Hamburg-Party in Berlin: Tschentscher gibt den Hanseaten
Berlin feiert Hamburg. Und Hamburg lässt sich feiern. In der Landesvertretung an der Jägerstraße wurde am Dienstagabend aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Diplomatie eine ziemlich große hanseatische Gesellschaft. Rund 2500 Gäste waren angekündigt. Der rote Teppich wurdeausgerollt für reichlich Prominenz, Musik, gutes Essen und jede Menge Gelegenheit zum politischen Schnack. Gastgeber Peter Tschentscher erschien dabei ganz so, wie man ihn kennt: selbstbewusst, gelassen und mit jener trockenen Hamburger Art, die auch eine politische Botschaft als beiläufige Bemerkung verkaufen kann.
Der Erste Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher hatte an diesem Abend allerdings nicht nur gute Laune mitgebracht. Er hatte auch einen Wunsch an Berlin. Wenn die Hauptstadt etwas für Hamburg tun könne, dann bitte beim Hafen. Hamburg brauche Unterstützung, um seine Funktion für Deutschland und Europa erfüllen zu können. Das klingt sachlich, ist aber politisch durchaus eine Ansage. Denn der Hamburger Hafen ist für Dr. Peter Tschentscher längst mehr als eine Angelegenheit der Hansestadt. Er ist Teil der deutschen Infrastrukturpolitik.
Doch an diesem Abend sollte nicht nur über den Hafen, die Bundespolitik und die großen Probleme der Zeit gesprochen werden. Im Gegenteil. Staatsrätin Liv Assmann, Hamburgs Bevollmächtigte beim Bund, erklärte den Gästen kurzerhand, die Feier sei ein „Bootcamp in Smalltalk“. Wer immer nur mit Menschen aus dem eigenen politischen oder gesellschaftlichen Umfeld spreche, solle heute Abend einmal über den eigenen Schatten springen. Am besten mit jemandem schnacken, mit dem man sonst überhaupt nichts zu tun habe. Dazu gab es noch einen kleinen Crashkurs in „Ambiguitätstoleranz“, also darin, unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten.
Eine ziemlich zeitgemäße Ansage für einen Abend, an dem sich die Berliner Gesellschaft traditionell gern selbst begegnet. Und genau das macht den Reiz solcher Feste aus: Man trifft die alten Bekannten, entdeckt neue Gesichter und kann politische Kontakte pflegen, ohne dass gleich ein Mikrofon vor einem steht.
Dr. Peter Tschentscher selbst zeigte sich als routinierter Gastgeber. Das ganze Jahr über, sagte er, bestehe der politische Alltag aus Terminen, Tagesordnungen und Problemen. Heute dürfe man einmal entspannen. Wobei der Hamburger Bürgermeister natürlich nicht ganz ohne Seitenhieb auskam. Seit Sonntagabend gebe es ein neues dickes Problem, sagte er mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dann aber folgte seine eigentliche Botschaft: Man könne schließlich den ganzen Abend über Probleme reden. Besser sei es, über Lösungen zu sprechen.
Das ist Dr. Peter Tschentscher politischer Stil. Wenig Pathos, keine großen Gesten, dafür eine gehörige Portion norddeutsches Selbstbewusstsein. Fast wirkt er dabei wie aus einer anderen politischen Zeit. Man denkt unweigerlich an Helmut Schmidt, den großen Hamburger Bundeskanzler, der ebenfalls nicht gerade für übermäßige Begeisterung an politischen Sonntagsreden bekannt war. Dr. Peter Tschentscher ist natürlich nicht Schmidt. Aber die hanseatische Grundhaltung ist ähnlich: erst die Sache, dann die Aufregung.
Und Hamburg hat an diesem Abend einiges zu zeigen. Wissenschaftler treffen Unternehmer, Politiker begegnen Kulturschaffenden, Diplomaten mischen sich unter Vertreter der Berliner Stadtgesellschaft. Dazu Musik. Ein Chor, der schon mehrfach auf der Bühne der Landesvertretung stand, eröffnet das Programm. Fünf Bands sollen für Stimmung sorgen. Aus dem politischen Empfang wird eine lange Nacht.
Auch die Zahl der Unterstützer ist bemerkenswert. Rund 140 Sponsoren beteiligten sich nach Angaben der Gastgeber an der Veranstaltung. Für eine Landesvertretung ist das nicht nur organisatorische Hilfe. Es zeigt auch, wie sehr solche Abende inzwischen zum politischen Netzwerk der Hauptstadt gehören. Wer hier auftaucht, kommt selten nur wegen des Buffets.
Dr. Peter Tschentscher jedenfalls genießt den Abend sichtbar. Er begrüßt Gäste, spricht über Hamburg und Berlin und betont immer wieder, wie wichtig die persönlichen Begegnungen seien. Die formellen Gespräche, sagt er, seien wichtig. Aber manchmal werde eben jenseits der offiziellen Kanäle gesprochen. Dort, wo man sich wiedersieht, neue Kontakte knüpft und vielleicht auf eine Idee kommt, die am nächsten Morgen wieder ganz offiziell auf einem Schreibtisch liegt.
Am Ende wird es fast philosophisch. Tschentscher greift eine niederdeutsche Redewendung auf: „Holt ju munter.“ Bleibt munter. Bleibt aktiv. Bleibt zuversichtlich. Für einen Abend in Berlin, an dem sich Politik sonst gerne mit Krisen beschäftigt, ist das vielleicht die passendste Botschaft.
Hamburg jedenfalls hat an diesem Abend bewiesen, dass man politische Interessen und gute Laune durchaus miteinander verbinden kann. Der Hafen bleibt Thema. Die Bundespolitik ebenfalls. Aber für ein paar Stunden gilt in der Jägerstraße eine andere hanseatische Regel: Erst einmal zusammensetzen, schnacken und schauen, was daraus wird.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke dieser Hamburg-Party. Nicht die große politische Rede, sondern die Mischung aus Macht, Prominenz, Musik und Begegnung. Berlin schaut auf Hamburg. Hamburg schaut selbstbewusst zurück.
