Digitale Medizin braucht mehr als Technik: Beim Zi-Congress geht es um die Belastbarkeit der ambulanten Versorgung
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird zunehmend zu einer Frage der Versorgungssicherheit. Beim Zi-Congress Versorgungsforschung 2026 in Berlin diskutierten Fachleute aus Wissenschaft, ärztlicher Praxis, Selbstverwaltung und Gesundheitspolitik darüber, wie Telemedizin, Künstliche Intelligenz und Routinedaten dazu beitragen können, die ambulante Versorgung auch unter schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Im Mittelpunkt stand dabei weniger die technische Innovation als deren tatsächlicher Nutzen im Versorgungsalltag. Der zweitägige Kongress des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) fand am 15. und 16. September in der Villa Elisabeth statt. Sein Leitmotiv lautete „Digitale ambulante Versorgung heute und morgen: Evidenz, Innovation, Resilienz“.
Die zentrale Frage lautet, was Digitalisierung leisten kann, wenn die Ressourcen knapp werden. Der demografische Wandel, ein wachsender Versorgungsbedarf und begrenzte personelle Kapazitäten setzen die ambulante Medizin unter Druck. Digitale Anwendungen können dabei Wege verkürzen, Informationen schneller verfügbar machen und bestimmte Behandlungsschritte vom Ort des Arztes lösen. Sie ersetzen jedoch nicht automatisch die medizinische Beziehung zwischen Patient und Arzt. Gerade deshalb wurde auf dem Kongress immer wieder die Notwendigkeit betont, technische Möglichkeiten mit den Strukturen der bestehenden Versorgung zu verbinden.
PD Dr. Angelina Müller von der Goethe-Universität Frankfurt stellte in ihrer Keynote die digitale Resilienz in den Mittelpunkt. Telemedizin, Telekonsile und KI können demnach dazu beitragen, Versorgungssysteme stabiler zu machen, insbesondere wenn herkömmliche Strukturen an ihre Grenzen geraten. Der Gedanke ist auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Corona-Pandemie relevant. Damals wurden Videosprechstunden und telefonische Kontakte in kurzer Zeit erheblich wichtiger. Der Kongress griff diese Entwicklung auf und fragte, welche dieser Veränderungen dauerhaft tragfähig sind.
Dabei zeigte sich ein grundlegendes Spannungsfeld: Digitalisierung kann Versorgung zugänglicher machen, sie kann aber auch neue Zugangshürden schaffen. Nicht jeder Patient verfügt über die technischen Voraussetzungen, die notwendige digitale Kompetenz oder die Bereitschaft, digitale Anwendungen zu nutzen. Eine ausschließlich digitale Strategie würde deshalb einen Teil der Bevölkerung möglicherweise schlechter erreichen. Digitale Resilienz bedeutet aus dieser Perspektive nicht, möglichst viele analoge Prozesse abzuschaffen. Sie bedeutet vielmehr, unterschiedliche Zugangswege so miteinander zu verbinden, dass Patienten auch dann versorgt werden können, wenn einzelne Strukturen ausfallen oder überlastet sind.
Für die ambulante Medizin gewinnt dabei die Frage an Bedeutung, wo eine Behandlung tatsächlich stattfinden muss. Eine Videosprechstunde kann in geeigneten Fällen den Weg in die Praxis ersetzen, ein Telekonsil kann fachärztliche Expertise in Regionen bringen, in denen entsprechende Spezialisten fehlen. Auch asynchrone digitale Verfahren werden erprobt. Das Zi stellte beim Kongress unter anderem Projekte zur telemedizinischen Versorgung im ländlichen Raum, zur augenärztlichen Versorgung in Salzwedel und zur dermatologischen Versorgung vor. Zugleich wurde die Frage ausdrücklich kontrovers diskutiert, ob Telemedizin eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein kann.
Dass die Entwicklung nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Herausforderung ist, zeigt der Blick auf die Praxissoftware. Das Zi untersucht inzwischen systematisch, wie leistungsfähig und benutzerfreundlich Praxisverwaltungssysteme tatsächlich sind. Erfasst werden unter anderem Nutzerzufriedenheit, Fehlerquellen, Bearbeitungszeiten und Klickzahlen. Nach einer Zi-Erhebung von Januar 2026 wollte zu diesem Zeitpunkt etwa jede dritte Arzt- und Psychotherapiepraxis ihr Praxisverwaltungssystem wechseln. 82 Prozent der befragten Praxen berichteten von regelmäßigen Problemen beim Auslesen der elektronischen Gesundheitskarte.
Solche Befunde machen deutlich, weshalb Digitalisierung nicht allein an der Zahl verfügbarer Anwendungen gemessen werden kann. Wenn Software zusätzlichen Aufwand verursacht, instabil ist oder Arbeitsabläufe komplizierter macht, entsteht aus technischer Innovation keine bessere Versorgung. Das Zi will deshalb mit seinem Monitoring eine verlässlichere Vergleichsgrundlage schaffen. Für Anfang 2027 ist ein Transparenzportal angekündigt, das Informationen über Praxisverwaltungssysteme und ergänzende digitale Anwendungen bündeln soll.
Ein zweiter Schwerpunkt des Kongresses lag auf der Nutzung von Gesundheitsdaten. Routinedaten aus der Versorgung können Hinweise darauf geben, wo Versorgungslücken entstehen, welche Patientengruppen besonders gefährdet sind und wie sich Entwicklungen frühzeitig erkennen lassen. Am zweiten Kongresstag wurden deshalb KI-gestützte Frühwarnsysteme und Verfahren zur Identifikation vulnerabler Patientengruppen vorgestellt. Auf der Tagesordnung standen unter anderem Projekte des HaffNet, Arbeiten des Robert Koch-Instituts und KI-gestützte Vorhersageverfahren auf Basis von Routinedaten.
Der Nutzen solcher Systeme hängt allerdings von der Qualität und Interpretierbarkeit der Daten ab. Eine aktuelle Zi-Studie zeigt beispielsweise, dass selbst die tatsächliche Inanspruchnahme der ambulanten Versorgung mit den bisher verwendeten Kennzahlen nur unvollständig abgebildet werden kann. Für das Jahr 2024 verglich das Institut selbstberichtete Arztkontakte aus dem Sozio-oekonomischen Panel mit vertragsärztlichen Abrechnungsdaten und kam zu dem Ergebnis, dass beide Datenquellen die tatsächliche Zahl ambulanter Kontakte vermutlich unterschätzen. Für eine belastbare Versorgungsplanung müssen deshalb nicht nur mehr Daten, sondern auch bessere Methoden zu ihrer Interpretation zur Verfügung stehen.
Besonders deutlich wird die Bedeutung solcher Strukturen in Krisensituationen. Der zweite Kongresstag widmete sich deshalb der Frage, welche Rolle Telemedizin bei Pandemien, Katastrophen und anderen außergewöhnlichen Belastungen spielen kann. Diskutiert wurden unter anderem die Koordination der ambulanten Versorgung, telemedizinische Anwendungen in der Katastrophenmedizin, polizeiärztliche Telekonsultationen und digital unterstützte Patientenverlegungen. Auch die Perspektive der Psychotherapeutenschaft wurde einbezogen.
Dabei verschiebt sich der Blick von der einzelnen Anwendung auf das gesamte Versorgungssystem. Eine Videosprechstunde ist für sich genommen noch keine resiliente Versorgung. Entscheidend ist, ob Informationen zwischen den Beteiligten sicher übertragen werden, ob Zuständigkeiten geklärt sind und ob Ärzte, Rettungsdienst, Krankenhäuser und weitere Einrichtungen im Ernstfall miteinander kommunizieren können. Auch die geplante Weiterentwicklung der 116117 zu einer zentralen Akutleitstelle setzt auf eine stärkere digitale Vernetzung der Versorgungsebenen. Das Zi hatte bereits bei seiner Urgent Care Conference im Juni auf die Bedeutung einer engeren Verbindung von Praxen, Rettungsdienst und Kliniken hingewiesen.
Am Ende bleibt damit eine eher nüchterne Erkenntnis: Die Zukunft der ambulanten Medizin entscheidet sich nicht daran, wie viele neue digitale Anwendungen entwickelt werden, sondern daran, ob diese Anwendungen zuverlässig in bestehende Versorgungsabläufe integriert werden können. Technik muss sich an medizinischen Bedürfnissen messen lassen, nicht umgekehrt. Vertrauen spielt dabei eine zentrale Rolle, sowohl beim medizinischen Personal als auch bei den Patienten. Wer digitale Verfahren nutzen soll, muss nachvollziehen können, welchen Nutzen sie bringen, wie mit persönlichen Gesundheitsdaten umgegangen wird und an welcher Stelle weiterhin ein persönlicher Kontakt erforderlich ist.
Der Zi-Congress hat diese Fragen deshalb bewusst nicht als reine Technologiefrage behandelt. Neben Telemedizin und KI ging es um Evidenz, Datenqualität, Versorgungsgerechtigkeit und die Fähigkeit des Systems, auf Krisen zu reagieren. Zum Abschluss diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Kassenärztlichen Vereinigungen, Verbraucherschutz, Krankenkassen, Wissenschaft und Bundesgesundheitsministerium unter dem Titel „Telemedizin – zwischen Hoffnung und Hype“ über die Grenzen und Möglichkeiten der Entwicklung.
Die Debatte zeigt damit auch die Grenzen des digitalen Versprechens. Digitalisierung kann Versorgung ergänzen, Fachwissen verfügbar machen und Abläufe beschleunigen. Sie kann aber weder fehlende Ärzte und Pflegekräfte einfach ersetzen noch die strukturellen Probleme des Gesundheitswesens allein lösen. Ihre eigentliche Bewährungsprobe liegt dort, wo Versorgung schwierig wird: auf dem Land, in überlasteten Praxen, bei älteren oder weniger digital versierten Patienten und im Krisenfall. Erst wenn digitale Instrumente auch unter diesen Bedingungen zuverlässig funktionieren, wird aus technologischem Fortschritt ein Beitrag zur Versorgungssicherheit.
