Wintergarten Berlin: Wenn die Disco zur Akrobatikbühne wird
Im Wintergarten Varieté Berlin beginnt die Disco nicht erst mit dem ersten großen Hit. Sie steckt bereits in der Atmosphäre des Saals, im Glitzern der Kostüme, im Licht und vor allem in der Haltung der Künstler. Mit „DISCO – Acrobatics * Dinner * Dance“ verbindet das Haus Tanz, Live-Musik, Gesang, Comedy und internationale Artistik zu einem Abend, der deutlich mehr sein will als eine nostalgische Reise in die 70er-, 80er- und 90er-Jahre. Die offizielle Premiere findet am 10. September 2026 statt, gespielt wird bis zum 14. Februar 2027. Die rund 140-minütige Show wird von Rodrigue Funke und Rachel Dowse inszeniert.
Besonders überzeugend ist dabei die internationale Zusammensetzung des Ensembles. 22 Akrobaten aus 13 Ländern bringen sehr unterschiedliche artistische Traditionen und Bühnenerfahrungen zusammen. Australien, Brasilien, Italien, Russland, die Ukraine, Äthiopien, Tschechien und weitere Länder treffen unter der Discokugel aufeinander. Das wirkt nicht wie ein dekoratives Etikett, sondern prägt tatsächlich den Charakter des Abends. Die Künstler wechseln zwischen Tanz, Luftakrobatik, Jonglage, Rollschuhartistik, Hand-auf-Hand-Akrobatik und Kontorsion. Gerade diese Mischung verhindert, dass die Show in einer einzigen ästhetischen Idee stecken bleibt.
Einer der eindrucksvollsten Momente gehört Natnael Tamene aus Äthiopien. Auf einer sechs Meter hohen Leiter entwickelt seine Darbietung eine Spannung, die mit zunehmender Höhe beinahe körperlich spürbar wird. Die Leiter wird zum artistischen Partner, jede Bewegung muss sitzen. Zwischen scheinbarer Lässigkeit und höchster Konzentration entsteht genau jene Form von Varieté, die den Zuschauer für einige Minuten vergessen lässt, dass hinter solchen Kunststücken jahrelanges Training und ein erhebliches Verletzungsrisiko stehen. Für mich war diese Leiter-Nummer einer der stärksten Momente des Abends.
Doch „DISCO“ nimmt sich selbst nicht zu ernst. Das ist eine ihrer Stärken. Mario Berousek, der aus einer tschechischen Zirkusdynastie stammt und als Jongleur international aufgetreten ist, erscheint zunächst als eine Art Türsteher und taucht im Verlauf der Show immer wieder auf. Aus der Nebenfigur wird schließlich ein Artist, der mit seinen Jonglagekünsten deutlich macht, dass der vermeintliche Sicherheitsmann einiges mehr beherrscht als den Einlass. Solche kleinen komischen Brechungen geben dem Abend Leichtigkeit und verhindern, dass die Aneinanderreihung von Höchstleistungen ermüdend wirkt.
Auch musikalisch setzt der Wintergarten nicht ausschließlich auf Musik vom Band. Zwei Musiker begleiten das Geschehen live und geben der Show eine zusätzliche Dimension. Saxophon, Gitarre und weitere Live-Elemente verbinden sich mit den bekannten Disco- und Dance-Klängen. Florent Mannant übernimmt die musikalische Leitung, unterstützt von Musikern wie Nico Lengauer und Alea Garinder. Dazu kommt Live-Gesang auf der Bühne. Gerade diese unmittelbare Verbindung von Musikern, Sängern, Tänzern und Artisten macht einen Unterschied. Die Musik wird nicht bloß zum Soundtrack der Akrobatik, sondern zu einem Teil der Inszenierung.
Überhaupt lebt „DISCO“ von der Kombination verschiedener Bühnensprachen. Rollschuhartistik trifft auf Luftakrobatik, Jonglage auf Tanz, Gesang auf körperliche Höchstleistung. Das Duo Sky Skaters verbindet Rollschuhtanz mit Luftakrobatik, Darina Toropova arbeitet am dreifachen Luftring, Oleksii und Zlata zeigen Hand-auf-Hand-Akrobatik, während die Disco Dancers Elemente aus Voguing, Rollschuhtanz und Commercial Dance aufnehmen. Es ist ein Programm, das bewusst auf Abwechslung setzt und den klassischen Varietégedanken mit der Popästhetik der Disco verbindet.
Dabei hilft dem Abend auch der Ort selbst. Der heutige Wintergarten an der Potsdamer Straße wurde 1992 neu eröffnet und versteht sich als Hommage an das historische Wintergarten-Varieté. Die Geschichte des Namens reicht allerdings wesentlich weiter zurück: Bereits im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich der Wintergarten zu einem bedeutenden Berliner Varietétheater, in dem Akrobaten, Zauberkünstler und später internationale Stars auftraten. 1895 zeigten die Brüder Skladanowsky dort ihre frühen Filmvorführungen.
Diese Geschichte ist im heutigen Saal weiterhin spürbar. Dunkler Samt, Holz, Spiegel und der berühmte Sternenhimmel bilden einen Rahmen, in dem die glitzernde Disco-Welt überraschend selbstverständlich wirkt. Die Show muss deshalb nicht versuchen, aus dem Wintergarten einen Club zu machen. Sie nutzt vielmehr das vorhandene Varieté-Ambiente und setzt ihm eine andere musikalische und visuelle Zeit entgegen.
Das Ergebnis ist ein Abend, der vor allem von seinem Ensemble lebt. Die stärksten Momente entstehen dort, wo Artistik, Musik und Humor unmittelbar ineinandergreifen. Die Leiter in sechs Metern Höhe, die überraschende Jonglage des „Türstehers“, die Live-Musiker im Hintergrund und der Gesang auf der Bühne bleiben stärker im Gedächtnis als jede noch so aufwendig eingesetzte Discokugel. Genau darin liegt die Qualität des Programms: „DISCO“ versucht nicht, Varieté durch möglichst viel Effekt zu ersetzen. Die Show erinnert daran, dass gute Unterhaltung letztlich von Menschen getragen wird, die etwas können, und von einem Publikum, das ihnen dabei gerne zusieht.
Der Wintergarten bleibt damit seinem Grundprinzip treu: Akrobatik, Musik, Tanz und Gastronomie gehören zu einem gemeinsamen Theatererlebnis. Auch „DISCO“ wird als klassisches Verzehrtheater mit Show und Dinner angeboten. Nur ist die Nacht diesmal weniger vom Geist der Goldenen Zwanziger geprägt als vom Glitzern der Discokugel. Und wenn am Ende der Beat stimmt, die Musiker live spielen und ein Jongleur, der zuvor noch den Türsteher gegeben hat, plötzlich die Keulen durch die Luft fliegen lässt, ist die Grenze zwischen Varieté und Tanzfläche ohnehin längst aufgehoben.
