenz widmete sich den Folgen der Digitalisierung für Unternehmen, Beschäftigte und den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Dr. Wildberger zeichnete das Bild einer Technologie, die bereits heute grundlegende Veränderungen auslöst. Programmierung, Datenauswertung und zahlreiche wissensbasierte Tätigkeiten würden durch KI-Systeme zunehmend automatisiert oder unterstützt. Die Eintrittsbarrieren für komplexe Aufgaben sinken. Prozesse, die früher Stunden oder Tage beanspruchten, könnten künftig in wenigen Minuten erledigt werden. Die eigentliche Herausforderung bestehe deshalb nicht in der Technologie selbst, sondern in der Frage, wie Gesellschaft und Wirtschaft mit den neuen Möglichkeiten umgehen.
Dabei widersprach der Minister sowohl technologischem Fatalismus als auch blindem Optimismus. Unternehmen könnten kurzfristig ihre Produktivität steigern, gleichzeitig würden sich Berufsbilder verändern und manche Tätigkeiten verschwinden. Zugleich entstünden neue Aufgabenfelder, neue Geschäftsmodelle und zusätzliche Beschäftigung. Historisch betrachtet hätten technologische Umbrüche stets neue Arbeitsplätze hervorgebracht. Ob dies auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gelinge, sei jedoch keine Selbstverständlichkeit, sondern eine politische und gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe.
Besonders deutlich wurde Minister. Wildberger bei der Frage der Wettbewerbsfähigkeit Europas. Deutschland und die Europäische Union dürften sich nicht darauf beschränken, Nutzer fremder Technologien zu sein. Notwendig seien eigene Rechenzentren, leistungsfähige Halbleiterproduktion, mehr Investitionen in digitale Infrastruktur und ein deutlich dynamischeres Start-up-Ökosystem. Der Minister sprach von der Notwendigkeit, technologische Souveränität zurückzugewinnen und Innovationen schneller in marktfähige Anwendungen zu überführen. Die Bundesregierung setzt dabei auf den Ausbau digitaler Infrastrukturen und die Stärkung des neuen Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung, das seit 2025 besteht.
Ein zentrales Motiv seiner Rede war die Geschwindigkeit. Tempo sei die entscheidende Währung im digitalen Zeitalter. Politische Prozesse, Genehmigungsverfahren und staatliche Strukturen müssten deutlich schneller werden, wenn Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen wolle. Die Digitalisierung des Staates verstehe er deshalb nicht als technisches Modernisierungsprojekt, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bereits in früheren Reden hatte Wildberger die Digitalisierung als „Betriebssystem des Landes“ bezeichnet und einen stärkeren Fokus auf Umsetzungsfähigkeit gefordert.
Gleichzeitig räumte der Minister ein, dass die gesellschaftlichen Folgen der KI-Revolution weit über technische Fragen hinausreichen. Wenn Wertschöpfung zunehmend bei wenigen Unternehmen und Plattformen konzentriert werde, stelle sich zwangsläufig die Frage nach Verteilung, Qualifizierung und sozialer Absicherung. Wildberger verwies auf internationale Modelle wie das dänische Flexicurity-System, das hohe Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt mit starker sozialer Absicherung verbindet. Auch neue Formen der Weiterbildung und Umschulung müssten stärker in den Mittelpunkt rücken. Lebenslanges Lernen werde vom Schlagwort zur wirtschaftlichen Notwendigkeit.
Bemerkenswert war dabei sein Plädoyer für mehr Selbstvertrauen. Deutschland neige dazu, die eigenen Fähigkeiten zu unterschätzen und vor allem die Risiken neuer Entwicklungen zu diskutieren. Dabei verfüge das Land über einen leistungsfähigen Mittelstand, eine starke Industrie und eine hohe Innovationskraft. Entscheidend sei nun, diese Potenziale konsequent zu nutzen. Wildberger sprach von einem notwendigen Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Sozialpartnern. Keine Institution könne die Herausforderungen der digitalen Transformation allein bewältigen.
Die Zukunft der Arbeit, so die zentrale Botschaft des Tages, wird nicht allein von Algorithmen bestimmt. Sie hängt davon ab, welche politischen Entscheidungen getroffen werden, welche Investitionen erfolgen und wie offen Gesellschaft und Unternehmen auf Veränderungen reagieren. Für Wildberger steht fest, dass die digitale Transformation bereits begonnen hat. Die eigentliche Frage lautet nicht mehr, ob sie kommt, sondern ob Deutschland schnell genug handelt, um sie mitzugestalten.