Berlin als Schaufenster für die Zukunft des Wohnens
Beim Design Day in Berlin wurde deutlich, wie stark sich die Einrichtungsbranche zwischen Handwerk, Materialforschung und individueller Raumplanung bewegt. Im Mittelpunkt der textile-driven Brand Portfolio Presentation von JAB Anstoetz in stand dabei weniger das einzelne Möbelstück als die Frage, wie Materialien, Akustik, Licht und Architektur zu einem Raumgefüge zusammenfinden. Anlass war auch das 80-jährige Bestehen der Bielefelder Unternehmensgruppe. JAB Anstoetz wurde 1946 gegründet und beschäftigt heute nach eigenen Angaben rund 1.600 Menschen weltweit. Die Gruppe ist in mehr als 80 Ländern vertreten.
Die geführte Tour durch das Berliner Einrichtungshaus Living im Rahmen der Design Days Berlin führte durch verschiedene Markenwelten. Zu den beteiligten Unternehmen gehörten unter anderem B&O, Bretz, Roche Bobois, Rolf Benz, TEAM 7 und Niessing. Anschließend war bei einem Cocktail Gelegenheit zum Austausch zwischen Herstellern, Innenarchitekten, Designern und Gästen.
Bei JAB Anstoetz selbst rückte zunächst das textile Material in den Mittelpunkt. Vorhänge, Bezugsstoffe, Teppiche und Bodenbeläge wurden dabei nicht allein als dekorative Elemente verstanden. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt inzwischen auf Lösungen für Räume, in denen Akustik eine ebenso große Rolle spielt wie die Optik. Die Gruppe hat ihr Angebot in den vergangenen Jahren deshalb um Akustiklösungen erweitert. In Berlin wurden unter anderem textile Akustikpaneele gezeigt, die mit unterschiedlichen Formen, Materialien und integrierter Beleuchtung gestaltet werden können. Auch mehrlagige Vorhangsysteme gehören zu diesem Ansatz. Nach Angaben des Unternehmens können bestimmte Systeme den Schall deutlich reduzieren. Die Entwicklung solcher Produkte zeigt, wie sehr sich die klassische Raumausstattung inzwischen mit Fragen der Raumakustik und der Arbeitswelt verbindet. Gerade in Büros, Hotels, Gastronomie und öffentlichen Gebäuden müssen Räume heute gleichzeitig offen, flexibel und akustisch kontrollierbar sein. Die Akustiksparte von JAB Anstoetz besteht seit 2022.
Dass textile Gestaltung längst über das private Wohnzimmer hinausreicht, wurde auch anhand verschiedener Referenzprojekte deutlich. Genannt wurden unter anderem Hotels, Restaurants, Gesundheitsbauten, Einzelhandelsflächen und Büroprojekte. Vorhänge, Polstermöbel, Teppiche und akustisch wirksame Elemente werden dabei auf die jeweilige Architektur abgestimmt. Das Prinzip ist weniger ein fertiges Einrichtungspaket als eine Kombination aus Material, Funktion und individueller Planung.

Bei Bretz verschob sich der Schwerpunkt anschließend deutlich in Richtung Farbe und Polsterung. Der traditionsreiche Hersteller aus Gensingen präsentierte seine charakteristisch voluminösen Sofas und Sessel mit kräftigen Farben, markanten Silhouetten und auffälligen Stoffmustern. Muster wie Zebraoptiken und hochflorige, taktile Oberflächen standen dabei für eine Gestaltung, die nicht nur über das Auge funktioniert. Möbel sollten ausdrücklich ausprobiert werden. Sitzen, Liegen und die Beschaffenheit der Materialien wurden Teil der Präsentation. Bretz betont dabei die Fertigung in Deutschland und die lange Geschichte des Familienunternehmens.

Ein anderes Verständnis von Material zeigte TEAM 7. Der österreichische Möbelhersteller konzentriert sich auf Massivholz und verbindet traditionelle Verarbeitung mit individuell planbaren Möbeln. Das Unternehmen wurde 1959 gegründet und produziert nach eigenen Angaben in Oberösterreich.
In Berlin wurde unter anderem ein neuer Tisch von Stephanie Jasny vorgestellt, dessen organische Form sich an Strukturen der Natur orientiert. Eiche, Kirschbaum und Nussbaum gehören zu den verwendeten Holzarten. Die Oberflächen werden mit Naturöl behandelt. Interessant war vor allem die Konstruktion: TEAM 7 arbeitet mit mehrschichtig aufgebauten Holzelementen, um die natürlichen Bewegungen des Materials besser kontrollieren zu können. Denn Massivholz reagiert auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Die Konstruktion muss deshalb nicht nur ästhetischen, sondern auch technischen Anforderungen genügen. Das Unternehmen beschreibt seine Möbel entsprechend als individuell planbare Produkte und verweist auf die Verbindung von Handwerk und moderner Fertigung.
Auch die Funktionalität spielte eine Rolle. Ausziehbare Tische können auf unterschiedliche Raumgrößen reagieren, während maßgefertigte Schranksysteme und Raumteiler Wohn- und Arbeitsbereiche miteinander verbinden. In Zeiten kleinerer Wohnungen und multifunktionaler Räume wird diese Anpassungsfähigkeit zu einem wesentlichen Bestandteil zeitgemäßer Möbelgestaltung. Der Berliner TEAM-7-Standort arbeitet entsprechend mit individuell geplanten Raumkonzepten.

Ein weiterer Schwerpunkt der Tour lag auf der Küche. Gezeigt wurden Lösungen mit großformatigen Keramikflächen, integrierten Induktionssystemen, elektronischen Auszügen und individuell geplanten Inseln. Auffällig war dabei weniger die technische Ausstattung als die zunehmende Verschmelzung von Küche und Wohnraum. Arbeitsflächen werden zu Möbeloberflächen, Geräte verschwinden in der Architektur, Materialien laufen über mehrere Flächen hinweg. Selbst Spülen und Rückwände können optisch in das Gesamtkonzept integriert werden.
Damit zeigte die Berliner Tour einen Trend, der die gesamte Branche beschäftigt: Die Grenzen zwischen Möbel, Architektur und Innenausbau werden durchlässiger. Der Kunde kauft immer seltener lediglich einen Tisch, ein Sofa oder eine Küche. Gefragt sind zunehmend Lösungen für einen konkreten Raum, seine Nutzung und seine Atmosphäre. Materialwahl, Akustik, Licht, Stauraum und technische Funktionen werden gemeinsam gedacht.
Ein weiterer Schwerpunkt der Tour lag auf Poggenpohl. Im LIVING BERLIN präsentiert Küchen + Einrichtung Thiem unter dem Namen „Poggenpohl by Thiem“ die Küchen des traditionsreichen deutschen Herstellers. Inhaber Torsten Thiem erläuterte anhand einer aktuellen Planung, wie sich Küche und Wohnraum zunehmend miteinander verbinden. Gezeigt wurden großformatige Keramikflächen, individuell geplante Inseln, integrierte Induktion, elektronische Auszüge und maßgefertigte Lösungen. Besonderes Augenmerk lag auf der handwerklichen Verarbeitung der Oberflächen. Stein, Holz und Keramik werden dabei nicht nur als funktionale Materialien eingesetzt, sondern als prägende Elemente der Raumarchitektur. Küchen + Einrichtung Thiem arbeitet nach eigenen Angaben seit 1971 mit Poggenpohl und weiteren Herstellern hochwertiger Küchentechnik zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei die individuelle Planung, vom Aufmaß über die Gestaltung bis zur Montage.
Der abschließende Cocktail im LIVING BERLIN setzte diesem eher fachlichen Rundgang einen gesellschaftlichen Rahmen. Zwischen Stoffmustern, Naturholz, Polstermöbeln und Küchenoberflächen wurde sichtbar, wie unterschiedlich die Antworten auf eine gemeinsame Frage ausfallen: Wie soll ein Raum künftig aussehen und sich anfühlen? Die Berliner Designszene liefert darauf derzeit weniger eine einheitliche Antwort als eine Vielzahl von Konzepten. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Rückkehr zu Materialität, handwerklicher Qualität und stärker individualisierten Lösungen.
Design Days Berlin: Eine Stadt wird zum Showroom
Berlin muss für die Design Days nicht erst zur Messe werden. Die Stadt selbst ist die Ausstellungsfläche. Zwischen Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg führt der Rundgang durch Showrooms, Studios und Geschäftsräume, vorbei an Möbeln, Leuchten, Küchen, Textilien und technischen Produkten. Die erste Ausgabe der DesignDays.Berlin vom 24. bis 26. September 2026 setzt bewusst auf dieses dezentrale Prinzip. Mehr als 80 Marken, Showrooms und Partner sind inzwischen beteiligt, das Programm verteilt sich auf mehr als 25 Orte. Berlin feiert dabei zugleich 20 Jahre UNESCO City of Design.
Der Rundgang beginnt am Vormittag bei foldt x SKS in der Grolmanstraße. Schon hier wird deutlich, worum es bei dem neuen Format geht: weniger um eine Ansammlung von Messeständen als um die unmittelbare Begegnung mit Räumen, Materialien und Produkten. Die Design Days wollen den Blick hinter die fertige Oberfläche ermöglichen. Talks, Präsentationen, Workshops und Gespräche sollen zeigen, wie Gestaltung entsteht und welche Rolle Material, Handwerk, Technologie und Nachhaltigkeit dabei spielen. Veranstalter sind H.O.M.E. und on time PR.

Wenige Minuten später führt die Route zu BERLINRODEO in der Uhlandstraße. Das Berliner Interior-Studio verbindet seinen Auftritt mit einem eigenen Jubiläum: BERLINRODEO besteht seit 20 Jahren. Im Zentrum steht dabei nicht allein die Frage, wie ein Raum eingerichtet wird, sondern wie Interior Design mit Kunst, Farbe und gesellschaftlichen Veränderungen umgehen kann. In dem Studio ist diese Haltung besonders sichtbar. Ein Wandbild entstand gemeinsam mit Berliner Künstlern, Möbel und Objekte werden nicht lediglich als einzelne Produkte präsentiert, sondern als Bestandteile einer inszenierten räumlichen Erzählung.
Besonders auffällig ist eine Kooperation, bei der ein DDR-Stuhl neu interpretiert wurde. Aus einem Alltagsgegenstand der ostdeutschen Vergangenheit wird ein zeitgenössisches Designobjekt. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur die Verwendung neuer Materialien, sondern auch die Beschäftigung mit dem Vorhandenen. Ein Gegenstand wird nicht entsorgt, weil er aus einer anderen Zeit stammt, sondern erhält eine neue gestalterische Bedeutung. Gerade für Berlin, eine Stadt, deren Geschichte bis heute in ihren Materialien, Gebäuden und Alltagsobjekten sichtbar ist, ist das mehr als eine dekorative Idee.

Bei BERLINRODEO wird zudem deutlich, wie sehr die Design Days mit dem Berliner Selbstverständnis spielen. Die Präsentation setzt auf starke Farben, unterschiedliche Materialien und bewusst gesetzte Brüche. Zwei Farbtöne strukturieren den Raum, dazu kommen individuell gestaltete Teppiche und Möbel. Einige Objekte stammen aus Kooperationen mit internationalen Künstlern. Der Showroom wird damit zum Experimentierfeld. Nicht alles muss bereits für einen konkreten Kunden entworfen sein. Design darf hier zunächst eine Frage stellen.
Weiter geht es zum Mittagessen bei Bulthaup und Rowico in der Lietzenburger Straße. Auch diese Station ist charakteristisch für das Konzept der Design Days. Küche und Wohnen werden nicht getrennt betrachtet. Die Küche ist längst nicht mehr nur ein funktionaler Arbeitsraum, sondern Teil eines offenen Wohnkonzepts. Möbelhersteller und Küchenanbieter treffen deshalb in einem gemeinsamen Raum aufeinander. Im Rahmen der Design Days ist daraus ein Lunch für Presse und Content Creator entstanden, der die Verbindung von Küche, Essbereich und Wohnen praktisch vorführt. Das offizielle Programm führt die Veranstaltung ausdrücklich als Kooperation von bulthaup und Rowico Home.

Von dort sind es nur wenige Schritte zum On-Time-Showroom in der Lietzenburger Straße. Der Raum steht exemplarisch für den zweiten Schwerpunkt des Formats: Design als kuratierte Begegnung. Statt eines einzigen Stils treffen unterschiedliche Positionen aufeinander. Möbel, Materialien und Objekte werden in einen räumlichen Zusammenhang gestellt, der eher an eine Ausstellung als an einen klassischen Verkaufsraum erinnert. Auch Bur Objects gehört zum Programm der Design Days. Das Berliner Label versteht Möbel nach eigener Darstellung nicht lediglich als einzelne Einrichtungsgegenstände, sondern als Elemente eines größeren visuellen Umfelds.
Die nächste Station ist Supergloo in der Kleiststraße. Das Studio arbeitet an der Schnittstelle von Kommunikation, Markenentwicklung, Events und Gestaltung. Damit erweitert sich der Begriff Design um eine Dimension, die auf klassischen Möbelmessen häufig nur am Rand vorkommt: die Frage, wie Marken heute visuell und räumlich erzählt werden. Supergloo beschreibt seinen Berliner Standort als Raum für Präsentationen, Pop-ups und kreative Veranstaltungen.
Am späten Nachmittag wird das Thema Licht zum Schwerpunkt. Bei Occhio am Kurfürstendamm steht die neue portable Leuchtenfamilie Era im Mittelpunkt. Die Präsentation macht dabei etwas sichtbar, das bei Lichtdesign leicht unterschätzt wird: Eine Leuchte ist nicht allein ein Objekt, das einen Raum erhellt. Entscheidend ist, wie Licht verteilt wird, welche Bereiche betont werden und welche Atmosphäre dadurch entsteht. In der Präsentation wird deshalb mit unterschiedlichen Lichtintensitäten und indirekten Lichtquellen gearbeitet. Aus einzelnen Leuchten entsteht ein räumliches Konzept.
Das passt zur Entwicklung, die sich in der Branche seit Jahren beobachten lässt. Beleuchtung wird zunehmend als Teil der Architektur und Innenraumplanung verstanden. Technische Funktionen wie Dimmbarkeit, Farbtemperatur, Steuerung und Smart-Home-Integration treten dabei neben die klassische Gestaltung. Bei Occhio wird diese Verbindung besonders deutlich. Die Design Days führen die Besucher damit von Möbeln und Materialien zu einer Frage, die für die Wahrnehmung eines Raumes ebenso entscheidend ist: Wie soll sich ein Raum anfühlen?
Zum Abschluss führt der Rundgang ins LIVING BERLIN an der Kantstraße. Das Haus bündelt auf mehreren Etagen zahlreiche Marken aus den Bereichen Möbel, Küche, Licht, Textilien und Interior-Technologie und wird während der Design Days selbst zu einem wichtigen Knotenpunkt des Programms. Zu den beteiligten Marken gehören unter anderem Bang & Olufsen, Bretz, Ligne Roset, Niessing, Poggenpohl by Thiem, Roche Bobois, Rolf Benz und TEAM 7.
Bei Bang & Olufsen verschiebt sich der Schwerpunkt schließlich von der Gestaltung des Raumes zur Gestaltung des Klangs. Der Berliner Store im LIVING BERLIN verbindet Audio, Möbel und technische Integration. Dabei wird sichtbar, wie eng Unterhaltungselektronik und Interior Design inzwischen miteinander verbunden sind. Laut Standortbeschreibung gehören neben der Präsentation der Geräte auch individuelle Beratung, Installation und die Integration in bestehende Wohnkonzepte zum Angebot.
Der Rundgang durch die Design Days Berlin erzählt damit letztlich weniger von einzelnen Produkten als von einer Veränderung der Designlandschaft selbst. Küche, Möbel, Licht, Akustik, Architektur, Kunst und digitale Technik lassen sich immer schwerer voneinander isolieren. Ein Tisch ist nicht mehr nur ein Tisch, eine Leuchte nicht nur eine Lichtquelle und ein Lautsprecher nicht nur ein technisches Gerät. Entscheidend ist das Zusammenspiel.
Gerade darin liegt der Unterschied zu einer klassischen Messe. Die Besucher wechseln nicht nur von Stand zu Stand, sondern bewegen sich durch die Stadt. Die Orte werden Teil der Präsentation. Charlottenburg und Wilmersdorf erscheinen für einige Tage als zusammenhängender Designbezirk, obwohl die einzelnen Stationen wirtschaftlich und gestalterisch sehr unterschiedlich sind. Das Format versucht damit, eine Eigenschaft Berlins zu nutzen, die sich auf einem konventionellen Messegelände nur schwer abbilden lässt: seine räumliche und kulturelle Vielfalt.
Die erste Ausgabe der DesignDays.Berlin versteht sich entsprechend als Plattform und nicht als klassische Leistungsschau. Auf dem Programm stehen Ausstellungen, Talks, Produktvorstellungen, Workshops, Abendveranstaltungen und Begegnungen. Inhaltlich reichen die Themen von Nachhaltigkeit und Handwerk bis zu künstlicher Intelligenz, Materialien und der Zukunft des gebauten Raums.
Dass die Premiere ausgerechnet in einem Jahr stattfindet, in dem Berlin seit zwei Jahrzehnten den UNESCO-Titel „City of Design“ trägt, gibt dem Format einen zusätzlichen Rahmen. Es geht dabei weniger um einen Rückblick auf zwanzig Jahre Berliner Designgeschichte als um die Frage, wie sich die Stadt als Designstandort weiterentwickelt. Der Rundgang durch die Showrooms liefert darauf keine abschließende Antwort. Er zeigt aber, wo diese Entwicklung stattfindet: nicht an einem einzigen Ort, sondern mitten in der Stadt.
