Die Eröffnung der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung 2026 in Berlin stand im Zeichen eines politischen Kurswechsels. Bundeskanzler Friedrich Merz nutzte die Leitmesse der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie nicht nur zur Vorstellung der neuen Luftfahrtstrategie der Bundesregierung. Seine Rede machte deutlich, dass die Branche aus Sicht der Regierung weit mehr ist als ein Wirtschaftszweig. Sie soll künftig zugleich Innovationsmotor, Garant technologischer Souveränität und tragende Säule der europäischen Sicherheitsarchitektur sein.
Vor mehr als 750 Ausstellern aus 37 Ländern auf dem Gelände des Flughafens Flughafen Berlin Brandenburg skizzierte Merz eine Strategie, die die bisherige Luftfahrtpolitik grundlegend erweitert. Während frühere Konzepte vor allem auf die zivile Luftfahrt fokussiert waren, verknüpft die neue Luftfahrtstrategie erstmals Luftverkehr, Luftfahrtindustrie, Raumfahrt und militärische Luftfahrt zu einem gemeinsamen industriepolitischen Ansatz. Ziel sei es, Deutschland und Europa langfristig als führende Luftfahrtnationen zu behaupten.
Der Kanzler stellte die wirtschaftliche Bedeutung der Branche in den Mittelpunkt. Trotz der insgesamt schwachen Konjunktur habe die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie im vergangenen Jahr Rekordumsätze erzielt und mit rund 130.000 Beschäftigten einen historischen Höchststand erreicht. Für die Bundesregierung ist dies ein Beleg dafür, dass die Branche zu den wenigen Industriezweigen gehört, die von globalen Wachstumstrends profitieren. Angesichts einer weltweit steigenden Nachfrage nach Flugreisen und eines prognostizierten Bedarfs von mehr als 40.000 neuen Verkehrsflugzeugen bis 2050 sieht Berlin erhebliche Marktchancen für europäische Hersteller.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Merz dem europäischen Flugzeugbauer Airbus. Vor dem Hintergrund des ausgestellten A320neo bekannte sich die Bundesregierung ausdrücklich zur weiteren Stärkung des europäischen Luftfahrtkonzerns. Der Kanzler sprach sich dafür aus, die nächste Generation von Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen mit zentraler Programmverantwortung in Deutschland zu entwickeln und zu produzieren. Damit verband er industriepolitische Interessen mit dem Anspruch, Europas technologische Eigenständigkeit gegenüber den Wettbewerbern aus den USA und Asien auszubauen.
Neben der Wettbewerbsfähigkeit nimmt die Strategie auch die ökologische Transformation der Luftfahrt in den Blick. Digitalisierung, emissionsärmere Antriebssysteme, nachhaltige Kraftstoffe sowie Wasserstoff- und Elektroantriebe sollen zentrale Innovationsfelder bleiben. Gleichzeitig setzt die Bundesregierung auf finanzielle Entlastungen für die Luftverkehrswirtschaft. Dazu gehören die Abschaffung der E-Kerosin-Quote, niedrigere Flugsicherungsgebühren, die Rücknahme früherer Steuererhöhungen sowie die Übernahme von Flugsicherungskosten für Regionalflughäfen. Insgesamt soll die Branche dadurch um rund 500 Millionen Euro entlastet werden.
Den größten Raum nahm jedoch die sicherheits- und verteidigungspolitische Dimension ein. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und einer zunehmend angespannten internationalen Sicherheitslage bezeichnete Merz die Luft- und Raumfahrtindustrie als strategische Schlüsselbranche für Europas Verteidigungsfähigkeit. Besonders bemerkenswert war seine Ankündigung zum deutsch-französischen Kampfflugzeugprojekt FCAS. Nach monatelangen Auseinandersetzungen zwischen den beteiligten Unternehmen hätten sich Berlin und Paris darauf verständigt, die Entwicklung eines gemeinsamen Kampfflugzeugs nicht weiterzuverfolgen. Stattdessen soll der Schwerpunkt künftig auf einem vernetzten „System of Systems“ liegen, das Kampfflugzeuge, Sensoren, Drohnen und digitale Führungsstrukturen über eine sogenannte Combat Cloud miteinander verbindet.
Damit zeichnet sich ein Paradigmenwechsel in der europäischen Verteidigungsindustrie ab. Nicht mehr einzelne Plattformen, sondern die digitale Vernetzung unterschiedlicher Systeme soll künftig den militärischen Mehrwert schaffen. Die konkrete Ausgestaltung wollen die Verteidigungsminister Deutschlands und Frankreichs bis zum gemeinsamen Regierungstreffen im Juli erarbeiten.
Auch die Raumfahrt erhielt in der Rede einen prominenten Platz. Merz verwies auf Investitionen von insgesamt 35 Milliarden Euro in eine deutsche Verteidigungsarchitektur im All. Satellitenkommunikation, Aufklärungssysteme und europäische Trägerraketen gelten inzwischen als strategische Infrastruktur. Die Bundesregierung setzt dabei auf private Raumfahrtunternehmen ebenso wie auf europäische Kooperationen im Rahmen der European Space Agency. Der Kanzler hob insbesondere die Dynamik der jungen deutschen Raumfahrtindustrie hervor und verwies auf die wachsenden Chancen für europäische Startdienstleister.
Die ILA 2026 wird damit mehr denn je zu einem Spiegelbild der politischen und wirtschaftlichen Prioritäten Europas. Was einst vor allem eine Leistungsschau neuer Flugzeuge war, entwickelt sich zunehmend zu einem Forum für Fragen der technologischen Souveränität, industriellen Wettbewerbsfähigkeit und militärischen Sicherheit. Friedrich Merz nutzte die Messe, um genau diese Verbindung herauszustellen. Seine Botschaft lautete, dass die Zukunft der Luft- und Raumfahrt nicht allein über Innovation und Wachstum entschieden wird, sondern ebenso über Europas Fähigkeit, technologische Schlüsselkompetenzen selbst zu beherrschen und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Die neue Luftfahrtstrategie versteht sich damit weniger als Branchenprogramm denn als Teil einer umfassenderen industrie- und sicherheitspolitischen Neuorientierung Deutschlands und Europas.