Leichtathletik Berlin 30.08.2026 ISTAF Foto: Tilo Wiedensohler/camera4
ISTAF in Berlin: Ein Leichtathletik-Nachmittag zwischen Weltklasse und Olympiafrage
Das Berliner Olympiastadion hat am Sonntag noch einmal gezeigt, weshalb das ISTAF zu den bedeutendsten Leichtathletik-Meetings Europas gehört. Rund 41.000 Zuschauer kamen zum Internationalen Stadionfest, das zwei Wochen nach den Europameisterschaften in Birmingham für viele deutsche Athleten zum ersten großen Auftritt vor heimischem Publikum wurde. Die Ergebnisse waren entsprechend vielschichtig: Es gab deutsche Heimsiege, internationale Spitzenleistungen und einen Meetingrekord, der mehr als vier Jahrzehnte Bestand gehabt hatte. Zugleich wurde das Stadion zur Bühne für eine Debatte, die über den Sport hinausweist: Berlin wirbt um die Austragung Olympischer und Paralympischer Spiele.
Im Mittelpunkt stand Leo Neugebauer. Der Europameister im Zehnkampf gewann den ungewöhnlichen ISTAF-Dreikampf aus 100 Metern, Diskuswurf und 1500 Metern mit 1931 Punkten. Die Konstruktion des Wettbewerbs folgt der Gundersen-Methode: Die Abstände nach den ersten beiden Disziplinen werden in Zeitabstände für den abschließenden Lauf umgerechnet, sodass der Erste im Ziel zugleich der Gesamtsieger ist. Neugebauer hatte sich bereits über 100 Meter eine gute Ausgangsposition geschaffen, ehe der Diskuswurf zum Nervenspiel wurde. Nach zwei ungültigen Versuchen musste der dritte Versuch gültig sein. 58,54 Meter brachten ihm schließlich 1050 Punkte und einen erheblichen Vorsprung. Am Ende verteidigte er den Titel vor Amadeus Gräber und Niklas Kaul. Die offiziellen Resultate bestätigen dabei nicht nur den Sieg, sondern auch die ungewöhnliche Dramaturgie dieses Wettbewerbs.
Für Julian Weber war Berlin ebenfalls ein vertrautes Terrain. Der Speerwerfer gewann das ISTAF zum fünften Mal hintereinander und entschied den Wettkampf mit 89,54 Metern erst im letzten Versuch. Damit blieb er zwar unter seinem deutschen Rekord, setzte sich aber deutlich gegen Anderson Peters aus Grenada und den US-Amerikaner Marc Anthony Minichello durch. Weber hatte bereits bei der Europameisterschaft in Birmingham mit 90,40 Metern für Aufsehen gesorgt.
Einen besonders emotionalen Moment erlebte Emil Agyekum. Der gebürtige Berliner und frischgebackene Vizeeuropameister über 400 Meter Hürden gewann vor heimischem Publikum in 48,18 Sekunden. Sein Trainingspartner Owe Fischer-Breiholz machte mit 49,03 Sekunden den deutschen Doppelsieg perfekt. Für Agyekum war es zugleich der erste ISTAF-Auftritt. Zwei Wochen zuvor hatte er in Birmingham nur dem norwegischen Olympiasieger Karsten Warholm den Vortritt lassen müssen.
Auch Gesa Krause nutzte das Berliner Meeting für einen bemerkenswerten Saisonabschluss. Die Europameisterin über 3000 Meter Hindernis trat diesmal über die deutlich kürzere Distanz von 2000 Metern Hindernis an und gewann in 5:56,79 Minuten. Nach Angaben der aktuellen Ergebnisberichterstattung war dies die Weltjahresbestleistung über diese selten gelaufene Strecke. Zweite wurde ihre deutsche Teamkollegin Olivia Gürth in 6:02,65 Minuten.
Die spektakulärste Einzelweite des Tages gelang allerdings Chase Jackson. Die US-Amerikanerin stieß die vier Kilogramm schwere Kugel bereits im ersten Versuch auf 21,02 Meter. Damit verbesserte sie ihren eigenen US-Rekord um sieben Zentimeter und löschte zugleich den 42 Jahre alten ISTAF-Rekord der Tschechin Helena Fibingerová aus den Statistiken. Fibingerová hatte 1984 in Berlin 20,98 Meter erzielt. Sarah Mitton aus Kanada wurde mit 20,10 Metern Zweite, Olympiasiegerin Yemisi Mabry aus Mannheim kam mit 19,73 Metern auf Rang drei.
Im Diskuswurf setzte sich die zweimalige Olympiasiegerin Valarie Sion aus den USA mit 67,89 Metern durch. Überraschend stark präsentierte sich Leia Braunagel, die mit 64,60 Metern Zweite und damit beste Deutsche wurde. Europameisterschafts-Vize Shanice Craft kam mit 61,61 Metern auf Rang drei. Auf der Sprintgeraden gewann anschließend der Jamaikaner Kadrian Goldson die 100 Meter in 9,98 Sekunden. Der schnellste Deutsche war Lucas Ansah-Peprah als Vierter in 10,23 Sekunden. Bei den Frauen musste sich Gina Lückenkemper, die wie Agyekum zu den Berliner Publikumslieblingen gehört, in 11,22 Sekunden nur Sabrina Dockery aus Jamaika geschlagen geben. Die offiziellen Resultate weisen für Goldson eine windstille Zeit von 9,98 Sekunden aus.
Auch die Mittelstrecke bot einen internationalen Vergleich auf hohem Niveau. Der Australier Cameron Myers gewann die 1500 Meter in 3:30,96 Minuten vor Robert Farken, der nach 3:31,73 Minuten ins Ziel kam. Im Stabhochsprung setzte sich Ernest John Obiena von den Philippinen mit 5,82 Metern durch. Den Weitsprung der Frauen gewann Tyra Gittens aus Trinidad und Tobago mit 6,79 Metern. Eine besondere Rolle spielte zudem die Para-Leichtathletik. Niko Kappel gewann das Kugelstoßen der Klasse F41 mit 14,06 Metern, Felix Streng setzte sich über 100 Meter in 10,85 Sekunden durch. Die Einbindung dieser Wettbewerbe gehört inzwischen zur Entwicklung des ISTAF und gewinnt angesichts der engen Verbindung zwischen Olympischem und Paralympischem Sport zusätzlich an Bedeutung.
Das Meeting war zugleich eine Fortsetzung der deutschen Leichtathletik-Euphorie nach Birmingham. Deutschland hatte dort mit 21 Medaillen die erfolgreichste Europameisterschaft seit 1998 erlebt. In Berlin trafen viele der Medaillengewinner nun auf internationale Konkurrenz und auf ein Publikum, das den Erfolg der vergangenen Wochen sichtbar mittrug. Die hohe Zuschauerzahl ist dabei nicht nur eine statistische Randnotiz. Das ISTAF gehört zu den traditionsreichsten deutschen Leichtathletikveranstaltungen und wird seit Jahrzehnten im Berliner Olympiastadion ausgetragen. Die Stadt selbst bezeichnet das Meeting als eines der größten eintägigen Leichtathletikmeetings der Welt.
Am Ende bekam der Nachmittag allerdings noch eine zweite politische Ebene. Zehn Berliner Olympiasieger und Paralympicsieger wurden auf dem Rasen geehrt und warben für Berlins Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Der Deutsche Olympische Sportbund will in wenigen Wochen entscheiden, mit welchem deutschen Bewerber Deutschland in den internationalen Auswahlprozess für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 gehen soll. Neben Berlin bewerben sich weitere deutsche Städte und Regionen. Das ISTAF lieferte dabei ein Argument, das sich schwer allein in Konzeptpapieren abbilden lässt: die Fähigkeit, ein großes internationales Sportereignis vor einer großen Kulisse stattfinden zu lassen. Regierender Bürgermeister Kai Wegner nutzte den Nachmittag entsprechend für ein Plädoyer zugunsten Berlins.
Ob ein gut gefülltes Olympiastadion tatsächlich für die olympische Tauglichkeit einer Stadt spricht, ist freilich eine andere Frage. Olympische Spiele verlangen weit mehr als ein leistungsfähiges Leichtathletikstadion und ein begeisterungsfähiges Publikum. Verkehr, Finanzierung, Nachhaltigkeit, bestehende Sportstätten, Sicherheitskonzepte und die langfristige Nutzung der Anlagen gehören zu den entscheidenden Kriterien. Das ISTAF kann darüber keine Antwort geben. Es kann aber zeigen, dass Berlin eine Sportkultur besitzt, die internationale Spitzenathleten anzieht und große Veranstaltungen vor einem erheblichen Publikum trägt.
So blieb vom ISTAF 2026 mehr als eine Reihe guter Ergebnisse. Neugebauers Sieg im Dreikampf, Webers fünfter Erfolg in Serie, Agyekums Heimsieg und Krauses Weltjahresbestleistung erzählten von einer deutschen Leichtathletik, die nach Birmingham ihre Form konserviert hat. Jacksons 21,02 Meter erinnerten zugleich daran, dass die internationale Konkurrenz nicht auf den deutschen Erfolg Rücksicht nimmt. Und die 41.000 Menschen im Olympiastadion machten aus einem Meeting am Ende doch wieder das, was das ISTAF seit Jahrzehnten sein will: einen Ort, an dem sich sportliche Leistung und die öffentliche Bedeutung des Sports für einige Stunden unmittelbar begegnen. Die offiziellen Ergebnisse des ISTAF 2026 sind vom Deutschen Leichtathletik-Verband dokumentiert.
