Am 7. Januar 2026 versammelten sich in der Akademie der Künste in Berlin führende politische Denker, Wissenschaftler und Entscheidungsträger zu einem Symposium unter dem Titel „Demokratie als Auftrag“. Anlass war der 70. Geburtstag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dessen langjähriges öffentliches Engagement für demokratische Werte wiederholt im Mittelpunkt der Debatten stand. Die Veranstaltung wurde von der Körber-Stiftung organisiert, die seit Jahren einen intensiven Dialog über die Herausforderungen demokratischer Gesellschaften fördert und dabei Fragen der politischen Stabilität, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der internationalen Ordnung in den Blick nimmt.
Die Hauptrede hielt Jens Stoltenberg, Finanzminister des Königreichs Norwegen und ehemaliger NATO-Generalsekretär. In einem vielbeachteten Beitrag zeichnete er die demokratischen Herausforderungen in einer Welt skizzierend nach, in der autoritäre Narrative erstarken und das Vertrauen in rechtsstaatliche Institutionen schwindet. Die Frage, wie Demokratien in solchen Kontexten gestärkt werden können, stand im Zentrum seiner Ausführungen. Seine Analyse knüpfte an breitere Debatten an, die europaweit geführt werden: Der Rückgang des Vertrauens in demokratische Prozesse, die Zunahme von Polarisierung und soziale Spaltung gelten als wesentliche Faktoren dafür, dass demokratische Stabilität in vielen Staaten heute fragiler erscheint. Die Herausforderungen reichen von der internationalen Sicherheit über wirtschaftliche Unsicherheiten bis hin zu Fragen des sozialen Zusammenhalts
Das Symposium war weniger eine Feier, als vielmehr ein analytischer Blick auf den Zustand demokratischer Systeme in Europa und darüber hinaus, eingebettet in einen Kontext zunehmender geopolitischer Spannungen und wachsender interner Polarisierung. Dabei spielte Steinmeiers eigenes Credo eine prägende Rolle: Demokratie müsse nicht nur verwaltet, sondern fortwährend verteidigt und erklärt werden, weil sie keine Selbstverständlichkeit sei. In seinen programmatischen Ausführungen warnte er eindringlich vor dem Zerfall der nachkriegszeitlichen internationalen Ordnung. Die Respektlosigkeit gegenüber dem Völkerrecht und die zunehmende Erosion multilateraler Strukturen seien nicht nur geopolitische Phänomene am Rande der Weltbühne, sondern wirkten sich fundamental auf die demokratische Stabilität aus. Er rief dazu auf, den „doppelten Epochenbruch“ – den Überfall Russlands auf die Ukraine und die Schwächung historischer Partnerschaften – nicht als unveränderlichen Zustand zu akzeptieren, sondern strategische Antworten zu entwickeln, auch in sicherheitspolitischer Hinsicht. Diese Analyse knüpft an breitere Debatten an, wonach Demokratien heute in einem „Stresstest“ stehen, sowohl durch äußere Belastungen autoritärer Regime als auch durch interne Krisen des Vertrauens und der Repräsentation. In seiner Festrede würdigte der frühere Nato-Generalsekretär und norwegische Finanzminister Jens Stoltenberg Steinmeier als eine „moralische Stimme Europas“, die wiederholt betone, dass der demokratische Staat vor erheblichen Herausforderungen stehe. Er hob hervor, dass Demokratien auf mehreren Ebenen gleichzeitig gefordert seien: von der äußeren Sicherheit über die Stärkung rechtsstaatlicher Institutionen bis hin zur Bewältigung gesellschaftlicher Spannungen im Innern. In diesem Kontext mahnte er, demokratische Systeme müssten in Resilienz investieren – etwa durch Bildung, unabhängige Medien und sozialen Zusammenhalt –, um dem Druck externer und interner Belastungen standzuhalten.
Besondere Aufmerksamkeit galt einer Podiumsdiskussion mit dem bulgarischen Politikwissenschaftler Ivan Krastev und dem deutschen Historiker Norbert Frei, moderiert von Nora Müller, Leiterin des Bereichs Internationale Politik bei der Körber-Stiftung. Krastev, bekannt für seine Arbeiten über demokratische Erosion und politische Fragmentierung, betonte, dass Krisen und Instabilitäten keine vorübergehenden Ausnahmen seien, sondern strukturelle Merkmale moderner Demokratien. Er argumentierte, dass die Vorstellung eines unumkehrbaren demokratischen Triumphs des Westens einer kritischen Neubewertung bedürfe und dass historische Perspektiven wesentlich seien, um aktuelle Herausforderungen zu verstehen und ihnen adäquat zu begegnen. Frei rückte in seinem Beitrag die historische Dimension demokratischer Entwicklung in Europa in den Mittelpunkt. Er zeigte, wie Erfahrungen mit autoritären Regimen, Kriegen und politischen Transformationen die kulturellen Grundlagen heutiger demokratischer Ordnungen geformt haben. Für ihn ist die historische Erinnerung nicht nur ein Lernfeld, sondern ein wesentlicher Bestandteil dessen, was demokratische Kultur ausmacht und sie gegen antidemokratische Tendenzen zu immunisieren vermag. Die Debatten zeichneten ein differenziertes Bild: Demokratie sei kein stabiler Endzustand, sondern ein dynamischer Prozess, der ständiger Reflexion und aktiver Auseinandersetzung bedarf – eine Aufgabe, die nicht allein politischen Eliten überlassen bleiben dürfe, sondern in der Öffentlichkeit verhandelt werden müsse.
Im Anschluss setzte eine international besetzte Podiumsdiskussion die thematischen Akzente. Unter dem Titel „Lernen wir aus der Geschichte? Internationale (Un-)Ordnung und Verantwortung für die Demokratie“ trafen Ivan Krastev, ein oft zitierter bulgarischer Politikwissenschaftler, und Norbert Frei, emeritierter Professor für neuere und neueste Geschichte, aufeinander. Krastev, Permanent Fellow des Institute for Human Sciences in Wien, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Grenze zwischen demokratischen und autoritären Systemen in jüngerer Zeit zunehmend verwischt sei. In zahlreichen Studien und öffentlichen Auftritten betont er, dass Demokratiekrisen nicht Ausnahmen, sondern strukturelle Merkmale moderner politischer Systeme sind, die etwa in Fragmentierung, Polarisierung und dem Gefühl von Unregierbarkeit zum Ausdruck kommen. Seine Perspektive verweist darauf, dass historische Ordnungsmuster für das Verständnis aktueller demokratischer Instabilitäten zentral sind: Die Annahme, der demokratische Triumph des Westens sei unumkehrbar, habe sich als falsch erwiesen, und der Blick in die Vergangenheit könne helfen, die Komplexität der Gegenwart zu erfassen.
Diese Perspektive reflektiert auch aktuelle empirische Befunde, wonach in vielen westlichen Gesellschaften das Vertrauen in demokratische Institutionen und ihre Fähigkeit, ökonomische und soziale Transformationsaufgaben zu bewältigen, nicht ungebrochen hoch ist. Zwischen den intellektuellen Beiträgen setzte musikalische Intermezzi akzentuierte Pausen, die das kulturelle Element demokratischer Debatten unterstrichen und daran erinnerten, dass politische Reflexion stets in einem breiteren gesellschaftlichen Feld stattfindet. Am Ende des Abends blieb der Eindruck, dass Demokratie als Auftrag zwar grundsätzlich anerkannt werde, ihre Umsetzung aber in einer globalisierten, komplexen Welt steten Herausforderungen gegenübersieht, die nur durch fortgesetzten Diskurs und gemeinsame Anstrengungen adressiert werden können.
