Zehn Milliarden für die digitale Bundeswehr
Bei den BWI Industry Days in Berlin wird sichtbar, wie stark sich die Anforderungen an die militärische IT verändern. Die Bundeswehr braucht nicht nur mehr Geld für Waffen und Munition, sondern auch eine digitale Infrastruktur, die im Frieden funktioniert, in der Krise belastbar bleibt und im Ernstfall unter erheblich schwierigeren Bedingungen eingesetzt werden kann. Die BWI, der zentrale IT-Dienstleister der Bundeswehr, kündigte am 1. September an, bis 2031 zusätzliche Aufträge von mehr als zehn Milliarden Euro an die Wirtschaft vergeben zu wollen. Die Summe markiert damit nicht allein ein großes Beschaffungsvolumen. Sie steht für den Versuch, die Digitalisierung der Streitkräfte unter den Bedingungen einer veränderten Sicherheitslage deutlich zu beschleunigen.
Rund 900 Vertreterinnen und Vertreter aus Bundeswehr, Industrie, Wissenschaft und Forschung kamen am 1. und 2. September im Berliner KOSMOS zu den Industry Days zusammen. Im Mittelpunkt standen neben den geplanten Vergaben vor allem technologische Fragen: künstliche Intelligenz, Cloud-Systeme, Automatisierung, autonome und unbemannte Systeme, Cyberabwehr, Simulation sowie die Widerstandsfähigkeit digitaler Lieferketten. Die BWI bezeichnete die Veranstaltung als Plattform für den Austausch über die technologische und organisatorische Transformation der Bundeswehr.
Der Hintergrund ist ein sicherheitspolitischer Kurswechsel, der inzwischen auch in den Haushaltszahlen sichtbar wird. Für 2026 sind im Einzelplan des Verteidigungsministeriums 82,7 Milliarden Euro vorgesehen. Zusammen mit weiteren verteidigungsbezogenen Ausgaben und dem Sondervermögen Bundeswehr ergibt sich ein erheblich größeres Gesamtvolumen. Für die kommenden Jahre ist ein weiterer Aufwuchs geplant. Nach den aktuellen Finanzplanungen soll der Verteidigungshaushalt 2029 rund 158,8 Milliarden Euro erreichen; hinzu kommen weitere sicherheitsbezogene Ausgaben. Deutschland bewegt sich damit auf das neue NATO-Ziel zu, mindestens 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die eigentlichen Verteidigungsanforderungen aufzuwenden. Das Bündnis hat darüber hinaus vereinbart, bis 2035 insgesamt fünf Prozent des BIP für Verteidigung und damit verbundene Sicherheitsausgaben zu mobilisieren.
Für die IT bedeutet dieser Aufwuchs eine strukturelle Veränderung. Die digitale Infrastruktur ist längst kein nachgelagerter Verwaltungsbereich mehr. Sie ist Bestandteil militärischer Führungs- und Einsatzfähigkeit. Informationen müssen zwischen Verbänden, Führungsebenen und Waffensystemen zuverlässig ausgetauscht werden. Gleichzeitig müssen Netze und Rechenkapazitäten auch dann verfügbar bleiben, wenn einzelne Standorte ausfallen, Kommunikationswege gestört werden oder ein Gegner versucht, Systeme durch Cyberangriffe zu beeinträchtigen. Die BWI spricht deshalb von einem resilienten, hochverfügbaren, sicheren und skalierbaren IT-System.
Ein wichtiger Schritt ist dabei die Abkehr von einer IT, die vor allem auf den klassischen Büroarbeitsplatz ausgerichtet ist. Mit der stärkeren Orientierung der Bundeswehr auf Landes- und Bündnisverteidigung wächst die Bedeutung militärisch nutzbarer digitaler Fähigkeiten. Rechenzentren müssen nicht nur effizient betrieben, sondern teilweise auch verlegefähig gemacht werden. Cloud-Technologien sollen Daten und Anwendungen flexibler bereitstellen. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Automatisierung und künstlicher Intelligenz, etwa bei der Auswertung großer Datenmengen, bei Simulationen oder bei der Unterstützung von Entscheidungsprozessen. Daraus entsteht allerdings ein Spannungsfeld: Je stärker militärische Prozesse digitalisiert werden, desto größer wird auch ihre Abhängigkeit von sicheren Netzen, Software, Rechenkapazitäten und funktionierenden Lieferketten.
Die BWI arbeitet an mehreren zentralen Bausteinen dieser Infrastruktur. Dazu gehören der Rechenzentrumsverbund, die private Cloud der Bundeswehr, kurz pCloudBw, und das German Mission Network. Der Rechenzentrumsverbund soll dabei helfen, IT-Leistungen resilienter bereitzustellen. Die private Cloud soll Anwendungen und Daten innerhalb einer kontrollierten Umgebung verfügbar machen. Das German Mission Network wiederum ist auf die Anforderungen militärischer Kommunikation und Führung ausgerichtet. Für diese Vorhaben hatte der Haushaltsausschuss bereits Ende 2024 die finanziellen Voraussetzungen geschaffen.
Die Entwicklung baut auf einer längeren Geschichte auf. Die BWI entstand aus dem 2007 gestarteten HERKULES-Projekt, mit dem die IT- und Telekommunikationsinfrastruktur der Bundeswehr grundlegend modernisiert und vereinheitlicht wurde. Ende 2016 übernahm der Bund die Gesellschaft vollständig. Seitdem arbeitet die BWI auf Grundlage eines unbefristeten Leistungsvertrags für die Bundeswehr. Was damals vor allem die Konsolidierung und Modernisierung der nichtmilitärischen IT bedeutete, wird inzwischen zu einem wesentlich breiteren Auftrag: Die IT soll die Bundeswehr auch unter den Bedingungen von Krise und Krieg handlungsfähig halten.
Für die Industrie eröffnet das erhebliche Chancen, zugleich steigen aber die Anforderungen. Die angekündigten mehr als zehn Milliarden Euro sind keine pauschale Investitionszusage an einzelne Unternehmen. Die BWI hat eine Vergabe-Roadmap für 2027 bis 2031 veröffentlicht, die ausdrücklich als unverbindliche Planung zu verstehen ist. Als bundeseigene Gesellschaft und öffentlicher Auftraggeber unterliegt sie dem europäischen Vergaberecht. Damit geht es auch um die Frage, wie sich hohe sicherheitspolitische Dringlichkeit mit transparenten und rechtssicheren Beschaffungsverfahren verbinden lässt.
Gerade kleinere und spezialisierte Technologieunternehmen könnten dabei an Bedeutung gewinnen. Militärische Digitalisierung entsteht nicht ausschließlich bei den traditionellen Rüstungsunternehmen. Kompetenzen liegen auch bei Softwarehäusern, Cloud- und Cybersicherheitsanbietern, Halbleiterunternehmen, Robotikentwicklern, Datenanalysefirmen und Herstellern unbemannter Systeme. Die BWI betont deshalb die Bedeutung eines breiten Partnernetzwerks. Die Herausforderung besteht darin, diese Innovationskraft in eine Infrastruktur einzubinden, die gleichzeitig hohen Anforderungen an Sicherheit, Verfügbarkeit, Zertifizierung und Interoperabilität genügen muss.
Besonders deutlich wird das beim Thema Lieferketten. Eine digitalisierte Streitkraft ist abhängig von Hardware, Software, Rechenzentren, Energieversorgung, Telekommunikation und spezialisierten Dienstleistern. Ein Ausfall einzelner Komponenten kann deshalb Folgen haben, die weit über ein gewöhnliches IT-Problem hinausgehen. Unternehmen müssen ihre eigenen Lieferketten überprüfen, alternative Bezugsquellen aufbauen und ihre Systeme gegen Cyberangriffe absichern. Für die öffentliche Hand wiederum stellt sich die Frage, wie weit Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern und Technologien akzeptabel sind.
Der Krieg in der Ukraine hat diese Problematik zusätzlich verschärft. Er hat gezeigt, dass militärische Fähigkeiten nicht nur auf hochkomplexen Großsystemen beruhen, sondern zunehmend auch auf vergleichsweise kostengünstigen und schnell weiterentwickelten Technologien. Drohnen, elektronische Kampfführung, Sensorik, Software und die Fähigkeit, Daten nahezu in Echtzeit auszuwerten, verändern die Anforderungen an Streitkräfte. Damit verkürzt sich zugleich der technologische Lebenszyklus. Was heute als fortschrittliche Lösung gilt, kann wenige Jahre später bereits überholt sein.
Für die Bundeswehr bedeutet das einen grundlegenden Zielkonflikt. Sie muss langfristig stabile Systeme aufbauen und zugleich schnell auf neue Technologien reagieren können. Klassische Beschaffungszyklen, die über viele Jahre laufen, treffen auf eine IT-Welt, in der Software und digitale Komponenten wesentlich schneller verändert werden. Die Digitalisierungsoffensive ist deshalb nicht nur eine Frage des Geldes. Sie ist auch eine Frage von Beschaffungsprozessen, technischen Standards, Personal und organisatorischer Anpassungsfähigkeit.
Die BWI selbst steht dabei vor einer Transformation ihrer Strukturen und Leistungen. Mit dem wachsenden Aufgabenspektrum verändern sich auch die Anforderungen an Personal, Führung und technologische Kompetenz. Gleichzeitig bleibt der Betrieb der bestehenden Infrastruktur eine zentrale Aufgabe. Die Bundeswehr kann ihre laufenden Systeme nicht zugunsten neuer Projekte vernachlässigen. Digitalisierung bedeutet daher nicht, das Alte einfach durch das Neue zu ersetzen, sondern eine bestehende, sicherheitskritische IT-Landschaft schrittweise umzubauen, ohne ihre Verfügbarkeit zu gefährden.
Das macht die kommenden Jahre zu einer Bewährungsprobe für den gesamten deutschen Verteidigungs- und Technologiesektor. Die finanziellen Voraussetzungen sind deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Doch höhere Haushalte garantieren noch keine höhere militärische Leistungsfähigkeit. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, aus den zusätzlichen Mitteln schneller verfügbare Fähigkeiten zu entwickeln, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und industrielle Kapazitäten so aufzubauen, dass sie im Bedarfsfall tatsächlich skalieren können.
Die mehr als zehn Milliarden Euro, die die BWI bis 2031 an die Wirtschaft vergeben will, sind deshalb weniger ein Endpunkt als ein Indikator für den begonnenen Strukturwandel. Die Bundeswehr wird in den kommenden Jahren erheblich mehr in digitale Fähigkeiten investieren müssen. Zugleich wird die Industrie beweisen müssen, dass sie nicht nur innovative Einzeltechnologien entwickeln, sondern diese auch sicher, interoperabel und in ausreichender Größenordnung in einen militärischen Gesamtverbund integrieren kann. Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr, ob Deutschland seine Verteidigungs-IT modernisieren muss. Es geht darum, ob diese Modernisierung schnell genug gelingt, um mit einer sicherheitspolitischen Lage Schritt zu halten, in der technologische Überlegenheit immer stärker zur Voraussetzung militärischer Handlungsfähigkeit wird.
