Am Freitagabend wurde im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt in Berlin-Neukölln eine Ausstellung eröffnet, die sich fotografisch und dokumentarisch mit den langfristigen Folgen des verheerenden Erdbebens vom 6. Februar 2023 in der Türkei und Nord-Syrien auseinandersetzt. Drei Jahre nach dem Beben, dessen Ausmaß in seiner Kombination aus wissenschaftlicher Zerstörung, gesellschaftlicher Dislokation und andauernder humanitärer Not bis heute nachwirkt, versammelt die Ausstellung „Auf den Spuren des Erdbebens/Depremin izinde“ Arbeiten des Fotojournalisten Gürcan Öztürk, der zu den ersten internationalen Helfern vor Ort gehörte und die Region in den Folgejahren wiederholt dokumentierte.

Das Beben mit einer Magnitude von 7,8, gefolgt von einer 7,7-Nachbebenfolge, traf eine weitläufige Zone im Südosten der Türkei und im Nordwesten Syriens unmittelbar an der Grenze. Nach den aktuellsten wissenschaftlich und amtlich geprüften Schätzungen gehörte es zu den tödlichsten Naturkatastrophen der jüngeren Geschichte in dieser Region: mehr als 53 000 Tote und über 100 000 Verletzte allein in der Türkei, zusätzlich mehrere tausend Tote in Syrien, Millionen von Obdachlosen und Schäden in Milliardenhöhe wurden registriert. Das Ausmaß des sozialen und ökonomischen Schadens umfasst nach Schätzungen mehr als 1,5 Millionen dauerhaft Obdachlos gewordene Personen und bis zu 14 Millionen direkt Betroffene, deren Lebensräume zerstört wurden. Diese Zahlen stehen für ein Erdbeben, das nicht nur physische Strukturen, sondern auch soziale Netze und kulturelle Identitäten zerriss.

Öztürks Arbeiten zeichnen ein Bild dieser Dimensionen, indem sie nicht nur Trümmerlandschaften und humanitäre Einsätze zeigen, sondern den fortdauernden Alltag der Überlebenden in den Blick nehmen. Die Schau korrespondiert so mit einem Wandel der Wahrnehmung: weg vom unmittelbaren Schock der Katastrophe hin zu einem Verständnis des Erdbebens als langfristigem, gesellschaftlichen Umbruch. Katastrophenforscher verweisen darauf, dass Aufbau und Erinnerungskultur Jahrzehnte beanspruchen, weil physische Zerstörung und soziale Verwundung in vielen betroffenen Gemeinden eng verflochten bleiben.

In Berlin versammelte der Eröffnungsempfang ein breites Spektrum von Gästen: aus der Politik, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen ebenso wie Repräsentanten internationaler Hilfsnetzwerke. Auf der Bühne sprachen neben Vertreterinnen und Vertretern des Berliner Senats auch Experten des Helmholtz-Instituts Potsdam sowie Mitglieder medizinischer und technischer Hilfsorganisationen. Die Veranstalter verbinden mit der Ausstellung den Anspruch, Erinnerung und politisches Bewusstsein zu verbinden, indem sie visuelle Dokumente einem breiteren europäischen Publikum zugänglich machen und den Blick für strukturelle Ursachen von Verwundbarkeit schärfen, etwa in Bezug auf Bauvorschriften, Risikokommunikation und Katastrophenvorsorge.

Parallel zur retrospektiven Auseinandersetzung thematisiert die Ausstellung auch Perspektiven des Wiederaufbaus: Wie lassen sich zerstörte urbane Räume nicht nur rekonstruktiv, sondern sozial inklusiv neu denken? Wie können Fotografien zur sozialen Debatte über Gerechtigkeit, Reparatur und Solidarität beitragen? Diese Fragen ziehen sich durch die gezeigten Serien des in Berlin lebenden Fotografen, der seit zwei Jahren wiederholt in die betroffenen Regionen gereist ist und Menschen porträtiert hat, deren Leben unmittelbar von Verlust und Hoffnung zugleich geprägt ist.

Der Ausstellung selbst folgt ein Programm, das über die Dauer der Schau bis zum 25. April 2026 reicht und auf Dialogveranstaltungen, Vermittlungsangebote und lokale Kooperationen setzt. Damit wird sie Teil einer wachsenden Debatte über die politischen und sozialen Dimensionen großer Naturkatastrophen, die weit über das unmittelbare Ereignis hinausreichen und deren Spuren erst allmählich sichtbar werden.

Von admin