Thomas Strittmatter Preis 2026 in der Landesvertretung Baden-Württemberg
Wenn sich während der Berlinale die Filmbranche in Berlin versammelt, ist die Landesvertretung Baden-Württemberg seit Jahren ein fester Ort im Kalender der Drehbuchszene. Hier wird der Thomas Strittmatter Preis vergeben, eine mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung für unverfilmte Drehbücher, gestiftet von der MFG Baden-Württemberg. Benannt ist er nach dem badischen Autor Thomas Strittmatter, der 1995 früh verstarb und dessen Werk für eine präzise, sozial wache Erzählhaltung steht.
In diesem Jahr gingen 60 anonymisierte Einreichungen ein, so viele wie nie zuvor. Die Rekordzahl verweist auf eine lebendige, zugleich unter Druck stehende Autorenschaft. Stoffentwicklung ist im deutschen Filmsystem ein riskantes Terrain, oft abhängig von Senderinteressen und Förderlogiken. Der Preis setzt bewusst früher an. Er würdigt das Drehbuch als eigenständige künstlerische Form und verschafft ihm öffentliche Aufmerksamkeit, bevor Produktionsrealitäten eingreifen.
Den Juryvorsitz übernahm erneut Laila Stieler, deren Arbeiten das deutsche Gegenwartskino geprägt haben. An ihrer Seite entschieden die Regisseurin und Autorin Güzin Kar sowie die Filmhistorikerin Anna Kokenge. Diese Verbindung aus Praxis und Reflexion steht exemplarisch für den Anspruch des Preises, ästhetische Qualität und gesellschaftliche Relevanz zusammenzudenken.
Nominiert waren drei sehr unterschiedliche Stoffe. „Hyperbaby“ von Romina Küper entwirft in Form einer Tragikomödie das Porträt einer jungen Frau, die unvermittelt Verantwortung für ein illegales Altersheim übernehmen muss. „Running High“ von Stefanie Fies verbindet Migrationsgeschichte mit Gesellschaftssatire und erzählt von einer afghanischen Marathonläuferin in einer artifiziellen Kriegslandschaft der USA. Und „Malibu“ von Duc-Thi Bui und Philipp Lutz führt in die Onkologie-Station eines Krankenhauses, wo zwei krebskranke Jugendliche eine intensive Freundschaft entwickeln, die an die Grenze zur ersten Liebe reicht.
Die Preisverleihung fand im Rahmen der Internationale Filmfestspiele Berlin statt. Überreicht wurde die Auszeichnung vom Staatssekretär für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, Arne Braun, gemeinsam mit MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen. Bereits die Nominierung war mit einer Prämie von 2.500 Euro verbunden.
Auffällig ist die thematische Spannweite der Auswahl. Alle drei Stoffe kreisen um existenzielle Grenzerfahrungen. Alter, Krankheit, Exil, Verantwortung. Das Private ist nie bloß privat, sondern stets eingebettet in gesellschaftliche Strukturen. Der Preis versteht sich damit auch als Seismograf gegenwärtiger Diskurse im deutschen Kino.
Der Preisträger: „Malibu“
Den Thomas Strittmatter Preis 2026 erhielt das Drehbuch „Malibu“ von Duc-Thi Bui und Philipp Lutz. Die Jury würdigte damit einen Stoff, der sich einer großen Versuchung entzieht: der Sentimentalisierung von Krankheit. „Malibu“ erzählt von Jonas und David, beide 17 Jahre alt, beide mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. In der Enge der Klinik entsteht eine Freundschaft, die Halt gibt und zugleich neue Verletzlichkeit freilegt.
Das Drehbuch konzentriert sich auf die Perspektive der Jugendlichen. Es beschreibt den Klinikalltag ohne Pathos, aber mit genauer Beobachtung. Die Krankheit ist Ausgangspunkt, nicht Thema im engeren Sinn. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Identität unter extremen Bedingungen formt. Wie viel Zukunft ist denkbar, wenn Prognosen unsicher sind. Und was bedeutet Nähe, wenn sie jederzeit durch Verlust bedroht ist.
Dass „Malibu“ ausgezeichnet wurde, lässt sich auch als kulturpolitisches Signal lesen. Das Projekt verbindet biografische und gesellschaftliche Dimensionen, ohne programmatisch zu wirken. Es ist ein Stoff über Freundschaft, Begehren und Angst, zugleich ein Text über Solidarität in einem hoch technisierten Gesundheitssystem. In einer Branche, die oft nach großen historischen Stoffen oder klaren Genreformaten sucht, setzt der Preis hier auf leise Intensität.
Mit der Entscheidung für „Malibu“ bekräftigt der Thomas Strittmatter Preis seinen Anspruch, literarisch anspruchsvolle, emotional komplexe Drehbücher in den Mittelpunkt zu rücken. Die Landesvertretung Baden-Württemberg wird damit erneut zu einem Ort, an dem nicht der rote Teppich zählt, sondern das geschriebene Wort.
