Am 19. März versammelte eine Masterclass in Berlin eine Auswahl griechischer Weine, die exemplarisch zeigen, wie stark sich das Weinland in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt hat. Unter dem Titel „Griechenlands Weine zwischen Herkunft und Handschrift“ wurde weniger eine nationale Stilistik präsentiert als vielmehr ein Spannungsfeld aus autochthonen Rebsorten, unterschiedlichen Terroirs und individuellen Interpretationen der Winzer. Die Verkostung führte dabei durch zentrale weiße und rote Rebsorten Griechenlands und machte deutlich, dass sich das Land heute nicht mehr über einfache Zuschreibungen definieren lässt.
Auffällig ist zunächst die Dominanz autochthoner Sorten, allen voran Assyrtiko. Gleich mehrere Weine der Probe greifen diese Rebsorte auf, die ursprünglich von der Vulkaninsel Santorin stammt, heute jedoch auch auf dem Festland eigenständige Ausdrucksformen entwickelt. Der Areti White 2023 von Domaine Biblia Chora etwa verbindet die für Assyrtiko typische straffe Säure mit einem vergleichsweise hohen Alkoholgehalt von 14 Prozent und einer klar definierten Struktur. Mit 7,73 Gramm Säure pro Liter und sehr moderatem Restzucker wirkt der Wein präzise und spannungsvoll. Demgegenüber steht der Santorini Mikra Thira 2024, der mit geringerer Säure und etwas mehr Restzucker eine weichere, zugänglichere Stilistik zeigt. Hier wird der Einfluss des vulkanischen Bodens spürbar, der oft mit salzigen und mineralischen Noten einhergeht, ohne dass diese plakativ hervortreten müssen.
Neben Assyrtiko rückt die Rebsorte Malagousia in den Fokus, die lange Zeit nahezu verschwunden war und erst in den 1970er Jahren wiederentdeckt wurde. Die beiden vorgestellten Interpretationen – von Domaine Costa Lazaridi und Domaine Gerovassiliou – verdeutlichen, wie unterschiedlich sich diese aromatische Sorte ausprägen kann. Während der Lazaridi Malagouzia 2025 mit höherer Säure und moderatem Alkohol eine eher frische, fast nervöse Struktur besitzt, wirkt der Ktima Malagouzia 2025 von Gerovassiliou reifer, alkoholstärker und insgesamt runder. In beiden Fällen zeigt sich jedoch die charakteristische Aromatik der Sorte, die häufig florale und exotische Noten aufweist, ohne in Überreife abzudriften.
Mit dem Vidiano 2024 von Oenops Wines wird eine weitere, international noch wenig bekannte Rebsorte vorgestellt, die vor allem auf Kreta beheimatet ist. Vidiano gilt als vielversprechend, weil sie Struktur und Aromatik miteinander verbinden kann, ohne die Schwere mancher internationaler Weißweine anzunehmen. Der ebenfalls präsentierte Tear of Pine 2024 von Kechris Winery führt ein anderes, historisch geprägtes Stilmittel fort: die Harzgabe, bekannt aus dem Retsina. Hier wird sie kontrolliert eingesetzt, um dem Wein eine zusätzliche aromatische Dimension zu verleihen, ohne die Balance zu stören.
Im roten Segment verschiebt sich der Fokus auf Xinomavro, eine der anspruchsvollsten Rebsorten Griechenlands, die häufig mit Nebbiolo verglichen wird. Der Titos Goumenissa 2021 kombiniert Xinomavro mit der lokalen Sorte Negoska, was zu einer etwas weicheren Tanninstruktur führt. Der Ramnista 2021 von Kir-Yianni hingegen setzt vollständig auf Xinomavro und zeigt mit 15 Prozent Alkohol und moderater Säure eine kraftvolle, lagerfähige Interpretation. Beide Weine verdeutlichen das Spannungsfeld zwischen Tradition und moderner Vinifikation, in dem sich viele griechische Produzenten bewegen.
Den Abschluss bildet mit dem Mega Spileo Red 2017 ein Wein, der weniger bekannte rote Sorten wie Mavrodafne und Mavro Kalavritino vereint. Die Cuvée zeigt, dass Griechenlands Potenzial nicht allein in den international bekannteren Rebsorten liegt, sondern gerade in der Vielfalt regionaler Varianten. Mit reifer Struktur, moderatem Restzucker und ausgewogener Säure wirkt der Wein wie ein Bindeglied zwischen klassischer und zeitgenössischer Stilistik.
Die Berliner Masterclass macht damit vor allem eines deutlich: Griechenlands Weinbau hat sich von einem oft unterschätzten Randthema zu einem eigenständigen, differenzierten Akteur entwickelt. Entscheidend ist dabei nicht nur die Rückbesinnung auf autochthone Rebsorten, sondern deren präzise, technisch versierte Verarbeitung. Herkunft bleibt ein zentraler Bezugspunkt, doch erst durch die individuelle Handschrift der Winzer gewinnt sie Kontur. In dieser Verbindung liegt die eigentliche Dynamik eines Weinlandes, das seine Tradition nicht konserviert, sondern weiterentwickelt.
