Als Berlin nach der Mauer die Nacht erfand
Tresor, E-Werk und die wilden Jahre der Nachwendezeit: „Tanzflächen der Wiedervereinigung“ öffnet im Kraftwerk Berlin vergessene Räume und erzählt die Geschichte einer Clubszene, die Berlin weltweit veränderte.
Berlin nach dem Mauerfall. Leere Gebäude, verlassene Keller, improvisierte Clubs und eine Generation, die plötzlich Räume vorfand, in denen fast alles möglich schien. Während sich die Stadt politisch und wirtschaftlich neu sortierte, entstand auf ihren Tanzflächen eine eigene Form der Wiedervereinigung. Techno wurde zum Sound einer neuen Zeit.
Genau dorthin führt die Ausstellung „Tanzflächen der Wiedervereinigung“, die vom 3. Oktober bis zum 9. November 2026 im Kraftwerk Berlin zu sehen ist. Zum Tag der Deutschen Einheit werden erstmals bisher nicht öffentlich zugängliche unterirdische Räume des Kraftwerks geöffnet. Mehr als 30 künstlerische und dokumentarische Beiträge erzählen von Club-, Sub- und Jugendkultur in Berlin und Ostdeutschland vor, während und nach der Wiedervereinigung.
Die Ausstellung blickt dabei bewusst hinter die bekannten Techno-Mythen. Fotografien, Filme, persönliche Erinnerungen, Stimmen und historische Archive zeigen, welche Szenen bereits vor 1989 existierten und was in den Freiräumen der Nachwendezeit entstand. Es geht auch um die Menschen, die diese neuen Freiheiten erlebten, aber ebenso um Ausschluss, Gewalt und Verlusterfahrungen.
Einer der zentralen Orte dieser Geschichte ist der Tresor. Anfang der 1990er Jahre wurde der Club in den ehemaligen Tresorräumen des Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße zu einem legendären Treffpunkt der internationalen Technoszene. Zwischen Beton, Stahl und den alten Schließfächern trafen Ost und West aufeinander. Die rohe Architektur wurde nicht versteckt, sondern zum Teil der Ästhetik.
Regina Baer, die den Club von 1991 bis 2005 als Managerin prägte, erinnerte sich später daran, wie stark die Geschichte des Ortes das Selbstverständnis des Tresor beeinflusste. Dort lagen für sie die Erinnerungen an die glanzvollen 1920er Jahre, die Geschichte des Wertheim-Kaufhauses, die DDR, den Mauerbau und schließlich die Öffnung der Grenze unmittelbar übereinander. Musik und Underground-Kultur seien zu einer gemeinsamen Sprache geworden.
Auch das E-Werk gehörte zu den Orten, an denen sich dieses neue Berlin formte. Von 1993 bis 1997 prägte der Club in der Wilhelmstraße nahe der ehemaligen Mauer die Berliner Technoszene. Das Projekt „E-Werk Berlin: An Interactive Archive of a Berlin Club“ rekonstruiert diese Geschichte anhand von Interviews, Ortsbegehungen und historischen Quellen. Grundlage sind unter anderem Zeitschriften und Fotografien aus dem Archiv der Jugendkulturen sowie Erinnerungen von Zeitzeugen.
Das E-Werk war dabei nicht einfach nur ein Ort zum Tanzen. Mit „Chromapark“ fand dort eine der frühen Ausstellungen statt, die Medienkunst und Technokultur miteinander verbanden. Genau solche Geschichten machen deutlich, dass die Berliner Clubkultur der 1990er Jahre weit über das Nachtleben hinausreichte.
Die Ausstellung nimmt deshalb auch andere Orte in den Blick. Von der Punk-Szene der DDR über Jugendclubs in Lugau bis nach Chemnitz, Jena, Dresden, Wismar und Apolda entsteht ein Panorama einer kulturellen Landschaft, die nach 1989 in Bewegung geriet. Ein Projekt beschäftigt sich mit Techno und den sozialen Folgen der Deindustrialisierung und Treuhandpolitik, andere Beiträge erzählen von Hausbesetzungen, selbstorganisierten Freiräumen und den unterschiedlichen Berliner Szenen.
Dabei wird die Geschichte der Berliner Clubkultur bewusst aus mehreren Perspektiven erzählt. Schwarze und afroamerikanische Wurzeln des Techno, queer-migrantische Communitys und die Berliner Hip-Hop-Szene gehören ebenso zur Ausstellung wie die bekannten Geschichten rund um Tresor und E-Werk.
Auch die Räume selbst erzählen Geschichte. Für die Ausstellung wurden die unterirdischen Gewölbe des Kraftwerks künstlerisch bespielt. Licht, Sound und Videomaterial verbinden sich mit der industriellen Architektur. Arbeiten von Lars Murasch, Cecilia Tosh und Jascha Müller-Guthof machen aus dem Keller nicht bloß einen Ausstellungsraum, sondern einen Teil der Erzählung.
Zur Eröffnung am 3. Oktober setzt Sophie Yukiko mit „RITUAL BPM“ einen künstlerischen Akzent im Tresor. Die Performance beschäftigt sich mit den Schwarzen und afroamerikanischen Ursprüngen des Techno. Anschließend widmet sich Alexander Schulze alias HGR mit seinem Vinyl-Set „HINTERGRUNDRAUSCHEN“ dem musikalischen Gedächtnis Berlins und den verschwundenen Räumen der Stadt.
„Tanzflächen der Wiedervereinigung“ erinnert damit an eine Phase, in der Berlin nicht nur politisch wieder zusammenwuchs, sondern auch kulturell neu erfunden wurde. Die alten Räume sind vielfach verschwunden. Manche Clubs existieren nicht mehr an ihren ursprünglichen Orten. Geblieben sind Musik, Bilder und Erinnerungen an eine Stadt, die ihre Freiheit damals nicht zuletzt nachts ausprobierte.
Die Ausstellung ist vom 3. Oktober bis 9. November 2026 im Source im Kraftwerk Berlin, Köpenicker Straße 70, zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos, ein registriertes Ticket ist wegen der begrenzten Kapazität erforderlich. Der öffentliche Besuch beginnt am 4. Oktober. Geöffnet ist von Mittwoch bis Sonntag, jeweils von 15 bis 21 Uhr.
