Berlin, Hotel Palace, 30.09.2026: Handelsblatt Jahrestagung "Gas 2026" (https://live.handelsblatt.com/event/jahrestagung-gas/). Auf dem Podium von links: Klaus Stratmann, Chefkorrespondent für Klima und Energie – Handelsblatt; Dr. Friedbert Pflüger, Gründer und Geschäftsführer – Clean Energy Forum; Stephan Haupt, Geschäftsführer – VNG Handel & Vertrieb GmbH; Dr. Heiko Lohmann, freier Journalist – Berlin. Foto: Dietmar Gust, www.gustfoto.com - Euroforum / Handelsblatt Media Group
Gas, Geopolitik und die neue Abhängigkeit: Berlin diskutiert Europas Energiezukunft
Die Gasfrage ist zurück im Zentrum der deutschen Energiepolitik. Nicht mehr nur als Frage von Speichern und Versorgungssicherheit, sondern als geopolitisches Thema. Auf der Handelsblatt Jahrestagung Gas 2026 im Berliner Hotel Palace diskutiert die Branche über neue Kraftwerke, LNG, internationale Lieferbeziehungen und die schwierige Suche nach einem Weg zwischen Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung. Bereits die ersten Beiträge machten deutlich, wie grundlegend sich der europäische Gasmarkt verändert hat.
Den Auftakt machte Anne-Sophie Corbeau, Global Research Scholar am Center on Global Energy Policy der Columbia University. Ihr Blick richtete sich nicht auf Deutschland allein, sondern auf den weltweiten Gasmarkt. Ihre zentrale Frage lautete, ob der Markt vor einer Phase eines größeren Überangebots steht oder ob die Versorgung angesichts geopolitischer Risiken angespannt bleibt.
Corbeau verwies dabei auf die wachsende Konkurrenz um LNG zwischen Europa und Asien. Neue Exportkapazitäten, insbesondere in Nordamerika, könnten das weltweite Angebot in den kommenden Jahren deutlich erhöhen. Gleichzeitig bleibt der Markt empfindlich gegenüber politischen Krisen, Produktionsausfällen und Veränderungen der Nachfrage. Gerade Asien ist für flexible LNG-Lieferungen ein wichtiger Wettbewerber Europas.
Damit verändert sich auch die europäische Ausgangslage. Deutschland hat die frühere Abhängigkeit von russischem Pipelinegas weitgehend beendet, ist dafür aber stärker auf den globalen LNG-Markt angewiesen. Gas wird damit zu einer Ware, deren Verfügbarkeit und Preis nicht mehr allein innerhalb Europas bestimmt werden. Die internationale Nachfrage entscheidet mit darüber, wohin Tanker fahren und welche Preise europäische Abnehmer zahlen müssen.
Corbeaus Analyse machte zugleich deutlich, warum die Entwicklung neuer LNG-Kapazitäten allein keine Garantie für dauerhaft günstiges Gas ist. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Gas theoretisch produziert werden kann. Entscheidend ist, wann neue Anlagen tatsächlich in Betrieb gehen, wie schnell sie ihre Kapazitäten hochfahren und welche Regionen gleichzeitig Nachfrage entwickeln. Die Internationale Energieagentur beschreibt ebenfalls einen zunehmend globalisierten LNG-Markt, in dem Europa und Asien um flexible Lieferungen konkurrieren.
Der zweite Akzent des Vormittags kam von Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Er betrachtete die Gasfrage aus der Perspektive der deutschen Klimapolitik. Seine Botschaft war weniger ein Abschied vom Gas über Nacht als eine Beschreibung des Übergangs.
Gas könne in bestimmten Bereichen weiterhin eine Funktion erfüllen, insbesondere dort, wo kurzfristig keine ausreichenden Alternativen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig müsse der Verbrauch fossiler Energieträger langfristig sinken. Für den Stromsektor bedeutet das nach Flasbarths Darstellung eine Kombination verschiedener Technologien: erneuerbare Energien, Speicher, flexible Nachfrage, Wasserstoff und steuerbare Kraftwerke.
Gerade die zunehmende Abhängigkeit des Stromsystems von wetterabhängiger Erzeugung verändert dabei die Rolle von Gaskraftwerken. Wenn Wind und Sonne nicht genügend Strom liefern, braucht das System flexible Kapazitäten. Die politische Herausforderung besteht darin, diese Absicherung bereitzustellen, ohne damit eine neue langfristige Abhängigkeit von fossilem Erdgas zu zementieren.
Flasbarth verwies zudem auf die Bedeutung der Infrastruktur. Stromnetze müssten schneller ausgebaut werden, Wasserstoff müsse hochlaufen und auch für CO₂-Transport und Speicherung seien entsprechende Rahmenbedingungen notwendig. Elektrifizierung, Wasserstoff und CO₂-Abscheidung seien dabei keine konkurrierenden Einzelstrategien, sondern könnten je nach Anwendung zusammenwirken.
Besonders schwierig wird diese Transformation in der Industrie. Während bestimmte Anwendungen elektrifiziert werden können, benötigen andere industrielle Prozesse weiterhin Moleküle. Wasserstoff und erneuerbare Gase können hier eine Rolle übernehmen. Gleichzeitig entscheidet am Ende der Preis darüber, ob Unternehmen ihre Produktion in Deutschland halten oder Investitionen an andere Standorte verlagern.
Nach Corbeaus globalem Blick und Flasbarths klimapolitischer Perspektive folgte mit Friedbert Pflüger, Gründer und Geschäftsführer des Clean Energy Forum, die politische Einordnung. In der Diskussion über Deutschlands Rolle im globalen Gasmarkt ging es insbesondere um die neue Abhängigkeit von amerikanischem LNG.
Pflüger stellte die Frage, wie verlässlich die Vereinigten Staaten als langfristiger Energiepartner Europas sind. Die USA sind inzwischen einer der wichtigsten LNG-Lieferanten für Europa. Zugleich ist Energiepolitik in Washington zunehmend Teil einer umfassenderen geopolitischen Strategie. Für Europa stellt sich damit die Frage, wie eine neue einseitige Abhängigkeit verhindert werden kann.
Die Konsequenz kann nach der Diskussion nicht darin bestehen, lediglich einen Lieferanten gegen einen anderen auszutauschen. Europa braucht vielmehr eine möglichst breite Palette an Bezugsquellen. LNG aus den USA, Norwegen, Katar und anderen Produzenten kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie heimische Produktion, erneuerbare Gase und langfristig Wasserstoff.
Damit verändert sich auch die Rolle des Staates. Die Diskussion in Berlin zeigte, dass Energieversorgung heute nicht mehr ausschließlich als Frage des freien Handels betrachtet werden kann. Langfristige Lieferverträge, strategische Partnerschaften und staatliche Energiepolitik greifen stärker ineinander. Die Bundesregierung muss dabei zwischen Versorgungssicherheit, wirtschaftlichen Interessen und den langfristigen Klimazielen abwägen.
Wie schwierig dieser Balanceakt ist, zeigt die aktuelle Situation der deutschen Gasspeicher. Die Veranstalter weisen darauf hin, dass die Speicherstände Anfang 2026 einen historischen Tiefstand erreicht hatten und geopolitische Konflikte den Gaspreis wieder deutlich unter Druck setzen können. Gleichzeitig verfolgt die Europäische Union das Ziel, sich endgültig von russischem Erdgas zu lösen, ohne eine neue übermäßige Abhängigkeit von den USA entstehen zu lassen.
Genau deshalb ist die Diskussion über neue Gaskraftwerke mehr als eine technische Debatte. Sie berührt die Frage, wie Deutschland sein Stromsystem absichert, wenn Kohle weiter zurückgedrängt wird und erneuerbare Energien nicht jederzeit verfügbar sind. Die Handelsblatt Jahrestagung widmet sich deshalb am Nachmittag auch ausdrücklich der Kraftwerksstrategie und der Frage, welche Rolle Gas künftig in der Stromversorgung spielen kann.
Auch die Wärmeversorgung bleibt ein Konfliktfeld. Mit Georg Friedrichs, Vorstandsvorsitzender der GASAG, und weiteren Experten steht am Nachmittag die Frage auf dem Programm, welchen Einfluss Gebäudemodernisierungsgesetz und kommunale Wärmeplanung auf den Gasverbrauch haben werden. Später sollen unter anderem Nina Scholz von Equinor und Patrick Graichen über die Frage diskutieren, wie lange fossiles Gas noch benötigt wird und ob der Ausstieg tatsächlich zu größerer Unabhängigkeit führt.
Die Veranstaltung macht damit ein Dilemma sichtbar, das die deutsche Energiepolitik noch über Jahre beschäftigen dürfte. Europa will weniger fossile Energie verbrauchen und zugleich seine Abhängigkeit von einzelnen Staaten reduzieren. Doch der Übergang selbst erzeugt neue Abhängigkeiten: von LNG-Terminals, internationalen Lieferverträgen, globalen Preisen und zunehmend auch von politischen Entscheidungen außerhalb Europas.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Gas eine Zukunft hat oder nicht. Entscheidend ist, welche Rolle Gas in einem Energiesystem spielen soll, das gleichzeitig sicher, bezahlbar und klimaverträglich sein muss. Die ersten Diskussionen der Handelsblatt Jahrestagung Gas zeigen: Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Aber die Konfliktlinien sind deutlich sichtbar.
