Die Niederlande präsentieren sich auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin in diesem Jahr mit einer leisen Botschaft. Während viele Destinationen um Aufmerksamkeit mit immer neuen Attraktionen konkurrieren, setzen sie auf das Gegenteil: auf Entschleunigung. Unter dem Leitmotiv „Slowlands“ stellt das Land auf der ITB 2026 eine Form des Reisens in den Mittelpunkt, die nicht Geschwindigkeit und spektakuläre Höhepunkte verspricht, sondern Aufmerksamkeit für Landschaft, Kultur und Alltag. Hinter diesem Konzept steht eine strategische Überlegung. Der niederländische Tourismus versucht seit einigen Jahren, Besucherströme stärker zu verteilen. Statt immer neue Gäste in die bekannten Hotspots zu lenken, sollen Reisende auch jene Regionen entdecken, die bislang weniger im Fokus standen. Das nationale Tourismusbüro verfolgt damit eine Politik, die Tourismus nicht nur als wirtschaftliche Chance begreift, sondern auch als Balance zwischen Besucherinteresse, regionaler Entwicklung und Lebensqualität für die Bevölkerung. Slow Travel, also bewusstes Reisen mit reduziertem Tempo, dient dabei als Leitidee. Wer langsamer reist, so die Annahme, bleibt länger, bewegt sich intensiver in einer Region und verteilt seine Aufmerksamkeit über größere Räume.
Die Idee passt zu einem Land, dessen Landschaft seit Jahrhunderten vom Zusammenspiel von Wasser, Landwirtschaft und menschlicher Planung geprägt ist. Flüsse, Kanäle, Seen und Küstenlinien strukturieren nicht nur die Natur, sondern auch den Alltag. Orte wie Flevoland, eine der jüngsten Provinzen Europas, sind selbst Ergebnis eines jahrzehntelangen Ringens mit dem Meer. Wo früher Wasserflächen lagen, entstanden Polderlandschaften, neue Städte und weite Naturgebiete. Heute bieten sie Raum für Segeln, Paddeln oder Radfahren entlang der Deiche. Solche Landschaften sind exemplarisch für das, was die Niederlande als ihr touristisches Profil jenseits der großen Städte verstehen. Naturerlebnisse liegen selten weit entfernt, vieles ist mit Bahn oder Fahrrad erreichbar, und gerade diese Nähe zwischen urbanem Leben und ländlichen Räumen macht das Land für kurze Aufenthalte attraktiv.
Die statistische Entwicklung gibt dieser Strategie zumindest teilweise recht. Für deutsche Reisende gehören die Niederlande seit Jahren zu den wichtigsten Auslandszielen. Zwischen 2015 und 2024 stieg die Zahl der Übernachtungen aus Deutschland um mehr als achtzig Prozent. Besonders dynamisch wuchs der Ferienhaus- und Campingsektor. Gleichzeitig zeigt sich eine Verschiebung der Nachfrage: Während die Küstenprovinzen Zeeland sowie Nord- und Südholland weiterhin den Großteil der Gäste anziehen, gewinnen die östlichen Regionen an Bedeutung. Provinzen wie Gelderland, Overijssel oder Drenthe konnten ihre Übernachtungszahlen aus Deutschland teilweise verdoppeln oder sogar verdreifachen. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass Natururlaub, Radreisen und kurze Aufenthalte außerhalb der klassischen Saison zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Diese Tendenz spiegelt auch einen breiteren Wandel im europäischen Tourismus wider. Nach Jahren des Wachstums rückt die Frage stärker in den Mittelpunkt, wie Reisen organisiert werden kann, ohne Landschaften zu überlasten oder Städte zu überfordern. Konzepte wie „Slow Travel“ reagieren auf diese Diskussion, indem sie Qualität über Quantität stellen. In den Niederlanden wird dieser Ansatz besonders sichtbar, weil das Land über eine dichte Infrastruktur für Rad- und Wanderwege verfügt und zugleich relativ kompakt ist. Mehr als 37.000 Kilometer Radwege durchziehen das Land. Sie verbinden Nationalparks, Dünenlandschaften, Wälder und historische Städte miteinander. Für Reisende bedeutet das eine ungewöhnliche Freiheit der Bewegung: Man kann innerhalb weniger Tage mehrere Landschaftstypen erleben, ohne lange Distanzen zurücklegen zu müssen.
Auf der ITB in Berlin tritt diese Idee nicht nur als touristische Botschaft auf, sondern auch als Teil einer wirtschaftlichen Strategie. Rund sechzig Partner aus der niederländischen Reisebranche präsentieren sich gemeinsam mit dem nationalen Tourismusbüro. Für Reiseveranstalter und Fachbesucher geht es dabei weniger um spektakuläre Einzelattraktionen als um neue Routen, kleinere Regionen und nachhaltige Angebote. Ein Presseabend auf der Havel, organisiert vom niederländischen Tourismusbüro, setzt diese Symbolik fort: Statt eines klassischen Empfangs an Land führt die Veranstaltung über das Wasser, jenes Element, das die niederländische Landschaft seit Jahrhunderten bestimmt.
Der Blick auf die kommenden Jahre zeigt zudem, dass kulturelle Ereignisse weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden. Amsterdam bereitet sich auf die Ausrichtung der WorldPride vor, eines der größten internationalen LGBTQ-Ereignisse. Gleichzeitig entstehen neue kulturelle Orte, etwa Museumsprojekte in Rotterdam oder Ausstellungen internationaler Künstler in den Museen des Landes. Diese Mischung aus Kultur, Natur und urbanem Leben bildet das Fundament der touristischen Erzählung, die die Niederlande derzeit entwickeln.
Am Ende ist die Botschaft, die von der ITB ausgeht, weniger laut als in vielen anderen Präsentationen. Sie setzt auf einen einfachen Gedanken: Wer langsamer reist, sieht mehr. In einer Zeit, in der Tourismus oft von Beschleunigung geprägt ist, wirkt diese Idee fast wie ein Gegenentwurf. Doch gerade darin könnte ihre Stärke liegen. Denn während die großen Städte Europas mit Overtourism ringen, versuchen die Niederlande, ihre Landschaft als Raum der Ruhe neu zu entdecken. Für Reisende bedeutet das eine Einladung, das Land nicht nur zu besuchen, sondern es tatsächlich zu erleben.
